Leider habe ich es damals versäumt, mir den Titel oder den Sender zu merken. Konnte ja nicht wissen, dass mich das immerzu verfolgen und nicht mehr loslassen würde.

Der großartige Wiener Müllmann zum Beispiel, der seine private Garagensammlung weggeworfener, aber durchaus noch brauchbarer Lebensmittel betrieb, zu dem Zweck, diese geretteten Lebensmittel bedürftigen Menschen zukommen zu lassen. Wenn ich mich recht erinnere, war er darin recht erfolgreich. Und wenn ich mich weiter erinnere, wurden ihm diese verdächtigen Umtriebe dann irgendwie behördlicherseits abgedreht oder zumindest sehr erschwert… Ich wüsste gern, was daraus geworden ist. Finde, wie gesagt, den Film nicht mehr. Hätte ich gewusst, wie sehr er mich verfolgt, hätte ich damals besser aufgepasst.

Es war eine hochinteressante Dokumentation, die sich mit Lebensmittelverschwendung, Haltbarkeitsdatum und vielem mehr befasste. Unter anderem auch mit der grauenhaften Unsitte von Supermärkten, ihre Mülltonnen einzusperren, um Lebensmittelretter fernzuhalten, als wären sie Ungeziefer.

Ausführlich war auch in einem Labor gefilmt worden, in dem die Genießbarkeit/Unbedenklichkeit „abgelaufener“ Lebensmittel getestet wurde. Wie lang Gemüse und Obst noch haltbar ist, auch wenn z.B. die Banane schon ein paar braune Flecken hat, das war sehens- und hörenswert. Dann noch, wie sehr wir verarscht werden von den Herstellern, die ja genau nur eines erreichen wollen: Dass die Leute möglichst viel Zeug vor der Zeit wegschmeißen, um flugs neues zu kaufen.

Und derlei mehr. Zum Beispiel, dass die meisten Milchprodukte ungeöffnet bei kühler Lagerung bis zu einem Jahr (!) nach dem angegebenen Haltbarkeitsdatum genießbar bleiben!

Ich sah mich ja sowas von bestätigt in meiner persönlichen Ernährungsphilosophie: So lang es schmeckt und kein grünes Pelzerl drauf wächst, wird es gegessen. Und ich hatte noch nie in meinem langen Leben eine Lebensmittelvergiftung.

Das Tortendiagramm war auch sehr eindrucksvoll. Das allergrößte Tortenstück, nämlich beinahe die Hälfte jener ca. 1.000.000 Tonnen, die in Österreich jedes Jahr weggeworfen werden, kommt aus unseren Privathaushalten. Hunderttausende von Tonnen sind davon Lebensmittel in frisch angebrochenen oder überhaupt ungeöffneten Verpackungen.

Ein anderes Diagramm, das ich neulich gegoogelt habe, erzählt von den Gründen der Entsorgung von teilweise originalverpackten Lebenmitteln: 20% gaben an, eben oft „keine Lust mehr“ auf das grad noch Gekaufte zu haben.

Wer bitte, frage ich mich und jetzt auch euch, wer sind diese üblen Verschwender?

Sind das wirklich die gleichen wie jene, die ernsthaft der Ansicht sind, uns ginge es gar nicht gut hierzulande? Und schon gar nicht hätten wir etwas abzugeben an irgendwelche dahergelaufenen Fremden, die uns wunder was von Krieg, Hunger, schlichtem Überlebenwollen erzählen und in Wahrheit doch nur bequem in „unsere“ sozialen Hängematten hüpfen wollen?

Gescheiter wäre es freilich von denen, stattdessen direkt in unsere Mülltonnen zu hüpfen, kopfüber, denn da könnten sie sich wenigstens bis obenhin mit richtig gutem Zeug satt essen, und das jeden Tag aufs Neue.

Oder sind diese Verschwender vielleicht die gleichen wie jene, die lauthals krähen: „Kümmert euch lieber um unsere Obdachlosen!“, während sie – schon wieder, wie so oft – einen Sack verschimmeltes Brot, nicht benötigte Tomaten, ranzige Wurst und ein paar „abgelaufene“, aber in Wahrheit noch lang, lang, lang genießbare Joghurts in die Tonne schmeißen, weil sie – schon wieder, wie so oft – viel zu gedankenlos viel zu viel eingekauft haben? Nein, nein, nein, nicht für „unsere“ Armen und Obdachlosen!

Bloß für den Müll.

Den Rest jedenfalls gab mir dann noch die Sache mit dem Hühnchen in dem Labor. Ein Hühnchen, das nach einer Woche im Kühlschrank offenbar nun wirklich nicht mehr besonders gut roch und von dessen Verzehr auch der damit befasste Experte abraten musste.

Immer noch trage ich das Bild dieses kleinen, toten, nackten Körpers mit mir herum, wie er im grellen Laborlicht herumgedreht, gedrückt, berochen, besprochen und verworfen wird. Sehe vor mir, wie er zum restlichen Abfall in die Tonne plumpst, sehe die gerümpfte Nase des Laboranten, stellvertretend für alle anderen gerümpften Nasen und ihr „Wääh, grauslich, das tauschen wir aus, kaufen ein neues, das dann auch wieder so lang im Kühlschrank liegen kann, bis es stinkt.“

Armes kleines Hühnchen, denke ich, während mir irgendetwas den Hals zuschnürt. Armes kleines Lebewesen. Denn das warst du, du hast gelebt, wenn man dein Vegetieren in der Massenbilligproduktion denn überhaupt ein Leben nennen kann. Du hast gelitten, kanntest Enge, Schmerzen, Hoffnungslosigkeit. Nur das kanntest du und kanntest es nur so, du hast niemals auch nur erfahren, dass es irgendwo auch noch etwas anderes gäbe, Wiesen, Würmer, Wolken. Bist schließlich dann auf unsägliche Weise umgebracht worden, auf einem kalten grausamen Fließband des Todes, vor dir die Leichen deiner Artgenossen, in dir und hinter dir das blanke Grauen, und das einzige, das man noch ein wenig Glück in deinem Unglück nennen könnte, ist dies: Du bist wenigstens nicht besonders alt geworden. Ein paar Wochen oder höchstens Monate vielleicht hat es in dieser Hölle geschlagen, dein armes nur ca. 2 Zentimeter kleines angstgebeuteltes Herz.

Und nun, am Ende all dessen, da bist du ungenießbar, das ist es, was von dir und deinem Dasein bleibt. Ungenießbar, weil jemand einfach vergessen hat, oder halt grad keine Lust hatte, dich rechtzeitig zu braten und zu essen und so deinem Sterben wenigstens irgendwie Sinn zu verleihen.

Jemand. Eine oder einer von denen, denen fremdes Leben nichts bedeutet, und auch nicht fremder Tod, so lang das alles nur nicht das eigene Wohlgefühl tangiert und unsichtbar passiert. Deren Kriterium für den Wert eines Lebens die 2 Euro 65 sind, die sie für so ein ehemaliges Lebewesen an der Kasse lassen, ein Betrag, bei dem man es ruhig auch mal verschmerzt, das Ding halt ungegessen auf den Müll zu schmeißen.

Das sind die, denen jeglicher Respekt fehlt und die außerhalb ihres Tellerrandes durch genau diese Respektlosigkeit alles Leben zu dem machen, als was es dann eben endet.

Ja genau. Müll.

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Maria Lodjn

Maria Lodjn bewertete diesen Eintrag 08.12.2016 08:40:45

G. Szekatsch

G. Szekatsch bewertete diesen Eintrag 08.12.2016 08:04:55

sisterect

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