Ich kannte einen, der wohnte im ersten Stock an einer Kreuzung, mit Blick auf ein Stoppschild. Er verbrachte fast seine ganze Freizeit damit, sich die Nummern aller Autos aufzuschreiben, die nicht mindestens zwei Sekunden lang an diesem Stoppschild anhielten. Zwecks Anzeige nämlich. Die zuständigen Polizisten litten sehr unter ihm.

Wir alle kennen einen anderen, zumindest aus den Medien, der seine gesamte Freizeit damit verbringt, von Gaststätte zu Gaststätte zu ziehen, immer in der Hoffnung, eine Verfehlung gegen das Rauchverbotsgesetz zu entdecken. Warum? Zwecks Anzeige, eh klar.

Nur zwei von viel zu vielen, die so wahnsinnig gerne Sheriff wären. Die es irgendwie so bitter nötig hätten. Weil sie sonst nichts zu bieten haben? Der Verdacht liegt nahe.

Au ja, noch einen gibt es, den kennen mindestens alle Linzer, denn dort ist er inzwischen Vizebürgermeister, zuständig unter anderem für Sicherheit. Auch eine ganz nette Karriere für einen, den seinerzeit nicht einmal das Bundesheer haben wollte. Das verweigerte ihm eine Offizierslaufbahn mit der Begründung, von ihm gehe eine „Gefahr für die militärische Sicherheit“ aus. Wegen seiner allzu rechtsextremen Ansichten und Kontakte nämlich. Das ist übrigens derselbe, der zu Hause bei der Familie eine Schusswaffe einfach herumliegen ließ, und seinen letzten Wahlkampf mit einem ausrangierten Militär-Fahrzeug aufpeppte (ja genau, ein Fahrzeug jenes Vereins, der ihn einst gar nicht schnell genug loswerden konnte… naja, Stolz ist halt auch nicht jedermanns Sache, aber das ist eine andere Geschichte). Der hat es auch irgendwie bitter nötig, wäre auch gar zu gern ein allmächtiger Sheriff, da gehe ich jede Wette ein.

Armselige Würschtln, sage ich, allesamt. Bemitleidenswert ob ihrer erschütternden Bedürftigkeit, im Grunde, einzeln. Wenn sie nur in der Masse nicht so gefährlich wären. Das durchaus angebrachte Mitleid kann ich leider nicht wirklich aufbringen, denn ich habe Angst vor diesen Leuten. Mehr Angst, als ich vor allen Afrikanern und Asiaten zusammen je haben könnte. Sie und ihresgleichen sind letztendlich der Stoff, aus dem so Dinge gewebt sind wie spitze weiße Kapuzenmasken und ähnlich Hässliches mehr. Und unter anderem auch das allerneueste Hobby der Frustrierten, Bildungsresistenten und Besorgten: Die Bürgerwehr.

APA

In einem Punkt kannst du ganz sicher sein: Es sind nicht in erster Linie die Besonnenen, Nachdenklichen, Vorurteilsfreien und Verantwortungsbewussten, die sich bemüßigt fühlen, sich so martialisch als Retter der Witwen und Waisen aufzuspielen. Nein, die sind es nicht, die haben Besseres zu tun und vor allem zu denken.

Vielmehr sind es größtenteils solche, die es eben, siehe oben, bitter nötig haben, endlich auch einmal stark und wichtig sein zu dürfen. Solche, die ihr Selbstwertgefühl daraus beziehen, dass sie mit großer Klappe und ihresgleichen nachts durch die Straßen schleichen und Furcht verbreiten. Weil sie ja sonst nicht wirklich viel haben, wofür man sie respektieren könnte. Zu viele Western gesehen, zu oft an der eigenen Durch- oder auch Unterdurchschnittlichkeit gelitten und gescheitert, zu oft zu gerne was Besonderes sein wollen und es doch nie geschafft haben - und dann ist da plötzlich diese neue, für jeden Dahergelaufenen erreichbare Superkraft: Bürgerwehr!

Hach. Allein das Wort verströmt schon diesen verführerischen, wohligen Law-and-Order-Klang. Fast wie eine Nase voll Koks für die Guten, Anständigen und Heldenhaften. Es ist nur zu verständlich, dass sie gierig danach greifen, sich daran wärmen, sich daran hochziehen und ihre armen, unterbeschäftigten Körpermitten daran reiben. Nur zu verständlich, ja, aber nachts in den Straßen möchte ich ihnen bei allem Verständnis nicht begegnen. Nicht nur, dass sie ohne fundierte Ausbildung zum Verhalten in kritischen Situationen unterwegs sind, den meisten von ihnen täte vermutlich auch irgendeine Art von Psychotherapie ganz gut.

Gruselig. Sich vorzustellen, wie sich die Gestalten zusammenrotten. Treffpunkt beim Wirten ums Eck, noch ein wenig vorglühen für den harten Job in der kalten Nacht. Ein paar Blondinen- und Ausländerwitze erzählen und einander versichern, wie richtig und wichtig das ist, was man da tut. Dann noch schnell der Kellnerin ganz jovial ans dralle Hinterteil gefasst und schon geht´s hinaus, um unsere Frauen vor all den fremdländischen Grabschern zu beschützen. Wenn solche Figuren ihrer Selbstüberschätzung erliegen und der Machtrausch mit ihnen durchgeht, fehlt nur noch kleiner ein Schritt zu anderen Übergriffen, von Prügelei bis Lynchjustiz. Womit die Helden bewaffnet sind, legal oder illegal, mag ich mir jetzt lieber gar nicht auch noch vorstellen.

Liebe Leute, wenn unter euch welche sind, die zu beten pflegen, egal ob zu Shiva, Krishna, Manitu, Allah, Jehova, Zeus, Teutates, dem Fliegenden Spagettimonster oder dem Lieben Gott mit Rauschebart, dann hätte ich für euch einen wichtigen Satz, den ihr an euer tägliches Abendgebet noch dranhängen könntet:

„Und bitte, bitte, Heiliger Hausverstand, beschütze und bewahre uns vor Möchtegern-Sheriffs und Bürgerwehren! In alle Ewigkeit! Amen.“

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G. Szekatsch

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