Peter Hahne, Waldemar Hartmann, Achim Winter und nun auch Harald Martenstein, der seine Kolumne aus der „Zeit“ beim NDR las: Die Liste derjenigen Journalisten, die nach ihrem Ausscheiden aus gutbezahlten Jobs bei den Öffentlich-Rechtlichen ihre Sympathien für den Rechtspopulismus ausleben, ist durchaus lang. Harald Martenstein darf zudem täglich bei „Bild“ seine Kolumne schreiben, die meistens die Sorgen der AfD-Wähler ernst und diejenigen der Antifaschisten auf die leichte Schulter nimmt. Erstaunlich ist auch der Wechsel seines Äußeren: Wirkte er auf der Zeichnung, die seine „Welt“-Kolumne illustrierte, immer noch wie ein langhaariger Sozialkundelehrer, der kurz davorsteht, in Tränen auszubrechen, hat er nun die Haare und den Bart gestutzt und blickt entschlossen in die Augen seiner Bildleser. Da meint es ein Bildungsbürger (man sieht ein Klavier im Hintergrund und die Tür einer Altbauwohnung) ernst.

Leider treffen solche entschlossenen Menschen immer wieder auf naive Gestalten, die ihnen eine Bühne bieten, weil sie in den Zeiten der Manipulation der öffentlichen Meinung verzweifelt an die Macht des Diskurses glauben. Im vorliegenden Fall heißt diese naive Gestalt (wie auch schon im Fall Poschardt) Milo Rau, der im Thalia Theater in einer Art Prozess darüber befinden ließ, ob die AfD verboten werden sollte. Martenstein sorgte dafür, dass seine Rede viral ging und in fast allen Medien, die mehr oder weniger offen mit den Rechtsextremen sympathisieren, veröffentlicht wurde. Es lohnt sich, einzelne Aspekte dieser Rede und ihre oft seltsame Argumentation näher zu betrachten:

Wir sprechen hier also in einer Art Schauprozess über das Verbot einer Partei, die im Westen Deutschlands von 20 Prozent der Menschen gewählt wird und im Osten von 35 bis 40 Prozent. Das Theaterevent, das Rau geplant hat, wäre damit einer der wenigen Schauprozesse, bei dem der Angeklagten eine ganze Reihe von Verteidigern zur Seite gestellt würde. Aber es ist schon klar: Ein Schauprozess ist irgendwie kommunistisch und also böse. Folgerichtig sieht Martenstein auch das „Ende der Demokratie“ heraufziehen. Gegenfrage: Hätte da nicht auch schon das Verbot der KPD resp. der DRP in den 1950er Jahren das „Ende der Demokratie“ bedeutet? Denn die schiere Masse möglicher Wähler kann ja nicht das ausschlaggebende Argument gegen ein Verbot sein.

Ja, die NSDAP hätte man besser verboten. Ob dieser Versuch etwas genützt hätte, weiß man natürlich nicht. Hier stellt sich Martenstein bewusst dumm: Natürlich hätte ein (erneutes) Verbot der NSDAP in den Jahren der Weltwirtschaftskrise dazu geführt, dass sich die bürgerlichen und deutschnationalen Konservativen nach anderen Koalitionspartnern hätten umschauen müssen. Und ja, auch damals waren die Pläne der NSDAP zu einem gewaltsamen Umsturz ebenso öffentlich geworden wie diejenigen zur Ausgrenzung und Vernichtung der Juden, auch wenn Hitler immer betonte, man wolle nur auf legalem Weg an die Macht und sei überhaupt eher harmlos.

Sind die Begriffe „rechts“ und „rechtsradikal“ wirklich mehr oder weniger bedeutungsgleich? Ich frage das, weil beide Begriffe in linken Debattenräumen meist wie Synonyme verwendet werden. „Kampf gegen Rechts“ – so soll also ein Kampf für die Demokratie heißen. Aus einem Sammelbegriff für Rechtsradikalismus, Rechtsextremismus und Rechtspopulismus wird in Martensteins Argumentation die angebliche Ausgrenzung rechter Positionen aus dem politischen Diskurs, eine mehr als plumpe Volte, die in der Lüge gipfelt, damit seien doch auch De Gaulle, Adenauer und Churchill gemeint: Aber wollen Sie allen Ernstes solche Haltungen verbieten? Sie sind dann ein Gegner der Demokratie. Nein, niemand will konservative Haltungen, wie sie sich zum Beispiel in der CDU finden lassen, verbieten. Es geht hier aber um ein Milieu, das beste Beziehungen zu den Neuen Rechten und damit zu Antisemitismus, Rassismus und einem mehr als widerlichen Geschichtsrevisionismus unterhält.

Nach einigen Dummheiten (Populismus heißt zum Beispiel nicht, beim Regieren auf die Zustimmung der Bevölkerung Wert zu legen ) und Taschenspielertricks (Straußzitate als vermeintlich vorweggenommene AfD-Positionen) kommt Martenstein zum Kern seiner Rede, zu dem, was Götz Kubitschek in einem anderen Zusammenhang einmal „Selbstverharmlosung“ nannte: Wer alle Rechten Nazis nennt, nur weil sie keine Linken sind, ist wirklich ein historischer Analphabet. Die AfD, die selbst von den eher trägen Beamten diverser Verfassungsschutzämter als gesichert rechtsextrem bewertet wird, ist in Marteinsteins Rede mittlerweile von einer rechtsradikalen zu einer rechten und dann zu einer „nicht linken“ Partei mutiert. Er unterschlägt die Verbindungen nach Schnellroda und – unter frecher Nichtbeachtung angeblicher Unvereinbarkeitsbeschlüsse – zu den Identitären. Er kann getrost als Wegbereiter eines aufziehenden Faschismus gesehen werden, der auch eine letzte Unverschämtheit nicht auslässt: Die AfD-Wähler jedenfalls – die meisten – wollen keinen neuen Hitler. Sie wollen so etwas Ähnliches wie einen neuen Helmut Schmidt. Es wäre angebracht, dass sich Schmidts Erben gegen diese Aussage wehren. Und im Nachhinein muss ich gestehen, dass der weinerliche Sozialkundelehrer sich noch vergleichsweise erträglich aufführte.

Auch hier: https://angenehmwiderwaertigzugleich.home.blog/2026/02/18/die-methode-martenstein/

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