Es ist ja nicht wahr, dass Erwachsene keine Angst haben. Kinder glauben das nur. Und wir Erwachsenen tun auch viel dafür, diese Legende am Leben zu erhalten. Weil wir wissen, dass es den Kindern ihre Sicherheit und ihr Urvertrauen nimmt, wenn sogar die Großen Angst haben.

Und wenn ich Angst sage, dann meine ich noch am Wenigsten diese großen Ängste: Krieg, Tod, Hunger usf., sondern die kleinen, alltäglichen.

Gehen Sie, so wie ich heute, nur einmal in so ein Wartezimmer, gerne beim Zahnarzt. Da sitzen lauter Erwachsene, die nervös an ihren Fingern herumknubbeln, sich - so sie in Begleitung sind - verhalten hektisch unterhalten oder sonst etwas machen, aus dem deutlich wird, dass sie lieber tausend Meilen weit weg von hier wären.

Dabei geht es weniger um den eventuellen Schmerz (ja, gut, um den gehts auch), als um dieses ungute Gefühl, was denn überhaupt passieren wird.

Ich zum Beispiel habe zwei Kinder gekriegt, was ja auch kein Spaziergang war, aber dann wenigstens etwas Erfreuliches hervorbrachte. Aber ich hatte auch OPs, Lungenentzündungen und noch manch anderes. Diese Dinge nimmt man irgendwie, steht sie durch und all das.

So ein Zahnarzt dagegen ist, wie soll ich sagen?, viel zu nah dran an meinem Gesicht.

Als ich letztens die Einwilligung zum heutigen Eingriff unterschrieb, standen da allerhand mögliche Folgen, für die so ein Zahnarzt keine Verantwortung übernehmen will oder kann. Möchte ich den Rest meines Lebens mit einer hängenden Gesichtshälfte herumlaufen?, fragt frau sich da. Natürlich erübrigt sich eine Antwort.

Abgesehen davon, dass hinterher immer alle schlauer sind und es natürlich gewusst haben, dass es nicht so schlimm sein würde (das habe ich sogar gesagt, nachdem ich vier Stunden auf diesem Stuhl zugebracht hatte), kommt es natürlich auch sehr darauf an. Nämlich darauf, dass uns, die wir in diesen Momenten wieder genau so sind wie die lieben Kleinen, die wir allseits zu trösten versuchen, dass es nicht so schlimm wird (und hinterher gibts ein Eis), ein Großer gegenüber tritt, der zuversichtlich ist wie sonst wir selbst und ganz genau weiß, was er tut.

(Ich erinnere mich an jenen Zahnarzt, der bei unerfreulichen Behandlungen - und irgendwie sind sie das beim Zahnarzt ja alle - selbst Schweiß auf die Stirn bekam und zittrige Finger. Also, bitte!, bei so einem wird man doch gleich noch viel ängstlicher, weil es den Anschein macht, als geschähe gleich etwas ganz Furchtbares. Wird er nicht in seiner eigenen Angst abrutschen oder womöglich den falschen Zahn aufbohren? Wie einer so seinen Job machen kann? Da ist man am Ende eines Tages doch schrecklich verzweifelt, fertig und total unsicher, weil man selbst nicht so richtig weiß, ob alles gelungen ist.)

Kurzum: Imgrunde sollte ja jeder seine Arbeit gut beherrschen und auch stets gut bei der Sache sein. Aber für so einen Zahnarzt gilt das ja noch unendlich viel mehr. Und doch gibt es auch bei den guten Zahnärzten Unterschiede. Wenn sie beherzt, was sicherlich nötig ist, aber nicht sonderlich mitfühlend zu Gange sind, ist es ja auch nichts.

Meiner, der nebenbei auch noch ein gut aussehender Mann ist, strahlt den ganzen lieben langen Tag seine angstvollen Patienten mit solch unverbrüchlicher Zuversicht an UND packt gleichermaßen sicher zu, dass es eine Freude ist (auch und besonders als Betroffene/r) ihm bei der Arbeit zuzusehen.

Als der Zahn nach weniger als einer Minute draußen war und ich meine Bewunderung aussprach (so gut ich halt in dem Moment sprechen konnte), sogar meine vorherige Angst gestand, sagte er lachend: "Vor dem kleinen Kerl haben Sie Angst gehabt?"

Nicht vor dem Zahn ...

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Gerhard Neuwirth

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Isabelle

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