Die Angst vor dem Wolf sagt oft mehr über uns Menschen aus als über das Tier selbst. Seit Jahrhunderten dient der Wolf als Projektionsfläche für Unsicherheit, Bedrohungsgefühle und das Unbekannte. Ähnlich funktioniert die Angst vor Fremden oder Migranten: Sie entsteht selten aus realen Erfahrungen, sondern aus Erzählungen, Mythen und medial verstärkten Bildern. Einzelne Vorfälle – sei es ein gerissenes Schaf oder ein von einem Migranten begangenes Verbrechen – werden überproportional aufgegriffen, emotional aufgeladen und zu Symbolen einer vermeintlichen allgemeinen Gefahr stilisiert.
Diese Mechanismen ähneln sich frappierend. Beide Male wird ein komplexes Thema auf ein einfaches Feindbild reduziert. Der Wolf wird zum „Bestien“-Narrativ, Migranten werden zu „Gefährdern“ erklärt. In beiden Fällen entsteht ein Klima, in dem rationale Betrachtung kaum noch Platz hat. Medien berichten bevorzugt über spektakuläre Ereignisse, weil sie Aufmerksamkeit erzeugen. Dadurch entsteht der Eindruck, Wölfe würden ständig Menschen bedrohen oder Migranten seien überdurchschnittlich kriminell – obwohl statistische Daten ein deutlich differenzierteres Bild zeigen.
Ein Teil der Bevölkerung reagiert auf solche Bilder mit Abwehr, Misstrauen und dem Wunsch nach Kontrolle. Das Unbekannte wird als Bedrohung empfunden, nicht als Chance oder natürlicher Bestandteil gesellschaftlicher Entwicklung. Diese Haltung speist sich aus Unsicherheit, manchmal auch aus mangelnder Erfahrung oder fehlender Bereitschaft, sich mit neuen Realitäten auseinanderzusetzen.
Die Parallele ist klar: Wo Wissen fehlt, wächst Angst. Wo Angst wächst, entstehen Feindbilder. Und wo Feindbilder entstehen, wird differenziertes Denken verdrängt. Ob Wolf oder Mensch – das Muster bleibt dasselbe. Eine aufgeklärte Gesellschaft sollte sich jedoch nicht von Instinkten leiten lassen, sondern von Fakten, Empathie und der Fähigkeit, das Fremde nicht reflexhaft als Gefahr zu begreifen.