Es waren ergreifende Szenen, die sich am Sonntag in der Großen Synagoge in Paris abspielten. Nach der Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt in der französischen Hauptstadt, bei der zwei Tage zuvor vier französische Juden von einem Islamisten kaltblütig ermordet worden waren, war das Gotteshaus aus Sorge vor weiteren Terroranschlägen geschlossen worden. Erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte dort deshalb kein Schabbat-Gottesdienst stattgefunden. Nun betrat der französische Staatspräsident François Hollande die Synagoge gemeinsam mit dem israelischen Premierminister Benjamin „Bibi“ Netanjahu im Rahmen des großen Trauermarsches. „Bibi, wir lieben dich“, riefen etliche Besucher. Und: „Bibi, hilf uns!“

Diese Hilferufe waren nicht nur eine Ohrfeige für Hollande, der ursprünglich nicht wollte, dass Netanjahu nach Paris kommt. Sie waren auch und vor allem ein deutliches Zeugnis dafür, dass sich viele Juden in Frankreich nicht mehr sicher fühlen – und das nicht erst seit den jüngsten Terroranschlägen. Längst gibt es einen regelrechten Exodus französischer Juden nach Israel. Nach Angaben der Jewish Agency for Israel und des Integrationsministeriums in Jerusalem wanderten allein im vergangenen Jahr über 6.000 von ihnen in den jüdischen Staat aus – mehr als doppelt so viele wie 2013 und mehr als aus jedem anderen Land. Gar mit über 10.000 rechnet die Jewish Agency in diesem Jahr.

Einer von ihnen wird Patrice Oualid sein, der Besitzer des Pariser Supermarktes, in dem am vergangenen Freitag vier Menschen erschossen wurden. „Er hat mir direkt nach dem Anschlag gesagt: Ich habe nur knapp überlebt, so viele meiner Angestellten und Kunden sind getötet worden. Ich kann nicht länger in Paris bleiben, sondern werde nach Israel gehen“, sagte Oualids Bruder Joel zu einer deutschen Zeitung. Amedy Coulibaly, der Mörder, hatte während der Geiselnahme ein Telefonat mit einem französischen Fernsehsender geführt und darin die antisemitische Motivation für seine Tat deutlich gemacht. Auf die Frage, ob er sich das Geschäft aus einem bestimmten Grund ausgesucht habe, antwortete er: „Ja. Die Juden. Wegen der Unterdrückung, vor allem des Islamischen Staats, aber überall. Es ist für alle Gegenden, wo Muslime unterdrückt werden. Palästina gehört dazu.“ Als er den Laden betrat, rief Coulibaly nach Angaben von Patrice Oualid: „Ihr seid Juden, ihr werdet heute alle sterben!“

Dieser Mordanschlag war nicht die erste antisemitische Attacke in Frankreich. Bereits in den vergangenen Jahren hatte es weitere Angriffe gegeben, einige davon endeten tödlich. Im Januar 2006 beispielsweise wurde Ilan Halimi in Paris von muslimischen Einwanderern entführt und über einen Zeitraum von drei Wochen zu Tode gefoltert, weil er Jude war. Im März 2012 ermordete der Islamist Mohamed Merah drei jüdische Kinder und einen Rabbi vor einer jüdischen Schule in Toulouse – um „palästinensische Kinder zu rächen“, wie er sagte. Im Mai 2014 wurden in einem Vorort von Paris zwei Juden vor einer Synagoge brutal zusammengeschlagen. Im Dezember 2014 überfielen, ebenfalls in einem Vorort der Hauptstadt, mehrere bewaffnete Männer ein junges jüdisches Paar in deren Wohnung, raubten es aus und vergewaltigten die Frau. Ihr Lebensgefährte sagte, die Täter hätten ihren Überfall damit begründet, dass Juden Geld hätten und es nicht zur Bank brächten, sondern zu Hause aufbewahrten.

„Wir befinden uns in einer Kriegssituation“, erklärte Roger Cukierman, der Vorsitzende des Repräsentativen Rats der Jüdischen Institutionen Frankreichs (Crif), am Sonntag in Paris. Er respektiere daher alle, die sich nicht länger Anfeindungen und Gewalt aussetzen wollten und nach Israel auswanderten. Die französische Regierung versucht dagegen, die jüdischen Bürger im Land zu halten. „Ohne seine Juden wäre Frankreich nicht mehr Frankreich“, sagte Premierminister Manuel Valls. Der Polizeischutz für jüdische Einrichtung soll künftig deutlich intensiviert werden. Doch es ist fraglich, ob sich die Massenauswanderung französischer Juden noch stoppen lässt.

Denn der Antisemitismus in Frankreich – vor allem der islamistisch motivierte – nimmt seit Jahren dramatisch zu. Nach Angaben des französischen Innenministeriums ist mittlerweile von allen als rassistisch eingestuften Taten knapp die Hälfte gegen Juden gerichtet. Wer eine Kippa oder eine Halskette mit einem Davidstern trägt, muss damit rechnen, auf offener Straße beschimpft und angespuckt zu werden. Während der israelischen Militärschläge gegen die Hamas im vergangenen Sommer verwüsteten islamistische Täter jüdische Geschäfte und Einrichtungen oder setzten sie gar in Brand. Antisemitische Witze, Sprüche und Gesten gehören weiterhin fest zu Repertoire des populären Komikers Dieudonné (der sich dann auch prompt mit dem Judenmörder Coulibaly solidarisierte). Ultrarechte Politiker fordern derweil, jüdischen Auswanderern die französische Staatsangehörigkeit zu entziehen, und vergleichen den Wehrdienst in der israelischen Armee mit dem „Dschihad“ der Terroristen des „Islamischen Staates“.

Trotzdem haben die vier Morde im koscheren Supermarkt in den öffentlichen Reaktionen eine eher untergeordnete Rolle gespielt, zumal außerhalb Frankreichs. Ein Bekenntnis wie „Je suis aussi Juif“ („Ich bin auch Jude“) war nur selten wahrzunehmen. „Es ist fast so, als würde Terrorismus gegen Juden als Normalität wahrgenommen und, schlimmer noch, als Reaktion auf den Nahostkonflikt rationalisiert“, kommentierte Bernhard Torsch in einem Blogbeitrag mit dem Titel „Alle sind Charlie, keiner ist Jude“ treffend. „Dass man den Skandal der Dauerbedrohung jüdischen Lebens in Europa hingenommen hat, ist aber eine der Wurzeln des Nachtschattengewächses Terrorismus. Kaum jemand schien zu verstehen, dass es nicht nur darum geht, jüdische Menschen und Einrichtungen mit Polizeistreifen zu beschützen, sondern dass die Notwendigkeit für diesen Schutz das eigentliche Problem ist. So wie das eigentliche Problem am islamischen Terrorismus nicht die Qualität der Abwehrmaßnahmen dagegen ist, sondern dass diese Maßnahmen nötig sind.“

Ihre letzte Ruhe werden Yohan Cohen, Philip Braham, Yoav Hattab und François-Michel Saada nun nicht in Frankreich finden, sondern in Israel. Die vier jüdischen Männer, die von Amedy Coulibaly erschossen wurden, werden in Jerusalem beerdigt – obwohl sie keine israelischen Staatsbürger waren, sondern französische. Doch ihre Familien nahmen das Angebot des israelischen Außenministeriums an, die Ermordeten im jüdischen Staat zu bestatten. Wenigstens nach ihrem Tod sollen sie vor Antisemitismus sicher sein.

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