[Wie immer gilt: Es darf gerne in der Kommentarsektion unten über das Thema debattiert, sprich darüber gestritten, diskutiert und argumentiert werden... ;) Gerade bei Themen wie diesem sind die Meinungen ja oft extrem gespalten.]

Einleitung

Diesen jungen Mann hier kennen in Österreich mittlerweile fast alle:

WAS, Sie noch nicht? Wie, der kommt Ihnen irgendwie bekannt vor? Doch, doch, doch...

Es handelt sich um den Sänger Thomas Neuwirth. Besser bekannt ist sein weibliches (und bärtiges) Alter Ego, Conchita Wurst:

Was viele gar nicht wissen: Neben Conchita (die sich ja auch im Laufe der Zeit optisch und im Verhalten stark veränderte) hat Travestie-Künstler Tom auch immer wieder andere Drag Queens ins Leben gerufen, so zum Beispiel die bebrillte Blondine Eleonora White ...

... oder dieses Donatella-Versace-Double hier:

Hätten Sie die ESC-Gewinnerin wiedererkannt?

Eine Maske verrät uns manchmal mehr als ein Gesicht

Allgemein wird angenommen, dass Menschen sich hinter Masken - seien es nun Schminke, reale Gesichtsbedeckungen und Körperverhüllungen (wie beispielsweise Verkleidungen und Kostüme) oder psychologisch betrachtet welche im metamophorischem Sinne - "verstecken" und dies immer etwas Schlechtes und Verwerfliches sei. Maskierung wird mit Lügen assoziert, mit Verheimlichung, Verfremdung und Schauspiel. Aber stimmt das wirklich? Nicht in jedem Fall ... (Zumal es so scheint, als ob eine Lüge - wenn man sie nur oft genug wiederholt - quasi zur Wahrheit werden kann. Aber dazu später noch mehr.)

"Der Mensch ist am wenigsten er selbst, wenn er für sich selbst sprechen muss. Gib ihm eine Maske und er wird dir die Wahrheit sagen", schrieb Oscar Wilde in seinem Essay "The Truth of Masks" ("Die Wahrheit der Masken";), 1885. Der irische Schriftsteller hielt es für unbedingt erforderlich, dass Menschen Masken tragen müssen, wenn sie in der Wirklichkeit des Lebens bestehen wollen. Ganz bewusst trug Wilde auch eine Maske; die Maske eines, wie er selbst es immer zu sagen pflegte, "Dandy und Dilletanten". In ihr gefiel er sich, in ihr präsentierte er sich der Welt, in ihr wurde er von der Welt gesehen. Es war kein Spiel, sondern ein bewusstes Inszenieren und Heraustragen eines bestimmten Teils seiner vielschichtigen Persönlichkeit. Eine Maske bietet (Selbst-)Schutz. Und wer weiß... Vielleicht ist jemand wie Karl Lagerfeld mit Sonnenbrille weitaus mehr er selbst als er es ohne wäre?

An anderer Stelle habe ich in einem meiner Blogbeiträge schon mal angemerkt, dass jeder Mensch womöglich so viele "soziale Ichs" hat, wie es auch Personen gibt, die davon Notiz nehmen. Ich zum Beispiel rede und verhalte mich definitv anders, wenn ich mit meiner Oma rede, als wie wenn ich mit meinem Chef rede oder mit meiner Lebenspartnerin, meinem besten Freund, meinen Eltern, dem Nachbar von nebenan oder der Kellnerin. Das hat aber nichts mit "verstellen", lügen oder dergleichen zu tun - es ist etwas, was ganz automatisch und völlig unterbewusst passiert, man geht einfach auf jede einzelne Person irgendwie anders ein und zeigt sich dadurch selbst auf verschiedenste Weise, abhängig von Kontext und Empfinden, ohne es vielleicht selber zu merken. Wir alle sind eigentlich unendlich komplex, paradox und voller Widersprüche und haben weitaus mehr als nur eine Seite, die wir zeigen könn(t)en. Hinzu kommt, dass wir uns alle auch ständig weiterentwickeln und über die Jahre sowieso verändern - ich bin definitiv in keinster Weise mehr derselbe Mensch wie vor zwei Jahren, aber trotzdem bin ich immer noch irgendwie ein- und derselbe; es ist alles lediglich eine Frage der Perspektive ...

Auch als Schauspieler spielt man gleichzeitig sich selbst und nicht sich selbst auf der Bühne oder im Film: Darstellungsformen wie Brechts Episches Theater oder StanislawskiMethod-Acting wirken deshalb so authentisch, weil im Grunde nicht gespielt wird im Sinne von "sich verstellen"; die Tränen zum Beispiel kommen nicht auf Knopfdruck, sondern sind durch und durch echt, da die Emotionen real sind - man fühlt sich in einen anderen Charakter hinein, ja - aber das ist auch nur möglich durch das eigene Selbst, Erinnerungen und Erfahrungen die man gemacht hat, andere Menschen die man kennengelernt hat, Wissen das man sich angeeignet hat usw. - all das wird beim Schauspiel zusammengeführt, um die Rolle möglichst real wirken zu lassen; ein guter Schauspieler "spielt" nicht, er ist.

Foto-Collage: Britin Miranda Richardson in der Vielfalt ihrer Filmrollen

Film-Regisseur Tim Burton, anno 1989: Begeistert berichtet er in einem Interview vom Dreh über Schauspieler Michael Keaton und wie perfekt er doch für die Rolle des Superhelden Batman sei. Anfangs hagelte es von allen Seiten Kritik, als das Filmstudio bekannt gab, dass der Darsteller Keaton (kein Adonis à la Schwarzenegger und bis dato nur bekannt durch seichte Comedy-Rollen) für eine Comicverfilmung in die Rolle der berühmten Figur schlüpfen sollte. Doch Burton entwarnt: Anfangs noch von Selbtstzweifeln geplagt, hätte Keaton - sobald er das schwarze Outfit für die Hauptrolle anzog und sich damit das erste Mal selbst im Spiegel sah - eine Seite von sich offenbart und kennengelernt, die bis dahin noch nie jemand gesehen hatte. Die Fledermaus-Maske half Mr. Keaton, etwas von sich zu zeigen, was er zuvor nicht konnte. Regisseur Burton schwärmt, wie faszinierend es doch sei, was sich alles aus Menschen entlocken lässt, wenn man ihnen lediglich ein anderes Aussehen verpasst. Keaton hätte sich selbst nicht wieder erkannt, so Burton. Sobald er das Cape anhatte, fühlte er sich wie ein komplett anderer Mensch, eben wie ein starker Held. Es ist, wie wenn man einem kleinen Mädchen ein Kleid schenkt und sie sich plötzlich wie eine echte Prinzessin fühlen kann.

Selbstinszenierung

Viele Popstars inszenieren sich als eine Kunstfigur, manche legen sie im Privatleben dann völlig ab. So bedienen auch deutsche Rapper wie Sido und Bushido gerne den aus der amerikanischen Rap-Szene bekannten Gangster-Mythos, führen privat aber ein stinknormales, bürgerliches Leben als Familienväter. Natürlich wird Selbstdarstellern und Ikonen gerne Mediengeilheit und Narzissmus vorgeworfen. Sich auf eine gewisse Art und Weise zu präsentieren kann aber auch viele Vorteile haben; eine Berühmtheit wie Lady Gaga (Blog-Bild) gibt auf der Bühne ein unglaublich lautes und sehr provokantes Bild von sich ab  - kaum zu glauben, dass es sich um dieselbe, leise und ruhige Stefani Germanotta handelt, die noch vor ein paar Jahren (wie sie selbst zugibt) geradezu krankhaft schüchtern, scheu und unscheinbar war und sich kaum traute, in irgendeiner Weise aufzufallen. Die Verwandlung in eine Kunstfigur und das damit einhergehende, ikonische Image ist also oft weitaus mehr als reines Marketing und Geldmacherei, auch wenn es natürlich große Vorteile genau dafür bietet - als auch für das Bedürfnis des Künstlers nach Privatsphäre; Conchita, Gaga und Co. betonen in Interviews immer wieder, wie angenehm es sei, dass sie ungestylt auf der Straße kaum erkannt werden.

«Summer in New York, 1955: Norma Jeane was walking with a friend down Fifth Avenue in a headscarf and raincoat, as ordinary as anyone else on the street, discussing fame and celebrity and what it was to be a star. "Do you want me to be her?", she said to the friend. "Watch." And taking off the headscarf and opening her coat to thrust out her chest, she went into the Marilyn Monroe sashay, and within half a minute was surrounded by a baying mob of fans and autograph hunters.»

Wer bist du und wenn, wie viele?

"Der Körper ist nur der Werkstoff, aus dem man das Bild kreiert, welches man nach außen darstellen möchte." - Michaela S.

Wir alle haben - ob wir nun wollen oder nicht - eine Art Rolle oder Image, in gewisser Weise. Unser Aussehen, unser Lebens- und Kleidungsstil, unser Verhalten, unsere Stimme - all das definiert eigentlich überhaupt nicht, wer wir wirklich sind -und dennoch projizieren wir genau damit ein konkretes Bild von uns ab, welches von anderen dann definiert und weiter getragen wird. Bis zu einem gewissen Grade können wir dieses Bild jedoch beeinflussen. Auch, wie "echt" und authentisch es ist - den Betrüger, Scharlatane und falsche, verlogene Menschen, die vorgeben etwas zu sein was sie gar nicht sind, gibt es leider mehr als genug. Menschen allerdings, die sich trauen durch eine bestimmte Darstellung von sich selbst Freiheit zu erlangen, sind aber viel zu selten.

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Bernhard Juranek

Bernhard Juranek bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:08

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