Wenn wir sagen, dass sich die öffentliche Meinung ändert meinen wir damit, dass Menschen die gerade noch A gesagt haben, jetzt B sagen. Wenn das passiert dann in einer von zwei Formen:

a) „Ich lag damals falsch, ich habe aber jetzt erkannt, dass A falsch ist und vertrete nun B“

b) „Ich habe ja immer schon gesagt, dass A falsch ist und B richtig“

Wobei Version „a“ praktisch nie vorkommt.

Wenn der Mitläufer seine Meinung ändert dann ändert er die Geschichte gleich mit, in erster Linie seine eigene.

Als Corona noch nicht in Italien war hörte ich von den gleichen Menschen dass das eine „Verschwörungstheorie der Rechten ist um China zu diskreditieren“ nur um dann nach dem Ausbruch in Italien zu hören dass Corona „Ein absolut tödlicher Virus ist der, wenn die Regierung nichts tut, 60% der Menschen töten wird und jeder der was andres sagt ist ein rechter Verschwörungstheoretiker“ um dann 3 Jahre später von ihnen zu hören dass „die Maßnahmen überzogen und zu lang waren um die Konzerne zu fördern, was ja eine rechte Verschwörung gegen die Arbeiter darstellt“

Covid ist hier ein so witziges Beispiel, weil sich die Meinungen in 3 Jahren 3-mal gedreht haben und jedes Mal hörte ich, dass jeder „schon immer sagte“ was er jetzt sagt. Menschen die leugneten, dass es Covid gab, beschimpften Wochen Menschen die nicht glauben, dass Covid das Potential hat 60% der Menschen zu töten als „Coronaleugner“.

Als Faustregel kann man davon ausgehen, dass Menschen die mit Inbrunst verkünden, dass sie irgendetwas immer schon gesagt haben, irgendwann einmal sehr inbrünstig genau das Gegenteil sagten.

Dieser Mechanismus verhindert eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Wenn die gleiche Masse die dem Diktator zujubelt, weil sie eh schon immer der Meinung war, dass er toll ist, obwohl sie vor seiner Machtergreifung der Meinung sind, dass er gefährlich sei und nach seiner Entmachtung auch darauf verwiesen, dass sie schon immer militante Gegner des Diktators waren entsteht eine verzerrte Sicht auf die Geschichte und zwar eine in der „eh alle“ gegen etwas waren und es dennoch passierte, was zur Frage führt „wie das nur passieren konnte?“

Die Wahrheit ist aber eben ernüchternd: nicht nur Politiker drehen sich wie Fähnchen im Wind sondern auch das Volk und beide werden stets postulieren, dass sie immer, genau wie jetzt, nach Nord Nord Ost gezeigt haben, nur um 3 Minuten nach Süden zu schwenken, wo sie schon immer hingezeigt haben.

Zu behaupten, dass der Grund dafür einfach nackte Feigheit wäre greift zu kurz. Unsere Fähigkeit als Gesellschaft innerhalb von Tagen aus einer völlig neuen Situation eine gefühlte Kontinuität zu bauen, also das kollektive Gefühl, dass der neue Zustand „eh das ist wie wir es schon immer haben wollten oder eigentlich eh war“ gibt Gesellschaften die Fähigkeit zur Anpassung.

Gesellschaften die so etwas nicht haben, weil sie etwa ein uraltes, unveränderliches (weil zb. göttlichen Ursprungs) Rechts- und Moralsystem haben sind an diese geschriebenen Worte gebunden. Das bringt echte Kontinuität auf Kosten der Flexibilität, was Entwicklung hemmt aber Identität und Zusammenhalt fördert.

In anderen Worten: wir brauchen diesen heuchlerischen Schwachsinn scheinbar als Gesellschaft, weil es uns für Änderungen offener macht aber wenn wir zu viel davon haben verlieren wir unsere Identität, unseren moralischen Kompass. Entsprechend ist es wichtig, wenigstens in manchen Bereichen, dazu zu stehen dass man nicht der Meinung ist die gerade als „korrekt“ angesehen wird.

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