Das wird jetzt hier nicht sehr gut ankommen. Man muss es jedoch auch einmal schreiben dürfen. Zuvor jedoch eine Absage an jegliche Verallgemeinerung: Nicht jeder Asylwerber, Migrant, Ausländer kann Österreichern als leuchtendes Beispiel für Arbeitswillen und Einsatz vorgehalten werden genauso wenig wie jeder Asylwerber, Migrant, Ausländer ein Drogendealer, Vergewaltiger, Straffälliger ist.

Aber die aktuelle Diskussion über die Öffnung des Lehrstellenmarktes für junge Asylwerber, die aller Wahrscheinlichkeit nach in Österreich bleiben dürfen, provoziert geradezu zwei Beispiele. Der Leiter des Arbeitsmarktservice Johannes Kopf will diese Öffnung, weil sie – wenn die jungen Menschen in Österreich bleiben werden – Sinn macht. Innenminister Wolfgang Sobotka will diese Öffnung nicht, weil Österreich nur noch mehr Flüchtlinge anziehen würde.. In Tirol will man sie, weil es freie Plätze gibt. Anderswo will man sie nicht, weil die österreichischen Eltern mit Kindern auf Lehrstellensuche das nicht verstehen würden.

1. Beispiel: Der Besitzer eines Dienstleistungsgeschäfts erzählt, dass er Lehrstellen nur mehr an Asylanten mit Aufenthaltsberechtigung vergibt – ein Syrer, ein Kurde, eine Migrantin aus Afrika arbeiten dort. Der Besitzer ist keiner von den „Gutmenschen“, bestimmt nicht. Er tendiert unverblümt nach rechts und ganz sicher nicht zur Willkommenskultur, im Gegenteil. Warum dann die Bevorzugung von Asylanten? Weil diese, so sagt er, motivierter, einsatzfreudiger und lernwilliger seien als so manche ihrer österreichischen Altersgenossen. Sie erscheinen, wie vereinbart, am Arbeitsplatz. Sie seien neugierig. Man kann es beobachten: Sie haben eine bestimmte Fröhlichkeit, auch wenn der Nicht-Gutmensch noch so mürrisch ist. Die Kunst des rechtzeitigen Krankenstands und der kreativen Ausrede beherrschen sie (noch?) nicht.

Darf man das überhaupt schreiben?

Einzelfälle gewiss, aber sie beweisen wie absurd die österreichische Tradition ist, immer alles über einen Kamm zu scheren, ist. Der Lehrlingsmarkt soll also verschlossen bleiben – weil es leichter zu organisieren ist, gleich für alle? Differenzierung ausgeschlossen.

2. Beispiel: Seit ich mich entschlossen habe, in der Stadt den Wiener Linien den Vorzug vor dem Auto zu geben, habe ich immer wieder eine Beobachtung gemacht: Das Anbieten von Sitzplätzen für „Fahrgäste, die sie vielleicht eher brauchen“ (so oder so ähnlich lauten die Durchsagen), ist zwar generell aus der Mode gekommen. Wenn aber jemand aufsteht und einen Sitzplatz anbietet, dann sind es in 99,9 Prozent der Fälle Burschen oder Männer mit offenkundigem Migrationshintergrund. Anfangs dachte ich an Zufälle, über einen längeren Zeitraum stellte es sich jedoch als Gepflogenheit heraus.

Ganze Mittelschulklassen können in einer Straßenbahn noch so viele ältere Erwachsene ignorieren. Noch nie habe ich beobachtet, dass eine der österreichischen Begleitpersonen einen Teenager angehalten hätte, einer älteren Person den Platz anzubieten.

Darf man das überhaupt schreiben?

Um ja jedem Missverständnis vorzubeugen: Weder sind alle Asylwerber, Migranten, Ausländer, arbeitswilliger oder höflicher als ihre österreichischen Altersgenossen, noch sind alle Österreicher unmotivierter oder unhöflicher. Das zu behaupten wäre absurd. Aber wenn jetzt schon über die gefährliche Situation und darüber geschrieben wird, wie sehr man auf Abschreckung setzen sollte, dann darf auch über die andere Seite berichtet werden. Über jene nämlich, die zeigt, dass sich Österreicher da und dort ein Beispiel nehmen könnten.

Ich weiß, das kommt jetzt nicht gut an. Wie auch? Die Stimmung im Land, die ist nicht so.

Das sollte all jene nicht wundern, die Sebastian Kurz am Montag im Sommergespräch auf Puls 4 gesehen haben. Er jagte eine ganze Herde von Sündenböcken durch das Studio. Bei jedem einzelnen Thema landete er bei Ausländern. Wirtschaft und Steuersenkung? Das fehlende Geld ist bei den Sozialausgaben, der Mindestsicherung, dem Kindergeld für Nicht-Österreicher zu holen. Gesundheitssystem? Die Ambulanzen sind mit Migranten überfüllt. Kindergärten, in denen nicht Deutsch gesprochen wird? Abschaffen. Auch die englischen und französischen? Das seien ja Eliteeinrichtungen. Und überhaupt: „Zuwanderung in das Sozialsystem beenden“. Das ist eigentlich ein FPÖ-Slogan.

Kurz konnte mit dieser lückenlosen Zuschreibung aller Probleme auf Flüchtlinge, Migranten, Zuwanderer, Ausländer eben, punkten. Die Zustimmungsrate bei einer zur Sendung parallel laufenden Befragung unter 500 Zusehern lag weit über 60 Prozent. Das könnte bedeuten, dass eine Mehrheit der Österreicher tatsächlich für folgendes simples Argument anfällig ist: Ohne Ausländer keine Probleme in Österreich.

Es gibt ihn aber, den „guten“ Asylanten. Darf man das überhaupt schreiben?

P.S. Aus der Sicht des Wahlkämpfers Kurz bringt die grobe Vereinfachung sicher mehr Stimmen als der Verweis auf den Erfolg, den er beim OSCE-Treffen in Wien erzielt hat. Schade eigentlich!

Istvan Czak / Shutterstock

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