Sex: Wir wissen viel über 'Technik', aber wenig über Gefühl

Sex ist supermarkttauglich geworden, als Sexualtherapeutin weiß ich, wovon ich rede. Wo früher noch hinter verschlossenen Türen und vorgehaltenen Händen getuschelt wurde, steht heute der Sex im Scheinwerferlicht der Märkte – alles konsumentenfreundlich arrangiert. In aller Öffentlichkeit kann gustiert werden. So findet sich neben Gemüse, Gluten freiem Brot und Sojajoghurt auch das garantiert vegane, hautfreundliche Gleitgel – mitsamt passendem Dildo auf dem Kassaband wider. Sex ist alltagstauglich geworden, ein Gesellschaftsthema, das keinen mehr hinter dem Ofen hervorholt. Im TV wird schon am Vormittag wild in den Laken getobt. Kein Hahn kräht mehr nach Keuschheit. Auf den Pornoplattformen sind die Kategorien nach Vorlieben der User sortiert, und ein Klick reicht für Phantasien aus der Dose.

Oversexed and Underfucked

Endlich ist erreicht wofür so lange gekämpft wurde, freie Entscheidung, freies Sexualleben? Aber je mehr der Fokus ins Rampenlicht rückt, umso mehr Flaute herrscht im Bett. Laut Umfragen sind die Jugendlichen von heute so unaufgeklärt wie lange nicht mehr. Sie wissen zwar viel über „Technik“, aber wenig über Gefühl – und das trotz aller angepriesenen „garantiert gefühlsechten“ Produkte! Asexualität ist modern und Lustlosigkeit, neuerdings auch bei Männern, en vogue. Die große Freiheit macht lustlos.

Je präsenter Sex medial ist, desto weniger wird er gelebt. Sex aus der Retorte, in Bildern, in Werbungen – angepriesen im Neonlicht der Regale. Bei aller Offenheit, Sexualität ist ein Produkt unserer Phantasie. Lassen wir uns der eigenen Kreativität berauben?

Guten Sex kann man nicht kaufen, man muss ihn selbst kreieren, mit Haut und Haaren, mit allen Sinnen – Hilfsmittel sind fein, ersetzen aber nicht die eigene sinnliche Wahrnehmung und Phantasie.

Überforderung macht lustlos!

Der Druck ist enorm gestiegen, die Erwartungshaltung ebenfalls, das überfordert! Sätze wie:"Nein, Sex ist mir nicht so wichtig." oder "Sex wird überbewertet, man kann es ja auch so, schön miteinander haben." höre ich in letzter Zeit häufig in meiner Praxis. Meist gepaart mit latentem Frust. Die Paare kommen wegen allfälliger Disharmonien zu mir in die Beratung. Es zeigt sich rasch, dass es unter anderem auch am gegenseitigen Begehren fehlt. Das wiederum stark Lust gesteuert ist. Stress spielt hierbei ebenfalls eine wesentliche Rolle, er ist ein Mitstörfaktor, der die Lust schnell im Keim erstickt.

Mehr Augenmerk auf die individuelle Lust legen

Das Kopfkino neu zu gestalten ist nicht immer einfach. Häufig auch eine Frage des Selbstwertes. Bin ich schön genug, bin ich stark genug, bin ich genug? Diese Fragen quälen und hindern daran, sich fallen zu lassen. Körperliche Hingabe wird zum anstrengenden Akt, aus Leistung und Showeinlage. Das man das wenig lustvoll empfindet und lieber vermeidet liegt auf der Hand.

Die Lösung liegt in der Entspannung. Lässt man die falschen Vorstellungen von Sexualität ziehen, ist wieder Platz für die ganz individuelle Lust. Mit dem Partner, der Partnerin darüber reden ist außerdem ein wichtiger Aspekt. Der Austausch über Vorlieben, erotische Phantasien und Wünsche kann helfen, sich neu zu entdecken. Wichtig dabei: Macht euch keinen Druck! Nicht alles, was man bespricht, muss auch sofort umgesetzt werden, es braucht eine gewisse Gelassenheit, die Zweisamkeit wieder auf ganz eigene, individuelle Weise genießen zu lernen.

Also: Türen zu und langsam den Körper erkunden, befreit von Bildern aus den Medien, das kann die Leidenschaft neu wecken!

StockSnap/pixabay

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