Die abgelaufene Handelswoche verlief durchaus positiv: der ATX konnte 2,8 % zulegen, der DAX sogar 4,9 %, die psychologisch wichtige Marke von 10.000 Punkten wurde zurückerobert. Am heimischen Markt dominierten die Unternehmensergebnisse das Geschehen: die Versicherungen (VIG und UNIQA) litten wie erwartet weiterhin unter dem Niedrigzinsniveau, dementsprechend fielen das Zahlen auch wenig prickelnd aus. Positiv aufgenommen wurden hingegen die Ergebnisse des Flugzeugzulieferers FACC, was jedoch eher daran liegen dürfte, dass gleichzeitig der Rücktritt des Langzeit-CEOs bekanntgegeben wurde. Nach vier Gewinnwarnungen in den letzten sechs Quartalen war das Vertrauen der Investoren schon lange dahin, am Ende des Tages forderte jedoch erst der „Fake President“ Betrugsfall seinen Tribut.

Interessant auch die Bewegung beim Ölfeldausrüster SBO. Die vorgelegten Q1/16 Zahlen fielen wie erwartet miserabel aus, der Auftragsstand sank auf den niedrigsten Wert seit zumindest 2003 (weiter gehen unsere Daten nicht zurück!). Die Aktie zählt jedoch dieses Jahr zu den Topwerten im ATX mit einem Plus seit Jahresbeginn von über 12 %. Dies liegt vor allem am Ölpreisanstieg der letzten Wochen, die Investoren gehen offensichtlich davon aus, dass die Ölfirmen rasch wieder anfangen werden zu bohren und somit sollte das Schlimmste bereits hinter SBO liegen. Nachdem der Ölpreis derzeit auch als wichtiger Indikator für den Gesamtmarkt gilt (auch wenn man die Logik dahinter durchaus anzweifeln kann), sehen wir uns das Thema doch etwas genauer an.

Die Rally im Ölpreis (beinahe eine Verdoppelung seit dem Boden im Februar!) hat durchaus ihre fundamentalen Gründe: der Angebotsüberhang von knapp 2 Mio. Barrel pro Tag dürfte deutlich geschrumpft sein, sowohl von der Nachfrageseite (niedrige Preise führten zu höherem Ölverbrauch, vor allem in China) als auch von der Angebotsseite. Letztere ist dabei aktuell die treibende Kraft, da hier Änderungen deutlich schneller vonstattengehen. Insbesondere in den USA sank die Ölförderung im Jahresvergleich erstmals seit Jahrzehnten. Dem „Shale Boom“, der durch die hohen Ölpreise ausgelöst wurde, ging die Kraft aus. Explorationsfirmen meldeten Konkurs an oder mussten restrukturiert werden.

Ebenfalls rückläufig war die Produktion in Kanada und Nigeria, zwei wichtigen Förderstaaten. Während es sich bei ersterem um ein eher kurzfristiges Problem handelt (Waldbrände in der wichtigsten Förderregion, die aber kaum Schaden an den Anlagen anrichteten), könnte die politische Situation in Nigeria auch die nächste Zeit angespannt bleiben. Regierungskritische Truppen drohen hier mit Anschlägen auf Pipelines und Exportterminals, ein Problem mit dem das Land bereits Anfang der 00er Jahre zu kämpfen hatte.

Die Frage, die sich bei all diesen Themen stellt ist jedoch: Wie geht es weiter? Wichtiger Treiber wird hier weiterhin die US Schiefergasindustrie bleiben. Als Reaktion auf den Ölverfall konnten viele Firmen ihre Produktionskosten drücken, wodurch der Ölpreis ab dem sich eine weitere Förderung auszahlt von USD 70 je Barrel laut einigen Schätzungen auf USD 50 je Barrel gesunken sein könnte. Ein weiteres, bei uns relativ unbekanntes, Thema sind die „drilled but uncompleted wells“ oder kurz DUCs. Dabei handelt es sich um Bohrlöcher, bei denen zwar gebohrt, die Produktion jedoch noch nicht gestartet wurde. Man kann sich dies in etwa vorstellen wie eine Flasche Wein, bei der man zwar schon den Verschluss aufgemacht, aber noch nicht ausgeschenkt hat (mit dem Unterschied, dass Öl auch nach ein paar Monaten nicht schlecht wird; bei Wein würden wir dieses Vorgehen nicht empfehlen!)

Der große Vorteil dieser DUCs sind geringere Kosten (Bohrungen machen üblicherweise einen Großteil der Förderkosten aus) und eine rasche Verfügbarkeit des Öls. Dementsprechend ist damit zu rechnen, dass diese DUCs wohl die ersten Bohrlöcher sind, die wieder aktiviert werden. Die große Frage ist: Wie viele dieser DUCs gibt es in den USA? Das Problem hierbei ist, dass die Datenlage relativ dünn ist. Realistische Schätzungen gehen von einem möglichen Impact von 250.000-400.000 Barrel pro Tag aus, was in etwa der Hälfte des vorhergesagten Rückgangs der Fördermenge in den USA im Jahr 2016 entspricht, aber die Unsicherheit hier ist relativ hoch (die Schwankungen reichen von keinem Einfluss bis zu 800.000 Barrel pro Tag). Eine wichtige Rolle wird auch weiterhin die OPEC spielen, gerade Saudi Arabien verwendet den Ölpreis gerne zu Erreichung seiner politischen Ziele.

Das Börsensentiment hat sich in der Zwischenzeit dramatisch gedreht: Versuchten sich die großen Investmenthäuser Anfang des Jahres noch gegenseitig mit Negativprognosen zu unterbieten (von Preisen südlich von USD20 je Barrel und bis zu USD10 je Barrel war da die Rede), hat sich das mittlerweile dramatisch gewandelt: Alleine in der letzten Woche hoben zwei Großbanken ihre Ölprognosen an. Und auch bei den Privatinvestoren wird das schwarze Gold immer beliebter. Beispielsweise berichtete das Wall Street Journal von alleinerziehenden Müttern und Millenials, die in ihrer Freizeit dreifach gehebelte Öl-ETFs handeln.

Sollte der Ölpreis wirklich das Ende seines Anstiegs erreicht haben, bleibt die Frage: Was bedeutet dies für den Markt und die Ölfirmen im Besonderen? Letztere konnten seit dem Boden im Februar knapp 23 % zulegen und auch seit Jahresbeginn steht immerhin ein Plus von über 6 % zu Buche, was durchaus zu Gewinnmitnahmen einladen würde. Auf der anderen Seite profitieren einige Firmen von niedrigeren Ölpreisen, allen voran Konsumgüterhersteller (geringere Kosten für Plastikverpackungen und Transport) sowie Fluglinien. Das eröffnet durchaus die Möglichkeit einer Sektorrotation, immerhin wäre es nicht die erste in diesem Jahr…

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