Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide: Helden bei der Arbeit

Kritiker und Reformer wie diese Männer müssen rund um die Uhr Helden sein und können ihre Meinung nur unter Polizeischutz äußern.

Gemeinhin bezeichnen wir Menschen, die Angst zu überwinden vermögen, wenn das am schwierigsten und gefährlichsten ist, als Helden. Zwei solche Helden sind Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide. Doch sie sind keine Polizisten, Feuerwehrmänner oder Soldaten. Sondern ein Kritiker und ein Reformer.

Was wir vergessen

Wir vergessen oft, dass nicht nur Geiselbefreiungen, Feuersbrünste und Schlachten Helden produzieren, sondern bereits etwas selbstverständlich zu sein Habendes wie Kritik und Reformation. Wir vergessen auch, dass gerade Kritiker und Reformer neben ihrem Mut auch über eine Ausdauer, eine psychische Festigkeit und einen starken Willen verfügen müssen, wie sie der übliche Gelegenheitsheld nicht braucht, weil dieser Gelegenheitsheld eben nur bei dieser einen Gelegenheit ein Held sein muss. Abdel-Samad und Khorchide hingegen müssen rund um die Uhr Helden sein. Monate und Jahre.

Das Wichtigste, das wir oft vergessen, ist aber, dass Kritiker und Reformer für ihr Heldentum auch uns brauchen. Unser Ohr, unsere Solidarität und – ja! – auch unseren Schutz. Das bekommen einst auch Kritiker und Reformer wie Václav Havel, Andrej Sacharow und Alexander Solschenizyn von uns. Und zwar weil wir sie als Dissidenten einer totalitären Ideologie empfinden. Darum bin ich am Freitag, dem 6. Oktober im Funkhaus, wo der Wiener Integrationsfonds mutigerweise Abdel-Samad und Khorchide zu einer öffentlichen Diskussion einlädt. Ich will aus der ersten Reihe fußfrei Helden bei ihrer Arbeit zusehen und sie meiner Solidarität versichern.

Unter Polizeischutz

Der Kritiker und der Reformer duzen einander, weil sie dasselbe Ziel haben, dieselbe Vision teilen und nur unterschiedliche Wege sehen, die dorthin führen sollen. Und weil beide nur unter Polizeischutz – Abdel-Samad ständig und Khorchide zeitweilig – ihre Meinung äußern können.

In unserer unmittelbaren historischen Gegenwart, an diesem lauen, fast sommerlichen 6. Oktober 2017 mitten in meinem Wien, dessen Melancholie ich so liebe, sind nicht reuige Mafiosi oder Reporter, die über Drogenbarone schreiben, oder Überläufer, die einen östlichen Dauerpräsidenten ärgern, diejenigen, die den Polizeischutz brauchen. Sondern zwei stille Akademiker, sanfte Kinder des Humanismus, die Bücher schreiben und eine Meinung haben.

Kein Wunder?

Und alle nicken nur, sagen "Eh kein Wunder!". Beunruhigend, wie selbstverständlich das hingenommen wird und wie jeder der hier anwesenden Interessierten bemüht leger die auffällig unauffälligen Herren mit dem Ohrstöpsel zu übersehen trachtet, die üblicherweise wichtige Gäste der Republik vor Attentätern schützen. Ich frage eine der netten Hostessen vom Integrationsfonds, ob die Ohrstöpselträger von der Staatspolizei gestellt sind. Sie sagt, das könne sie mir leider nicht offenbaren. "Sehr gut!", sage ich. "Wenn ich schreibe, die Staatspolizei sei hier, wird das niemand dementieren können." Irgendwie lachen wir dann ...

Während der Diskussion sitzt in jeder Ecke des Podiums ein vermutlicher Staatspolizist und sticht seinen Blick in den ihm zugeteilten Rayon des Publikums. Hier wird das Paradoxe dieser Situation ganz klar: Eine Gefahr, so ist man überzeugt, geht nicht vom Kritiker und vom Reformer auf der Bühne aus – sondern vom Publikum! An einem lauen Oktobertag des Jahres 2017 im Funkhaus zu Wien ...

Der Kiesel im Schuh und wie man ihn loswird

Man sagt, Österreich habe das Talent, gute Leute zu vergraulen. Für Arabella Kiesbauer trifft das genauso zu wie für Mouhanad Khorchide – beide bereichern jetzt Deutschland, jeder auf seine Weise.

Während seiner Zeit in Wien ist Khorchide ein bedeutender Wissenschafter, der auf seinem Gebiet einen neuen Impuls gibt und eine kluge und überlegenswerte Möglichkeit eröffnet, ein bestehendes globales gesellschaftliches Problem durch eine Reform zu lösen. Und wie es klugen Köpfen nun mal so oft widerfährt, gelingt es seinen engstirnigen Gegnern, ihn und seine Idee aus der Stadt zu jagen. Nicht etwa, weil sie klüger wären (im Gegenteil) oder eine bessere Idee hätten (oder irgendeine) – sondern weil sie mehr Geld, Zeit und Manpower haben.

Und dieses Mehr an Gegenwind haben Khorchides Widersacher auch, weil sie ein Netzwerk in der Politik und in den Medien haben. Khorchide hingegen hat nur das Wohlwollen der gscheiten, humanistischen Minderheit, die das Märchen vom Kritiker als Phobiker nicht schlucken mag. Ein Märchen übrigens, das erstaunlich viele Normhumanisten nicht bloß schlucken, sondern geradezu gierig verschlingen.

Öffentliches Todesurteil

Hamed Abdel-Samad hingegen verschlägt das Leben gleich nach Deutschland. Vor Jahren schon lese ich sein Buch "Mein Abschied vom Himmel", das diese Migration beschreibt. Seine Reise ist nicht nur eine Bewegung von A nach B, sondern auch eine spirituelle, politische und philosophische, die ihn nicht bloß von Ägypten nach Deutschland bringt, sondern von einer weltanschaulichen Position zu ihrem Antipoden. Anfangs kann Abdel-Samad seiner Arbeit als Politologe so ungestört nachgehen wie jeder andere Geisteswissenschafter in Europa.

Doch dann fällen zwei Männer aus Ägypten, die nur ein einziges Buch kennen, ein Todesurteil über ihren einstigen Landsmann und Weggefährten und jetzigen Kritiker. Die Drohung ist so real, weil diese Männer keine Verrückten sind, sondern ganz normale Fanatiker, die weltweit auf Gleichgesinnte zählen können, die mitten unter uns leben. Mehr noch: Einer der beiden Männer ist sogar ein angesehener Professor einer Universität in Kairo, die auch mit deutschem Steuergeld beschenkt wird.

Einer dieser Männer kommt sogar gelegentlich nach Deutschland, um sich medizinisch behandeln zu lassen. Bisher ist noch niemand auf die Idee gekommen, diesen Mann nach der Entlassung aus dem Krankenhaus zu verhaften, weil er gegen geltendes Recht in der EU verstößt, wenn er öffentlich Todesurteile ausspricht. Bisher ist auch noch niemand auf die Idee gekommen, diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen Druck auf Ägypten auszuüben, um Ägypten zu zwingen, seine eigenen Gesetze gegen diese Männer anzuwenden, die genauso wie die Gesetze in der EU öffentliche Aufrufe zur Tötung von Menschen verbieten. Stattdessen begnügt man sich damit, Abdel-Samad im Polizeischutz zu entsorgen.

Nach Sonnenuntergang

Die Diskussion im Funkhaus verläuft ohne Zwischenfälle, Zwischenrufe und die Fragen im Q-&-A-Teil sind sogar klug, notwendig und eine intelligente Erweiterung des Diskurses. Was mir wieder einmal bestätigt, dass ich in der richtigen Stadt lebe.

Am nächsten Tag sehe ich auf dem Account einer bekannten sozialen Plattform die Statusmeldung von Hamed Abdel-Samad. Er steht vor einem Meer, seine Arme sind verschränkt, und er lächelt sanft, während er auf einen Punkt am Horizont blickt. Weil Abdel-Samad nur bis zur Hüfte zu sehen ist, schreibe ich in meinem Kommentar zu seiner Statusmeldung: "Was man auf diesem Foto nicht sieht: die größten Eier Europas!"

Alles Gute Ihnen beiden, Herr Abdel-Samad und Herr Khorchide!

5
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Angelia Liefers

Angelia Liefers bewertete diesen Eintrag 23.07.2020 10:20:03

Dieter Knoflach

Dieter Knoflach bewertete diesen Eintrag 21.07.2020 15:11:10

Markus Andel

Markus Andel bewertete diesen Eintrag 21.07.2020 10:34:17

Zaungast_01

Zaungast_01 bewertete diesen Eintrag 21.07.2020 09:42:36

Aron Sperber

Aron Sperber bewertete diesen Eintrag 21.07.2020 09:39:26

18 Kommentare

Mehr von bogumil balkansky