Ich war innerlich zornig, als ich Aboud diese Frage stellte: Wie kann es sein, dass im Jahr 2015 in islamischen Staaten noch immer Frauen gesteinigt werden? Er bereitete gerade sein geliebtes Mtabbal-Melanzani-Mus – mit der Sesampaste Tahina, Salz, gemörsertem Knoblauch, Zitronensaft und gehackter Petersilie – zu, seine Deutschlehrerin Hannah strickte Ringelsocken für Weihnachten und mein Kater Mogli jagte die Wollknäuel durch die Küche.

Sowas in der Richtung hatte er schon erwartet, er weiß ja, dass ich Journalistin bin und davon lebe, andern Leuten Fragen zu stellen. Trotzdem zögerte er seine Antwort hinaus, indem er mit dem Löffel noch ein kunstvolles Ornament in sein Mtabbal zeichnete. Das sollte nicht geschehen, meinte er ausweichend. Ich wurde noch zorniger. Aber es geschieht! Hast du das Video gesehen? Eine Frau ist in einem Erdloch eingegraben, während Männer Steine auf sie werfen. Der Nachrichtenagentur AFP wurde die Echtheit des Videos bestätigt. Die Frau kommt langsam und qualvoll zu Tode und wiederholt mit immer höher werdender Stimme das muslimische Glaubensbekenntnis.

Aboud senkt die Augen und murmelt etwas von Bestrafung und Ehebruch. Da explodiert Hannah: Bestrafung wofür? Ich rufe: Warum wird der Mann nicht bestraft, der mit ihr Ehebruch begangen hat? Wir sind gerade auf Crashkurs. Aboud nickt beschwichtigend: Beide sollten bestraft werden, die Frau und der Mann, aber natürlich nicht indem selbsternannte Richter Steine auf sie werfen. Aber warum sollen sie überhaupt eine „Strafe“ bekommen, fragen Hannah und ich. Ehebruch kann höchstensfalls eine Sünde im religiösen Sinn sein, aber niemals eine Straftat!  Und was sind das für Männer, die sich um eine eingegrabene Frau stellen und Steine auf sie werfen.– nicht zu große, denn sie sollen nicht gleich tödlich sein, und nicht zu kleine, denn dann tun sie nicht genügend weh. „Das sind Idioten“, sagt Aboud.

Ich spüre, wie schwer es gerade ist, zu ihm durchzudringen, denn er argumentiert weiter: Jemand, der seinem Partner oder seiner Partnerin – soviel hat er schon gelernt von uns! - nicht mehr treu sein will, sollte sich vorher scheiden lassen. Dass Frauen in islamischen Staaten aber eher einen Lottosechser als eine Scheidung bekommen, verschweigt er.

Verstehst du, frage ich ihn, dass viele Menschen in diesem Land Angst haben, wenn Flüchtlinge Wertvorstellungen mitbringen, die vielleicht sogar Steinigungen rechtfertigen und diese Werte unter Bezug auf die Scharia sogar bei uns leben wollen? Ich verstehe es, nickt Aboud, aber ich weiß dafür keine Lösung. Schweigend tauchen wir das Chubz vom Naschmarkt in seine Melanzani-Ornamente.

Die Steinigung von Rochsahana – so hieß die 19 bis 21 Jahre alte Frau – fand Anfang November 2015 in Kabul, Afghanistan, statt. Nicht in Syrien. Ich hatte dem Syrer Aboud, der seit vier Wochen bei mir wohnt, meinen ganzen Groll über Unrecht und Menschenrechtsverletzungen umgehängt. Mir schmeckte das Mtabbal gerade nicht mehr.

Und wie ist es bei Mord, fragte Aboud, um vielleicht doch noch mit uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu kommen. Wenn jemand ein Leben auslöscht, dann muss doch die Todesstrafe gelten! Hannah und ich sagten nichts mehr.

4
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Grexi

Grexi bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:16

Spinnchen

Spinnchen bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:16

Silvia Jelincic

Silvia Jelincic bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:16

fischundfleisch

fischundfleisch bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:16

11 Kommentare

Mehr von Conny Bischofberger