Die Frau Pospischil ist eine gute Nachbarin. Tagein, tagaus fegt sie den Gehsteig vor dem Zaun. Und wenn der Schnee liegt, dann greift sie schon mal zur Schneeschaufel.

„Das hat früher der Papa gemacht“, sagt sie dann seufzend, wenn jemand vorbeikommt, irgendjemand, mit dem sie plaudern kann, ob der nun will oder nicht, ob er nun Zeit hat oder nicht, denn sie hat Zeit, „Aber seit der Papa tot ist, seitdem muss ich das machen, denn es muss ja wohl sein.“

Und weil die Menschen, fast alle, so gut erzogen sind, fragen sie nach, nach dem Papa, der ihr Mann war. Schon ist man ihr ausgeliefert, denn die gute Erziehung, die legt man nicht innerhalb weniger Sätze ab. Natürlich gibt es auch solche, die resolut weitergehen. Aber – und das muss man der alten Dame denn doch zu Gute halten – das stört sie nicht. Da zuckt sie bloß mit den Schultern und denkt laut.

„Manche, die haben es halt immer eilig.“

Aber wenn wer nach dem Papa fragt, der ihr Mann war, dann geht das Gespräch an. Sie erzählt vom Krebs, den er hatte.

„Von jetzt auf gleich ist er einfach tot umgefallen“, pflegt sie zu sagen, „Aber er hat nicht leiden müssen. Wissen’s, er war ja so ein aktiver Mann, der Papa, bis zum Schluss, das hätt er nicht ausghalten, dass er da liegt und nix machen kann.“

Es ergibt sich von selbst, dass dann von den Kindern geredet wird und den Enkelkindern. Wenn die Familiensachen genügend durchgekaut wurden, geht es weiter über die Nachbarn und die restlichen Leute im Dorf. Und die Frau Pospischil, die weiß immer über jeden alles, denn sie erzählt nicht nur, sie fragt die Leute auch aus. Die, die gut erzogen sind, die meisten, stehen ihr dann auch brav Rede und Antwort. So wird über die Menschen erzählt. Was nun der Wahrheit entspricht, ist sekundär. Wichtig ist, es erweist sich als erzählenswert.

„Die, die da neben mir eingezogen sind, vor Kurzem“, beginnt sie seit Neuestem ihr Lieblingsthema, „Also zuerst dachte ich, das sind ordentliche Leute. Ein Ehepaar und zwei kleine Kinder. So klein, die beiden. Gehen aber schon in den Kindergarten. Und die Frau, immer ordentlich. Das dachte ich, aber jetzt stellen Sie sich vor, die arme Frau, die so ordentlich ist und auf alles schaut, die hat so einen Hallodri. Ich meine, das sieht man einem ja nicht auf den ersten Blick an. Der schläft immer bis Mittags. Hat man sowas schon gesehen! Arbeitet offenbar nichts. Ein anständiger Mensch, der steht doch in der Früh auf, dass er sein Tagwerk richten kann. Ich bin ja so froh, dass das der Papa nicht mehr erleben musste!“ So und so ähnlich lamentiert sie weiter.

„Und jetzt, jetzt geh ich hinüber und sag ihr meine Meinung, der alten Hexe“, sagt besprochene Nachbarin zu ihrem Mann, der der Hallodri in den Augen der Frau Pospischil ist, „Hat von nichts eine Ahnung, aber redet die ganze Zeit.“

„Ach lass sie doch“, erwidert ihr Mann ruhig.

„Wie kannst Du nur so ruhig bleiben?“, giftet die Frau nun ihn an, der nun wirklich nichts dafür kann, außer, dass er ihr die Solidarität verweigert.

„Die Frau Pospischil, die ist wie meine Oma war“, erklärt er ungerührt, „Eine arme Frau. Da hat sie sich ihr Leben lang um Kinder und Mann gekümmert, hat geschaut, dass alles in Ordnung ist, und dann steht sie alleine da. Der Mann stirbt, und die Kinder, die kümmern sich einen feuchten Kehricht um sie. Würde sie nicht reden, dann würde sie völlig vereinsamen und vielleicht verzweifeln.“

„Aber sie redet ja nur so, weil sie nicht weiß, dass Du in der Nacht arbeitest“, meint die Frau, aber ihre Gegenwehr wird schon schwächer.

„Die Menschen, die mich kennen, die wissen das“, sagt er, „Und die, die mich nicht kennen, die interessiert es auch nicht wirklich. Außerdem wird es nach einer Zeit uninteressant, und dann bekommt wer anderer sein Fett weg. So ist das nun mal.“

Erst als die Frau Pospischil am Eis ausrutschte und der Nachbar sie ins Krankenhaus brachte, da ergab es sich, dass sie mehr erfuhr. Seitdem kommen die Kinder der Nachbarn immer wieder auf Besuch. Und der Weg vor dem Zaun wird nicht mehr so oft gefegt.

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