Aufgrund der prekären Lage haben sich alle Regierungschefs der Welt, also alle Leiter globaler Konzerne, zu einem Treffen eingefunden. Weitab der Öffentlichkeit wurde zu diesem Behufe mitten in den unzugänglichen Weiten der sibirischen Tundra ein exquisites Hotel erbaut. So viel Zeit muss sein, auch, oder vielleicht gerade, weil der Untergang knapp bevorsteht. Kein Wort erging an die Presse, und selbst wenn sich eines dorthin verirrt hätte, würde das Hotel nicht gefunden werden. Sämtliche Teilnehmer des Krisengipfels wurden mit ihren Privatjets eingeflogen und die Koordinaten des Ziels erst bei Abflug an die Kapitäne durchgegeben. Äußerste Geheimhaltung war oberste Priorität, denn wenn auch nur ein Wort an die Öffentlichkeit gedrungen wäre, hätten sich die Teilnehmer eine ungeheure Blöße gegeben, denn sie waren am Ende ihrer Weisheit. Jeder hoffte auf den anderen, dass dieser ein Mittel zur Hand hätte oder auch nur eine Idee wie man der Lage Herr werden könnte. Man wäre wohl auch schon mit dem Anflug eines Gedankens zufrieden gewesen.

Die Krise war überall greifbar. Vor allem in den Umsatzzahlen, die rapide in den Keller rasselten. Natürlich begann man reflexartig darüber zu jammern, dass Arbeitsplätze in Gefahr wären, doch die Hungerlöhne, die der Markt kreierte, die zahlte man mittlerweile aus der Portokassa. Faszinierend eigentlich, dass sich die Menschen immer noch mit dem Wohl der Firma gängeln ließen, wo doch jeder, der lesen konnte mittlerweile wissen müsste, dass es um nichts weiter ging die Aktionäre bei Laune zu halten und ihnen eine saftige Dividende zu zahlen. Sie bangten um ihr eigenes Salaire – und der 10.000 fache Stundenlohn gegenüber dem geringst Verdienenden im Unternehmen, war wohl das Mindeste, was man erwarten konnte, bei der Arbeitsbelastung und der Verantwortung. Nur mehr das 9.000 fache? Das wäre ein Kompromiss, aber ein ziemlich fauler. Wenn aber die Menschen nun aufhörten zu kaufen, dann war es vollends aus. Nicht einmal die Werbung zog mehr, weil die Menschen immer weniger Werbung konsumierten. Sie schienen den Konsum nicht mehr zu benötigen um sich gut zu fühlen. Sie hatten aufgehört sich mit den Nachbarn, den Kollegen, den Freunden zu messen, indem sie mit dem dickeren Auto oder der andersfarbigen Kreditkarte protzten. Das alles schien nicht mehr relevant zu sein. Kurzgesagt, das Schlimmste, was passieren konnte, war tatsächlich eingetreten. Ein wahres Horrorszenario!

Der Urheber dieser Verseuchung der Menschen war rasch gefunden. Es war ein kleiner Wurm. Knapp zwei Millimeter groß konnte er sich in allen Lebensmitteln verstecken. Dank seiner Geschmacksneutralität fiel es niemanden auf, wenn er hinuntergeschluckt wurde. Doch nicht nur Menschen, auch Tiere wuren befallen, doch um die musste man sich nicht kümmern, weil sie als Konsumenten sowieso noch nie eine Rolle gespielt hatten. Mit rasender Geschwindigkeit verbreitete er sich über den gesamten Erdkreis, nistete sich irgendwo im Körper des Lebewesens ein, das er befallen hatte und nahm sich gerade so viel, wie er zum Leben brauchte. Es handelte sich also um keinen Parasiten, sondern er bildete mit seinem Wirt eine erfreuliche Symbiose, denn die Ausscheidungsprodukte, die der Wurm im Körper des Wirtes von sich gab, Und so klein und unbedeutend dieser Wurm auch zu sein schien, die Auswirkungen waren katastrophal.

Fröhlich, kontaktfreudig, konsumunwillig wurden die davon betroffenen Menschen. Deshalb wurde die daraus resultierende Krankheit kurz FKK genannt. Die Fröhlichkeit, die allgemeine Heiterkeit, die Freude am Leben an sich führten dazu, dass sich die Menschen wieder mehr miteinander unterhielten, ihre vier Wände für Besucher öffneten und Besuche machten. Ein reges Leben allerorts, und Fremde wurden nicht mehr schief angesehen, sondern herzlich willkommen geheißen. Doch vor allem, und das war das Schlimmste, hatten die Menschen keine Lust und keine Zeit mehr für den ständigen Konsum. Schnell wurde von Novartis ein Gegenmittel ersonnen und auf den Markt geschmissen, doch die Menschen weigerten sich schlichtweg es zu nehmen. Sie wollten lieber krank sein. So weit war es gekommen, und keine Rettung in Sicht.

4
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

fischundfleisch

fischundfleisch bewertete diesen Eintrag 21.02.2016 21:43:01

liberty

liberty bewertete diesen Eintrag 21.02.2016 19:38:46

Paradeisa

Paradeisa bewertete diesen Eintrag 21.02.2016 19:37:33

Maria Lodjn

Maria Lodjn bewertete diesen Eintrag 21.02.2016 16:38:00

10 Kommentare

Mehr von Daniela Noitz