Mitten in Rumänien war es, um halb ein Uhr morgens. Wir waren bereits seit 12 Stunden unterwegs, quer durch Ungarn und nun befanden wir uns knapp vor Bukarest. Zeit für eine Pause, für einen Kaffee. Schließlich hatten wir noch ein gutes Stück Weges vor uns. Deshalb hielten wir an einer Tankstelle. Nebenan war ein Motel. Vielleicht hatten sie ein Zimmer. Ein paar Stunden schlafen, das wäre wohl eine gute Idee gewesen. Ich ging hinein und fragte. Im Auto bellte der Hund.

„Kein Zimmer“, hieß es.

Während wir uns noch ein wenig die Beine vertraten, sah ich vom Parkplatz des Motels aus hinüber zur Tankstelle. Ein Hund kam. Nichts Ungewöhnliches, in Rumänien. Streunende Hunde sieht man hier überall. Dennoch schien die Silhouette merkwürdig. Er ging am Rande des Lichts, zwischen dem hellerleuchteten Parkplatz und dem dunklen Grünstreifen. Ein schwarzer Hund. Ich dachte zunächst, es läge an meinen Augen. Die lange Fahrt, die Müdigkeit und die Schmerzen in den Schultern. Ich wollte es genau wissen. Warum hatte ich es nur genau wissen wollen.

Da waren die Vorderläufe, dann der Brustkorb, die Hinterläufe, doch zwischen Brustkorb und Hinterläufen, da war so etwas wie eine Kerbe, eine tiefe Kerbe. Viel zu dünn war der Hund an dieser Stelle, viel, viel zu dünn. Vorsichtig ging ich näher. Auch die Hündin blieb stehen. Das erkannte ich bereits, es war eine Hündin. Und da war diese unnatürliche Einkerbung. Jetzt war ich sicher, irgendetwas stimmte da nicht.

Um ihren Leib geschlungen, knapp vor den Hinterläufen, ein starker Draht, der nach oben wegstand und gut verknotet war. Um ihren Leib geschlungen und festgezogen, zusammengeschnürt, eingeschnürt. Ich war fassungslos. Wie konnte man nur? Wer konnte nur? Warum?

Es war eine menschliche Hand gewesen. Es konnte nur eine menschliche Hand gewesen sein. Der Mann an der Tankstelle zuckte mit den Achseln. Ist halt so. Die Dame im Motel winkte müde ab. Macht ja nichts.

Unnötiges Leid, wie es tagtäglich vorkommt, überall auf der Welt. Unnötiges Leid, das von Menschen verübt wurde und wird. Immerzu. Eine Hündin. Irgendeine Hündin mitten in Rumänien, eine unter tausenden. Letztlich ist es egal. Aber sie kämpft, um ihr kleines Leben, das im Großen nichts bedeutet. Doch ihr hätte es etwas bedeutet. Gewalt, Sadismus auf der einen Seite. Teilnahmslosigkeit, Desinteresse auf der anderen Seite. Ist ja schließlich nur ein Hund. Eigentlich.

shutterstock/pratan ounpitipong

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Silvia Jelincic

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