Ex-Kanzler Franz Vranitzky bezeichnete die Art und Weise des Abgangs seines Parteikollegen und Leidens-Genossen Christian Kern als "entsetzlich".

Und de facto hat Kern diejenige Rücktrittsart gewählt, die sowohl sich als auch seiner Partei den größtmöglichen Schaden zufügt.

Noch vor einem halben Jahr hatte Kern Gerüchte, er würde EU-Spitzenkandidat werden, als "Totalen Mumpitz !" abgetan. Und in einem "Krone"-Interview mit der wie immer subversiv und einfühlsam oder Einfühlsamkeit heuchelnden Conny Bischofsberger, die mit dieser Interviewmethode oft erstaunliche Erfolge erzielt und Erkenntnisse zutage fördert, beschädigt Kern sich erneut selbst.

Obwohl er sich für das Erscheinungsbild seines Abgangs entschuldigte, nicht aber dafür, selbst massive Fehler gemacht zu haben, schob er die Schuld am Rücktrittsdesaster den Medien und innerparteilichen Mechanismen zu, die ihn zum Lügen gezwungen hätten.

Kern sagte sinngemäß, Opposition sei nichts für ihn, für etwas anderes als eine absolute Führungsfunktion (für ihn kommen nur Kanzleramt und EU-Kommissionspräsidentschaft in frage) ist Kern sich zu gut.

Kern bestätigt damit das sogenannte SPÖ-Geheimpapier, das die Tageszeitung "Österreich" im Wahlkampf publiziert hatte, und das Kern als "eitle Prinzessin" bezeichnete. Dieses angebliche Geheimpapier hatte Kern möglicherweise selbst in Auftrag gegeben und/oder "Österreich" zugespielt, bzw. zuspielen lassen.

Vielleicht hat Kern das Falsche studiert, nämlich die zum Lügen verleitende Kommunikationswissenschaft, ein "Schwaflerstudium" laut Volksmund, nicht Politikwissenschaft oder Geschichte. Um so einen kommunikativen Super-GAU fertig zu bringen, muss man wohl studiert haben, ein Nicht-Studierter schafft eine derart große Katastrophe wohl gar nicht bzw. kommt gar nicht in eine Position, in der er das schaffen kann.

Kern kann gesehen werden als der Inbegriff des neoliberalen Jobhoppers, der aus seiner Verantwortung flüchtet, bevor die Folgen seiner Entscheidungen offensichtlich werden können. Aus der ÖBB geflüchtet, weil er die ÖBB nicht reformieren konnte und an der Eisenbahnergewerkschaft scheiterte mit seinen Reformbemühungen, aus der SPÖ geflüchtet, weil er die SPÖ-Reform, die er versprach, nicht schaffte, sondern an den SPÖ-Altgranden scheiterte, schon mit seiner Ankündigung, den föderalismuswidrigen SPÖ-Bundesparteibeschluss (der nur der Wiener SPÖ gefiel und den Häupl alleine durchsetzte), auf keiner Ebene mit der FPÖ zu koalieren, auch wegen der rot-blauen Koalition im Burgenland aufheben zu wollen.

Kern wirft mit diesem Chaos-Rücktritt nicht nur ein schlechtes Licht auf sich selbst, sondern auch auf die SPÖ, in der Kern trotz seiner moralischen Mängel, seiner Verlogenheit und seines Hochmuts bzw. seines Größenwahns, nur die absoluten Führungsfunktionen für sich zu beanspruchen (nämlich Kanzler und EU-Kommissionspräsident), in einer Art Putsch Parteivorsitzender werden konnte.

Wäre Kern katholisch, könnte man seine Handlungen bzw. einen Teil davon vielleicht als märtyrerhafte Selbstopferung verstehen: er opfert die eigene Karriere und den eigenen Ruf, um seiner Nachfolgerin Rendi-Wagner einen möglichst guten Start zu ermöglichen, und als "Trümmerfrau", den Trümmerhaufen, für den Kern mitverantwortlich ist, wiederaufräumen zu müssen, bzw. zu können.

Aber nichts in Kerns Vergangenheit spräche für eine solche Selbstopferungsthese. Abgesehen davon ist fraglich, ob Kern den Charakter und die Solidarität dafür hat. Vielmehr dürfte der SPÖ-Wahlslogan "Holen Sie sich, was Ihnen zusteht", bzw. "Holen Sie sich, von dem Sie glauben, dass es Ihnen zusteht" den wahren Charakter von Kern, der ihn abnickte, oder von Häupl, der ihn nicht kritisierte, eher offenbaren: den eines skrupellosen verbrecherischen Egomanen.

Ich habe mich gefragt, ob Kerns Volten eine absichtliche Selbst- und Parteiversenkung sein könnten, ähnlich wie ich das in der Piratenpartei machte, aber mein Eindruck ist: wenn´s Kerns Absicht sein sollte, sich und die SPÖ zu versenken, dann ist es ziemlich gut gemacht.

Mit diesem desaströsen Abgang wird Kern es auch auf EU-Ebene schwer haben, egal, ob er SPE-Spitzenkandidat für den Kommissionspräsidenten oder SPÖ-Kandidat für die Fraktionsführung der ca. fünf EU-Abgeordneten wird. Und in Anbetracht der Vergangenheit müsste Kern eigentlich froh sein, nicht wegen parteischädigenden Verhaltens aus der SPÖ ausgeschlossen zu werden, aber die Personaldecke der SPÖ ist vielleicht so hauchdünn, dass sie jeden behalten muss, auch Leute, die die SPÖ schädigen.

Denn seine Gegner, egal, ob CSU-Kandidat Weber oder ÖVP-Kandidat Karas werden genüsslich Kerns Fehler aus den letzten 15 Monaten zitieren und damit der SPÖ das verunmöglichen, wonach sich Kern angeblich so sehnt: Platz 1 für die SPÖ. In Wirklichkeit muss die SPÖ froh sein, wenn sie zweitstimmenstärkste bleibt und nicht auf "Platz" 3 oder 4 absinkt.

Wieso geht jemand in die Politik, der sich für die Oppositionsrolle zu gut und zu fein ist ? Ist Kern zu blöd, zu wissen, dass die SPÖ das Kanzleramt auch verlieren konnte, eben deswegen, weil Österreich eine Demokratie ist ?

Der SPÖ könnte in Wirklichkeit eine sehr lange Oppositionsphase bevorstehen, so wie die 18-jährige Oppositionsphase der britischen Labour-Party von 1979 bis 1997. Nach Jahrzehnten der Opposition war Old Labour so weichgeklopft uund zermürbt, dass es sich einen kräftigen Ruck zur Mitte verpasste, und den Zentristen Tony Blair zum Parteivorsitzenden machte. Gerade Linksparteien mit ihren 18-jährigen Reformphasen sind wie riesige, unbewegliche Öltanker mit ihren Wendekreisen bzw. Bremswegen von bis zu 30 Seemeilen.

Und vielleicht wurde "Pam" Rendi-Wagner ja deswegen zur Nachfolgerin gekürt, weil sie mit ihrem angelsächsischen Hintergrund um diese langen Oppositionsphasen für Linksparteien, sei es nun Labour oder die US-Demokraten, besser Bescheid weiss, als so mancher alteingesessener und machtverwöhnter SPÖ-ler, der immer noch der Kreisky-Ära nachtrauert und von Gramsci-artiger SPÖ-Hegemonie träumt, die den "klitzekleinen"Fehler hat, Lichtjahre von der Realität entfernt zu sein. Auch Kern hatte versprochen, die Absolute Mehrheit der Kreisky-Ära zurückholen zu wollen. Wahrscheinlich wie viele Aussagen von Kern in keinem einzigen Moment ernstgemeint, sondern reine Lüge aus parteiinternen "Notwendigkeiten".

Die längsten Oppositionsphasen für die SPÖ seit dem Weltkrieg waren 4 Jahre (1966-1970) und sechs Jahre (2000-2006). In Großbritannien und USA sind aber mindestens acht Jahre Republikaner- oder Tory-Herrschaft häufige Phasen. Bush Junior war acht Jahre lang Präsident, Reagan und Bush Senior 12 Jahre und Thatcher und Major waren 18 Jahre lang Tory-Premiers. Kerns Vorgehen war taktisch und strategisch ungeschickt: Regierungsbeteiligung und Parteireform gleichzeitig - wie von Kern beabsichtigt - geht gar nicht. Wenn Kern eine Ahnung von Politik und Geduld gehabt hätte, dann hätte er gewartet, bis die SPÖ ganz am Boden liegt und zermürbt ist durch lange Opposition und sie dann übernommen, so wie Tony Blair.

Kern lässt mit diesem Desaster-Abgang auch seine Lobhudler und Biographen wie den ebenso umtriebigen wie realitätsfremden Robert Misik schlecht aussehen:

XYZ Verlag ? https://www.amazon.de/s/?ie=UTF8&keywords=kern+christian&tag=hyddemsn-21&index=aps&hvadid=80195667716815&hvqmt=b&hvbmt=bb&hvdev=c&ref=pd_sl_4ezru13ku1_b

Christian Kern: Vom Wunderwuzzi und Parteiretter zum Crashpiloten und Parteivernichter in nur 15 Monaten ? Als mein 1966-Jahrgangskollege bringt er mit seinem Hazard möglicherweise auch mich in Gefahr.

Zum Abschluss und zum Ausgleich will ich auch mal was Positives über Kern sagen: sein Argument, die "Bihänder"-Opposition liege ihm nicht, kann einen positiven Einfluss auf die österreichische Politik haben, in der vor zukunftsunfähigen und vergangenheitsverhafteten Faschismusvorwürfen, und seien sie noch so an den Haaren herbeigezogen, nur so wimmelt.

Das Zweihänderschwert ("Bihänder" ) ist eine gefürchtete Waffe der mittelalterlichen Kriegsführung: sehr schwer zu führen, sehr kraftaufwändig (der slim-fitte Kern ist wohl zu schwächlich dafür), sehr offensiv und viel Schaden anrichtend, allerdings ist man dann sehr verwundbar, weil man keinen Schild tragen kann. Ein Bihänder-Kämpfer sollte daher immer Knappen mit Schild haben, die ihn eskortieren und Schwerthiebe mit ihren Schilden abwehren; allerdings ritt Kern ziemlich alleine in die SPÖ-Zentrale ein, begleitet nur von ehemaligen Sekretärinnen wie den Maltschnigs, die von Schildkriegsführung keine Ahnung haben, und von Politik manchmal auch nicht, wie ich auf Diskussionen feststellen musste. Aufgrund der geringen Hausmacht, die im vorher durch Häupl gestürzten steirischen Landeshauptmann Voves (ebenfalls SPÖ) bestand, war Kerns Scheitern vorprogrammiert. Voves wäre eine Führungsalternative für die SPÖ gewesen mit der Hausmacht der steirischen SPÖ. Wenn er SPÖ-Bundesparteiobmann und Kanzlerkandidat geworden wäre, dann hätte er bessere Chancen gehabt als Kern; seine Amtszeit wäre eine Öffnung zu den Bundesländern gewesen, und auch eine Bestätigung der These des SPÖ-Parteihistorikers Norbert Leser, dass Erneuerungsprozesse immer über die Länder laufen, aber nie von Wien ausgehen. Der Burgenländer Leser hatte mit dem damals (späte 1960er Jahre) ehemaligen Linzer SPÖ-Chef und Bürgermeister Ernst Koref zusammen Pittermann gestürzt und damit die Ära Kreisky eingeleitet.

abgelaufen, da mehr als hundert Jahre alt

Die Metapher Politik-Krieg hat etwas subversives. Die Kern-Formulierung von der "Bihänder"-Opposition hat auch ein Naheverhältnis zum "Napalm-Wahlkampf" von 2006, als Luigi Schober das dirty campaigning, das er für die SPÖ und Gusenbauer machte, auch mit einer Kriegsmetapher, nämlich aus dem Vietnamkrieg, verglich: Napalmbomben sind Brandbomben, die eigentlich zur Entlaubung des vietnamesischen oder laotischen Dschungels, um militärische Nachschubrouten sehen zu können, gedacht waren, aber auch zahlreiche Zivilisten als Kollateralschäden töteten.

Copyright abgelaufen, weil mehr als 40 Jahre alt

Eines der bekanntesten Fotos aus dem Vietnamkrieg: Kinder und Soldaten flüchten vor einem Napalmbombardement. Die Napalmkriegsführung motivierte den SPÖ-Wahlkampfmanager Schober von 2006 zu seiner "Napalm"-Metapher für das für die SPÖ durchgeführte dirty campaigning, mit dem Gusenbauer Platz Eins schaffte, aber den Koalitions-"Partner" bzw. Koalitions-"Feind" ÖVP so verärgerte, dass die Koalition schnell scheiterte, und Gusenbauer der am kürzesten amtierende Kanzler der Zweiten Republik wurde. Mildernd für Gusenbauer muss dazugesagt werden, dass er den Parteivorsitz nur unter der Auflage von Häupl bekam, so schnell den Kanzlerposten für die SPÖ zurückzubekommen wie möglich, egal, wie grausam und illegal die Mittel sind. Häupls Argument für die "Im Krieg und in der Politik sind alle Mittel erlaubt"-Strategie war die "Notwendigkeit", für die Wiener SPÖ per Bundes-Finanzausgleich gute Verhandlungsergebnisse herauszuholen, die unter einer SPÖ-losen Regierung nicht möglich waren und sind. Die Mittel, die Häupl im Laufe seiner Karriere anwandte, waren Wahlmanipulation, Medienmachtmissbrauch, Faschismushysterie und Heirats- und Sexintrigen gegen den früheren Bundespräsidenten Klestil, mit dem er einen wählerentmündigenden Deal aushandelte der Form: die SPÖ verzichtet auf einen Gegenkandidaten zu Klestil, dafür verspricht Klestil, niemanden anderen als einen SPÖ-Kandidaten zum Bundespräsidenten zu machen, egal, wie schlecht das Wahlergebnis für die SPÖ ist, und egal, wie unwillig die ÖVP ist, eine Koalition mit der SPÖ zu machen. Dieser Deal zwischen Häupl und Klestil verleitete Gewerkschafter und Koalitionsverhandler Nürnberger dazu, zu hoch zu pokern, womit Häupl und Nürnberger genau die schwarz-blaue Koalition erreichten, die sie eigentlich verhindern wollten.

Dieses Foto würde heute vielleicht als "kinderpornographisch" kritisiert, und der Obmann und Gründer der Piratenpartei Schwedens, Rick Falkvinge, forderte eine Entschärfung der schwedischen Pornographieverbotsgesetze auch unter Hinweis auf dieses Foto. Diese Debatte kostete ihn möglicherweise sein Amt. Auch bei Falkvinge spielte möglicherweise Absichtlichkeit bei der Versenkung der eigenen Partei eine Rolle, weil das Personal, das zur Piratenpartei kam, aus seiner Sicht nicht gut genug war.

P.S.: Kernschmelze ist ein Begriff aus der Reaktorunfallstechnik. Es beschreibt eigentlich die Schmelze eines Atomreaktorkerns wegen mangelhafter Kühlung und Überhitzung, so wie in Tschernobyl. Die Mitverantwortung der SPÖ für die Atomstromlieferverträge mit der Ukraine und auch für den Reaktorunfall von Tschernobyl hätte Kern auch aufarbeiten können, tat er aber nicht.

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