Wie kam es, daß Wolodymyr Selenskyj nach seiner Wahl eine politische Kehrtwende hinlegte, wie Roger Waters bemerkte? Nach meinen Quellen, die ich genausowenig offenlegen darf wie andere Geheimdienste, hat sich das Folgende zugetragen. Die Darstellung ist verkürzt und auf das Wesentliche beschränkt.

Eine Woche nach der Vereidigung des ukrainischen Präsidenten, morgens um 5:55, hielt ein liebevoll restaurierter, weißlackierter GAZ M-21 Wolga Baujahr 1958 in der Innenstadt von Kiew an der feinsten Adresse der Mykhaila Hushrevskoho Straße.

Drei in Grau gekeidete Herren enstiegen dem Wagen, rückten die Kleidung zurecht, schauten auf die Uhr und nickten sich zu. Jeder von ihnen trug einen schwarzen Aktenkoffer. Sie gingen schnurstracks auf den Haupteingang des Marien-Palastes zu, den Wohnsitz des ukrainischen Präsidenten.

Mit Hilfe ihrer gefälschten Ausweise, einer glaubhaft vorgetragenen Räuberpistole und weiteren Tricks drangen sie bis zum Gemach des Präsidenten vor und klopften an die Tür. Selenskyj öffnete im Morgenrock.

"Dobro utro", sagte einer der Drei. Das ist zwar kein Russisch, aber Täuschen gehört nunmal zum Repertoire von Agenten. "Wir möchten mit Ihnen über Gott sprechen. Haben Sie zehn Minuten Zeit für uns?" Er hielt in der Rechten eine Kopie der Wladimirskaja¹.

Der Präsident verstand sofort. "Kommen Sie herein", sagte er, "und nehmen Sie Platz. Ich werde mich rasch ankleiden."

Als Selenskyj das Wohnzimmer betrat, standen drei Aktenkoffer nebeneinander auf dem Couchtisch. Einer der grau gekleideten Herren saß in einem Sessel, die beiden Anderen standen links und rechts daneben. Selenskyj ließ sich auf der Couch nieder. "Sprechen Sie", sagte er.

"Herr Selenskyj, wir waren sehr erfreut, daß Sie mit dem Friedens-Ticket zur Präsidentschaft gereist sind. Das bestätigt die weit verbreitete Auffassung, daß Ukrainer und Russen Brüdervölker sind, Wahlen hin oder her. Anerkennung der Krim als russisches Staatsgebiet, Teil-Autonomie der Donbass-Republiken, Neutralität der Ukraine - das ist alles sehr löblich. Wir waren hoch erfreut, wie gesagt. Aber", und hier machte er eine Pause, wie um seine Gedanken zu sortieren, oder seine folgenden Worte durch die entstehende Spannung mit Bedeutung aufzuladen, "das wird alles nichts nützen. Der Westen wird nicht ablassen von seinen Versuchen, die Ukraine in seinen Einflußbereich zu ziehen um sie de facto zu kolonisieren. Und warum?"

Selenskyj ließ einen kurzen Lacher. "Das liegt in der Logik des Kapitalismus, soviel weiß ich noch von der sowjetischen Propaganda!", sagte er. "Fassen Sie sich kurz", sagte er streng, "der Tag hat gerade begonnen und ich habe eine Menge Termine."

"Nicht nur, aber ich sehe, wir verstehen uns. So wie der Kapitalismus den Merkantilismus abgelöst und die Bourgeoisie sich die Ausbeutungsmechanismen der Feudalherren angeeignet hatte, genau so lebt der Kolonialismus der Briten in den ehemaligen britischen Kolonien Nordamerikas fort - den einzigen Ländereien, die von Gemeinen kolonisiert wurden und in denen die ursprüngliche Bevölkerung nahezu vollständig dezimiert wurde und deswegen bis heute nicht entkolonisiert sind - während die feudalen Kolonialreiche Europas untergingen. Die USA entwickelten sich zur letzten Kolonialmacht in der alten, westeuropäischen Tradition. Und nun ist die EU eine Kolonie der USA, wie Leon Trotsky schon 1933 feststellte."

"Ja, das ist mir alles bekannt. Zur Sache. Sie wollten mit mir über Gott sprechen? Und was sollen diese Koffer?" fragte Selenskyj.

"Wie sie wissen, geht alles auf das Schisma zwischen West- und Ost-Rom zurück. Von Byzanz über den Kiewer Rus bis heute - die Orthodoxie ist in unseren Bruderländern nach wie vor lebendig und hat natürlich auch altrömische Wurzeln. So viel - wenn auch nur indirekt - zu Gott. Wir sind beharrlich in der Aufgabe, zu unseren kulturellen Wurzeln hinabzusteigen um sie genauso zu pflegen wie die Zweige, Blätter und Früchte unserer Gesellschaft. Manches muß zurückgeschnitten werden. Einiges werden wir aus dem uralten Erfahrungsschatz Chinas und Indiens übernehmen, Rom jedoch hinter uns und nur das Tragfähigste stehen lassen. Das bedeutet unter Anderem eine grundsätzliche Umgestaltung unseres Rechtswesens."

Selenskyj blickte auf die Uhr. "Wir können uns noch stundenlang über Rechtswesen, Religion, Geschichte, Philosophie und Geopolitik unterhalten, ich habe aber nur noch wenig Zeit. Worum geht es?"

"Herr Selenskyj, sie sind ein brauchbarer Schauspieler. Wir haben uns alle Ihre Auftritte angesehen und möchten mit der Gestaltung dieses Einsatzes unsere aufrichtige Bewunderung für Ihr Talent zum Ausdruck bringen. Daher die Koffer."

Er machte eine Pause, die er mit Notizen in ein aus der Innentasche seines Jacketts gezogenes kleines Buch füllte.

"Wir haben ein Angebot für Sie, das Sie jedoch ablehnen können."

"Und das wäre?"

"Nun, sehen Sie, Krieg ist unvermeidlich aus Sicht unserer angelsächsischen Kollegen, dessen sind sich unsere Analysten sicher. Ihr friedenspolitisches Programm würde ihn nur verzögern, aber nicht verhindern. Es ist von entscheidender Bedeutung, daß wir Takt und Maß des Krieges bestimmen können, verstehen Sie? Gemeinsam."

Volodimir Selenskyj nickte stumm.

"In diesen drei Koffern befinden sich die wichtigsten Machtmittel des Westens: Geld, Drogen, Waffen. Wählen Sie zwei. Im Linken befinden sich 5 Millionen Dollar und Zugangsdaten zu diversen Konten die wir für Sie eingerichtet haben. Im Mittleren 10 Kilogramm Kokain und etwas Kiffzeug. Der Rechte enthält zwei SIG Sauer P210 aus den USA nebst reichlich Munition. Sie haben drei Optionen: Geld und Waffen, Waffen und Drogen, Drogen und Geld. Uns war es wichtig, Ihnen drei Möglichkeiten zu geben. Denn nur eine Wahl bedeutet Krise, zwei Möglichkeiten ein Dilemma, und erst bei drei Möglichkeiten fängt Freiheit an. Ihre Wahl bestimmt den weiteren Verlauf des Geschehens und unserer Aktionen. Freilich sind diese drei Koffer nur Symbole, obwohl sie materiell bestückt sind."

"Wenn es nur Symbole sind - wie lautet Ihre Deutung?" fragte Selenskyj.

"Nun. Das Geld ist als Anzahlung zu verstehen und als die Wurst, mit der man nach der Speckseite wirft, wie ein deutsches Sprichwort besagt, nicht wahr. Mit diesen paar Millionen können Sie Milliarden bei der einen oder anderen Seite locker machen. Geld kompromittiert, egal ob es in Verträgen gebunden oder informell zur Bestechung eingesetzt wird. Auch Drogen kompromittieren, vor allem, wenn es sich um illegale handelt, wie es hier der Fall ist. Sie wirken zerstörerisch. Daher sollten Sie, falls Ihre Auswahl Drogen beinhaltet, sich genau überlegen, wer oder was zu zerstören sei. Die Waffen dienen zu Ihrer Verteidigung - wie alle Waffen, nicht wahr, nur zur Verteidigung."

Der Agent stand auf und legte die Kopie der Wladimirskaja auf den Tisch.

"Diese Ikone werden Sie auf jeden Fall brauchen, egal wie Sie sich entscheiden. Es ist zwar nur eine Kopie, aber sie wurde vom Patriarchen gesegnet."

Er setzte sich wieder.

"Herr Selenskyj, Sie sind in großer Gefahr, Sie stehen auf der Todesliste des Rechten Sektors. Die SIG Sauer bieten da nur geringen Schutz, aber wir versichern Ihnen unsere Hilfe. Wählen Sie dazu das Geld, brauchen Sie keine Drogen. Sie können sofort nach dem Ende der Kampfhandlungen im Donbass mit Investitionen beginnen und werden weitere großzügige Hilfe aus Rußland erhalten. Aber der Westen wird nicht locker lassen, wie gesagt. Wählen Sie zu den Pistolen die Drogen, brauchen Sie kein Geld, denn der Wert des Kokains übersteigt die 5 Millionen auch an Zerstörungspotential. Ihre kriminelle Karriere erhielte damit eine weitere lukrative Facette. Wählen Sie jedoch Geld und Drogen, brauchen Sie keine Waffe. Denn damit können Sie ihre Abkehr von Ihrer Friedenspolitik im Rechten Sektor glaubwürdig untermauern und die wichtigsten Protagonisten an sich binden. Natürlich können Sie etwas für sich selbst abzweigen, aber nehmen Sie nicht zuviel. Das fällt auf, vor allem bei öffentlichen Ansprachen. Auch das haben wir bemerkt."

Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: "Egal wie Sie sich entscheiden - die Drehbücher sind schon geschrieben, für alle vier Varianten. Denn Sie können das Angebot auch rundheraus ablehnen, wie gesagt."

Selenskyj stand auf. "Meine Herren, die Unterredung ist beendet, ich habe keine Zeit mehr. Nehmen Sie ihre Räuberpistolen mit, lassen Sie den Rest da. Wir haben genügend Waffen in der Ukraine, wie Sie wissen. Schließlich haben wir eine gemeinsame Geschichte."

"Eine gute Wahl, Herr Selenskyj," sagte der Agent. "Drehen Sie langsam, aber stetig an der Eskalationsspirale, bis Rußland gezwungen wird einzugreifen. Danach wird sich alles wie geplant entwickeln. Der Westen wird Sanktionen gegen Rußland verhängen und sich damit selbst ins Knie schießen, Europa wird waffentechnisch ausbluten und am Schluß die Hosen vollständig herunterlassen müssen - speziell Deutschland wird überwintern mit nacktem Arsch und kaltem Hintern, wie man dort so schön sagt. Das alles wird viele Menschenleben kosten, aber es ist immer noch die schonendste Art, den Hegemon zu Fall zu bringen."

"Ich weiß", sagte Selenskyj, "daß sich große Tragödien nur mit Komik und Humor ertragen lassen. Ich danke Ihnen sehr für die Wladimirskaja. Nun ist sie wieder in Kiew angekommen, wenn auch nur als hervorragende Kopie. Ich erwarte weitere Nachrichten und Instruktionen von Ihnen. Guten Tag."

Der weiße Wolga setzte sich wieder in Bewegung und nahm Kurs auf Moskau. "Auftrag ausgeführt, Aktion erfolgreich" meldete der 1. Offizier ans Hauptquartier.

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¹) ein russisches Nationalheiligtum

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