Vor zwei Wochen musste die Schweiz Wasser rationieren. Diese Woche steht es im Bahnhof Luzern. Und der Nachbar mit dem SVP-Kleber am Pick-up grinst: „Wo bleibt denn jetzt eure Dürre?" – Genau da, du Held. In deiner Tiefgarage.
Zwei Wochen. So lange hat es gedauert.
Von „Dorfbrunnen abgestellt, Kühe notgeschlachtet, rote Warnstufe in fast allen Kantonen" zu „Bahnhof Luzern läuft voll, über 60 Notrufe in vier Stunden, Wasser drückt in Keller und Garagen".
Der Blick brachte es auf einen Satz: Die Strassen „können das Wasser nicht schlucken".
In Wallisellen stand ein Auto in der Unterführung, bis nur noch das Dach rausschaute. In Zürich einzelne Gemeinden mit über 100 Einsätzen an einem Abend. 15'000 Blitze. Und mittendrin unser Klimaschwurbler-Held, trocken auf dem Sofa, tippt in sein Handy: „So viel Regen! Und die faseln von Dürre! Alles gelogen!"
Kurzer Zwischenruf, bevor wir weitermachen.
Dieser Mann leugnet die Physik.
Auf einem Gerät, das ausschliesslich funktioniert, weil die Physik stimmt. Sein Handy verrechnet Signale von Satelliten, die nach Einsteins Relativitätstheorie korrigiert werden müssen, sonst wäre seine Navi-App nach zwei Minuten um Kilometer daneben. Der Akku lebt von Quantenmechanik. Der Chip von Halbleiterphysik. Das Wetter-Widget von genau denselben Atmosphärenmodellen, die er „Klimalüge" nennt.
Er hält einen Hochleistungscomputer in der Hand, um der Wissenschaft zu erklären, dass sie sich irrt. Das ist, als würde man mit dem Auto zur Demo gegen den Verbrennungsmotor fahren – und unterwegs noch tanken.
🔴 Gratuliere. Du hast gerade den Klimawandel erklärt – und nichts kapiert.
Warme Luft schluckt mehr Wasser. Sieben Prozent mehr pro Grad. Bei Gewitterschauern bis vierzehn. Das ist keine Meinung, sondern die Clausius-Clapeyron-Gleichung – hergeleitet 1834, als es weder Autos noch Parteibücher noch Telegram-Gruppen gab.
Übersetzt für den Stammtisch: Die aufgeheizte Luft ist ein grösserer Schwamm. Erst saugt sie dir wochenlang alles raus – deine Dürre. Dann wird sie ausgewrungen, auf einmal, über deinem Quartier – deine Flut.
Es regnet nicht weniger. Es regnet anders. Wochenlang nichts, dann ein Monat in sechzig Minuten.
Und der Boden? Wochenlang gebacken, hart wie eine Bratpfanne. Der nimmt nichts mehr auf. Wasser auf ausgedörrter Erde verhält sich wie Wasser auf einem Cheminéeblech: Es läuft ab. Und zwar dorthin, wo es am wenigsten hinsoll.
Dazu der echte Beton: In der Schweiz verschwindet jede Sekunde mehr als ein halber Quadratmeter Boden unter Asphalt und Platten. Jede Sekunde. Zürich ist zu 14 Prozent versiegelt, Basel-Stadt zu 46.
Wir haben also den Regen verschärft und dem Wasser gleichzeitig jeden Platz weggenommen. Und staunen dann, dass es im Bahnhof steht.
Die Dürre ist nicht weg, du Genie. Sie steht in deiner Tiefgarage.
🔴 Und jetzt kommt der Teil, bei dem das Grinsen einfriert.
Der Schweizerische Versicherungsverband warnt: Ohne Anpassung könnten sich die Prämien verdoppeln.
Verdoppeln. Deine. Nicht die von Greta.
Und jetzt der Hammer für alle, die sich in Sicherheit wiegen, weil ihr Keller trocken ist: Bei Elementarschäden gilt in der Schweiz das Solidaritätsprinzip. Die FINMA schreibt für alle denselben Prämiensatz vor. Egal wo du wohnst.
Heisst: Du zahlst jeden abgesoffenen Keller mit. Jede weggeschwemmte Garage. Jedes zerhagelte Dach. Auch das des Nachbarn, der gerade noch gelacht hat.
Die Zahlen aus der Branche: Die Unwetter Juni bis Juli 2024 kosteten 160 bis 200 Millionen. Die Mobiliar zählte über 13'500 Schadenmeldungen in einem Halbjahr. Und die Helvetia hat 1990 bis 2024 durchgerechnet – Hagelschäden: plus 366 Prozent an Zahl, plus 490 Prozent an Schadenshöhe.
Vierhundertneunzig Prozent. Das ist kein Trend mehr. Das ist eine Wand, und wir haben den Fuss auf dem Gas.
🔴 „Ja aber menschengemacht ist das nicht!"
Ah. Der neue Lieblingssatz, seit „gibt's gar nicht" bei 39 Grad niemand mehr abnimmt.
Dann klär uns auf, Herr Selberdenker: Wenn der Mensch nicht schuld ist – wer zahlt dann die Prämie? Der Vulkan? Schickt der eine Gutschrift?
Nein. Das zahlst du. Aus deinem Lohn. Jeden Monat. Bis zur Pensionierung.
Deshalb ist dieser Satz kein harmloses Gemurmel, sondern die teuerste Ausrede der Schweizer Geschichte. Wer die Ursache leugnet, muss nichts tun. Kein CO2-Gesetz. Keine Massnahme. Keine geschmälerte Öl-Marge. Nur die Rechnung wird weitergereicht.
„Der Mensch ist nicht schuld" heisst auf Deutsch: „Zahl du."
🔴 Und jetzt schauen wir, was diese Partei beim Wasser wirklich tut.
Am Alpenrhein läuft Rhesi, das grösste Hochwasserschutzprojekt der Schweiz. 26 Kilometer, 2,1 Milliarden, zusammen mit Österreich. Es schützt das St. Galler Rheintal. Schadenspotenzial, wenn der Rhein übertritt: 13 Milliarden Franken.
Österreichs Nationalrat: einstimmig dafür. Nicht eine Gegenstimme.
Schweizer Nationalrat: 165 Ja, 19 Nein. Alle 19 aus der SVP. Parteipräsident Dettling stimmte dagegen. Fraktionschef Aeschi stimmte dagegen.
Die Begründung? Verlust landwirtschaftlicher Flächen.
Lass das kurz sacken. Da sitzt eine Partei im Parlament, wiegt dreizehn Milliarden Franken Schadenspotenzial, zehntausende Häuser und eine ganze Region gegen ein paar Hektaren Ackerrand ab – und entscheidet sich für den Ackerrand.
Selbst Österreich, das von der Sache nur die halbe Rechnung und den halben Nutzen hat, sagte geschlossen Ja. Die Vorarlberger schauen über den Rhein und fragen sich vermutlich bis heute, was bei uns im Trinkwasser war.
Und im Kleinen dasselbe Spiel: Verschwindet ein Bach in einer Betonröhre unterm Feld, nennt man das eingedolt. Diese Röhren sind für den Regen von gestern gebaut. Kommt der von heute, ist die Röhre in Minuten voll – und das Wasser sucht sich einen neuen Weg. Meistens deinen Keller. Deshalb schreibt das Gesetz vor, Bäche wieder zu öffnen.
SVP-Ständerat Hansjörg Knecht forderte per Motion, Bäche eben nicht in jedem Fall offenlegen zu müssen. Begründung, Überraschung: Kulturlandverlust. Die Kommission lehnte ab.
Grosses Projekt: blockieren. Kleiner Bach: zubetonieren lassen. Und wenn das Wasser dann in der Unterführung steht, war's die Klimahysterie.
🔴 Rate mal, wer vor all dem warnt. Greta? Die Antifa?
Die Fachplattform, die vor „Rekordniederschlägen auf ausgetrocknete Böden" warnt, wird getragen von den Kantonalen Gebäudeversicherungen, dem Versicherungsverband, dem Ingenieur- und Architektenverein – und vom Hauseigentümerverband Schweiz.
Dem Hauseigentümerverband. Der ist politisch etwa so links wie ein Tresorschlüssel.
Trotzdem rechnen die längst mit dem Klimawandel. Schwellen vor Tiefgaragen, angepasste Wiederkehrwerte, neue Modelle. Warum? Weil sie zahlen müssen. Wer für jeden vollgelaufenen Keller die Rechnung kriegt, kann sich Aberglaube nicht leisten.
Und die Zahl, nach der es nichts mehr zu diskutieren gibt: 173 Schweizer Messstationen. Keine einzige zeigt eine deutliche Abnahme der Starkniederschläge. Nicht eine.
Aber ein Wissenschaftsallergiker mit SVP-Kleber und Hochleistungscomputer in der Hand weiss es besser als 173 Messstationen, der gesamte Versicherungsmarkt und der Hauseigentümerverband.
Übrigens: Der Satz „Rekordniederschläge auf ausgetrocknete Böden, die kaum Wasser aufnehmen können" stand schon 2022 dort. Als Zukunftsszenario. Mit Fragezeichen.
Diese Woche stand er im Bahnhof Luzern. Und ging dir bis zum Knie.
🔴 Und jetzt zu dir.
Du wählst eine Partei, die gegen das grösste Hochwasserschutzprojekt des Landes stimmt – während in Österreich nicht ein einziger Abgeordneter Nein sagt.
Jetzt steigt deine Prämie. Dein Keller säuft ab. Deine Unterführung wird zum Schwimmbad.
Das ist kein Pech. Das ist Lieferung. Du hast bestellt, jetzt kommt das Paket.
Und das Perfideste: Wegen des Solidaritätsprinzips zahlt der Nachbar mit. Der, der vernünftig gestimmt hat. Der zahlt jetzt deine Rechnung – für eine Politik, gegen die er war.
Du hast dich also nicht nur selbst über den Tisch gezogen. Du hast das halbe Quartier mitgenommen. Und nennst das „gesunden Menschenverstand".
Sie haben dir eingeredet, du seist der Rebell gegen die abgehobene Elite. In Wahrheit warst du der billigste Erfüllungsgehilfe, den eine Öl- und Chemiedynastie je bekommen hat. Gratis. Freiwillig. Mit Fähnchen.
🔴 Fürs Protokoll.
Die Versicherer rechnen. Die Ingenieure bauen um. Die Gemeinden schreiben Notfallpläne. Sogar Österreich stimmt einstimmig für den Hochwasserschutz an unserer eigenen Grenze.
Und die grösste Partei der Schweiz stimmt dagegen. Wegen ein paar Hektaren Acker.
Erst nimmt dir das Klima das Wasser weg, wenn du es brauchst. Dann kippt es dir alles vor die Tür, wenn du es am wenigsten gebrauchen kannst. Dieselbe Ursache. Dieselbe Rechnung. Seit Jahrzehnten vorhergesagt – von genau den Leuten, die deine Partei „Apokalyptiker" nennt.
Und wenn der Nachbar mit dem Pick-up das nächste Mal ruft „wo ist denn eure Dürre?", sag gar nichts.
Zeig einfach auf sein Auto.
Das schwimmt schon. Und deine Prämie zahlt den Schaden mit 💀