Abschied in Raten - leise Gedanken

Draußen duftet es nach Brennesseln. An Anflug von Melancholie macht sich breit. Die Tage hier in der Abgeschiedenheit sind gezählt. Ende August kommt der Möbelwagen und wir verlagern unseren Wohnort dahin, wo die Betreuung meiner Mutter dann ein bisschen leichter zu bewerkstelligen ist.

Vor allem im Winter waren wir nahezu bewegungsunfähig. Auf eigenen Beinen wollte meine Mutter nicht mehr gehen - vor allem im Schnee nicht. Es rutscht, hat sie erst gesagt, und dann gerufen und wenn wir nicht schnell genug aus dem Schnee rausgekommen sind, voller Panik gekreischt. Es war nicht von Bedeutung, ob der Schnee wirklich rutschig war - oft genug war er griffig, aber Schnee ist rutschig, davon war meine Mutter nicht abzubringen. Aber einen Rollstuhl durch einen halben Meter Schnee zu schieben, ist auch eine herausfordernde Aufgabe, vor allem, wenn meine Mutter darinsitzt, die einen ausgeprägten Hang zu Hysterie hat.

Vernuft oder Einsicht sind ja Eigenschaften, die, wenn überhaupt, bei meiner Mutter nur mehr sehr spärlich zum Vorschein kommen. Und wenn, dann auch nur in sehr kurzen Sequenzen.

Jetzt sitze ich hier und habe noch den frischen Duft der Brennesseln in der Nase. Und ich kämpfe dagegen an, die Traurigkeit zuzulassen, die sich einschleichen will. Alles ist so vergänglich - in den letzten Jahren ist der Tod bei uns ständig präsent.

Vielleicht drängt sich das auch nur gerade jetzt ins Bewusstsein, weil wir das Datum für den Umzug festgelegt haben. Wir siedeln ja eigentlich schon seit ein paar Wochen. All die Dinge, die nicht im ständigen Gebrauch sind, haben wir schon weggebracht. Aber der Möbelwagen bringt dann unser Leben an einen anderen Ort. Noch wohnen wir hier, haben hier unsere Betten, die Küche, die Waschmaschine. Ende August schlafen wir dann im neuen Haus, und fahren nur noch hierher zurück, um die Zimmer auszumalen, und die Dinge in Ordnung zu bringen, die vielleicht erneuert werden müssen. Es wird das letze Haus sein, in dem unsere Kinder noch bei uns gelebt haben. So, als würde man eine Tür für immer verschließen.

Meiner Mutter macht es erstaunlicherweise wenig aus. Veränderungen sollen für demente Menschen besonders schwierig zu ertragen sein. Ich will mir nichts vormachen - das was meiner Mutter am Wichtigsten erscheint, ist Josef. Ist er in ihrer Nähe, dann ist ihr Leben in Ordnung. Ich bin in ihrem Leben ein unbedeutender Statist, bestenfalls ein Komparse, das Leben meiner Mutter ist auf den Hauptdarsteller Josef fokussiert.

Als meine Mutter hier eingezogen ist, damals vor rund drei Jahren, da war ihr Gesundheitszustand schlecht. Anders kann man das als Laie nicht beschreiben. Ein paar Monate noch, oder vielleicht ein Jahr, so hatte es den Anschein, würden meiner Mutter noch vergönnt sein. Niemand hat ernsthaft damit gerechnet, dass meiner Mutter ein weiterer Umzug bevorstehen würde. Es ist sicher auf die geänderten Lebensumstände zurückzuführen, dass meine Mutter noch unter uns weilt. Die Versorgung mit Medikamenten und Lebensmitteln, die Obsorge, wenn es ihr schlecht geht - Josef leistet hier Großartiges.

Ich hingegen habe immer öfter das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Die beiden sind eine Symbiose eingegangen - die Hilfsbedürftigkeit meiner Mutter ist dem Wunsch Josefs, etwas Sinnvolles zu tun, auf fruchtbaren Boden gefallen.

Was mir bleibt, ist das Niederschreiben, mein Zynismus, mein Sarkasmus und mein verdrehter, oft dunkelschwarzer Humor.

Und der Duft der Brennesseln draußen vorm Haus. Schließlich will ich irgendwann auch mal Erinnerungen haben, auf die ich zurückgreifen kann.......

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Silvia Jelincic

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Spinnchen

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