Wenn die Psyche schlapp macht und es keinen interessiert.....

Mensch A (weiblich) 23

Mensch A wohnt in einer Großstadt in Österreich. Sie hat eine Lehre abgeschlossen. Seit 4 Jahren wird sie vom AMS zu diversen Praktika geschickt. Unbezahlt natürlich, denn die Praktika sollen vor allem ihr helfen, Erfahrung im Beruf zu erlangen. Der Fairness halber muss erwähnt werden, dass natürlich die Fahrtkosten zum Praktikum vom AMS bezahlt werden. Es ist ja ein Mehraufwand. Und mit den paar Euro Taggeld ist das nicht zu bezahlen. Nicht selten entpuppt sich ein Praktikum als Arbeitsersatz für eine ausgefallene Arbeitskraft. Termine beim AMS sind selten geworden - es sieht halt trist aus auf dem Arbeitsmarkt und Mensch A ist offensichtlich nicht vermittelbar. Und vor allem - wer will schon einen Menschen einstellen, der in seinem Lebenslauf nicht mehr als ein paar Praktika vorweisen kann. Über lange Zeit schreibt Mensch A unzählige Bewerbungen, für die sie im besten Fall eine Absage erhält. Meist bekommt sie noch nicht einmal eine Antwort.

Seit einem Jahr wird Mensch A immer stiller. Sie isst kaum noch, schläft nicht und will niemanden sehen. Lachen hat sie auch keiner mehr gesehen - sicher nicht im letzten Jahr. Soziale Kontakte vermeidet sie inzwischen gänzlich. Eigentlich weiß keiner, ob sie also noch lacht. Es interessiert ja eigentlich auch niemand.

Mensch B (weiblich) 19

Sie ist psychisch angeschlagen. Lange Zeit versucht sie zu verbergen, wie es ihr geht und funktioniert einfach irgendwie. Irgendwann ist es aber zu viel und sie kann ihre Krankheit nicht mehr verbergen. Die Eltern sind wenig hilfreich und brauchen so einen Versager nicht. Mensch B sei einfach nur faul und es gäbe mit ihr sowieso immer nur Probleme. Die Mutter selber ist seit Jahren mit der Diagnose Burnout zu Hause, betäubt sich mit Tabletten oder Alkohol, der Stiefvater will das fremde Kind sowieso nicht. Sein eigenes Kind behandelt er anders. Das andere, das eigene Kind ist ja auch so viel besser. Als Mensch B sagt, dass sie den Job nicht mehr schafft, stellt der Stiefvater ein Ultimatum. Entweder Mensch B verschwindet, oder der Stiefvater verlässt die Familie. Ein paar Tage später steht Mensch B auf der Straße. Neu ist das nicht - Mensch B hat schon viel Zeit auswärts wohnend verbracht.

Der dringend angeratene Psychiater verschreibt ihr etwas zur Beruhigung und etwas zum Schlafen. Mensch B wird krankgeschrieben. Der Termin beim Chefarzt ist eine Katastrophe. Sie solle sich zusammenreißen. Schließlich würde die Krankenkasse auch ihre Leistung erbringen und dafür muss es eine Gegenleistung geben. Mensch B verstummt und spricht kaum noch. Irgendwann sitzt sie weinend hinter einem Holzstapel und reißt sich büschelweise die Haare aus.

Mensch B kommt glücklicherweise bei Menschen unter, die sie vorher gerade ein paar Mal gesehen hat. Sie findet Unterschlupf bei einem Freund und muss zumindest nicht auf der Straße schlafen. Die eigene Mutter macht Stress, Mensch B soll ihre Habseligkeiten holen. Mensch B fühlt sich entwurzelt. Der Chef bedrängt sie, damit sie die Ausgehzeiten bekannt gibt. Das kommt aus der Ecke der Eltern, die Mensch B noch so richtig eins reinwürgen wollen.

Im Psychosozialen Zentrum bescheinigt man Mensch B, dass sie dringend betreut werden muss und reiht sie glücklicherweise ohne viel Aufsehen vor, sodass sie wirklich sehr rasch einen Therapieplatz bekommt. Langsam aber sicher wird Mensch B ruhiger. Im Hinterkopf steckt die Angst, dass sie vielleicht wieder "entfernt" wird, wenn sie nicht dementsprechend funktioniert. Aber eigentlich weiß sie gar nicht, wie genau "funktionieren" geht.

Mensch C (männlich) 21

Mensch C hat eine Lehre zum Tischler abgeschlossen. Überbetrieblich - da die Eltern aufs Land gezogen sind. Er sucht die ganzen Lehrjahre über eine Firma, die ihn noch während der Lehrzeit übernimmt. Keine Chance für ihn. Die meisten Tischlereien haben sich spezialisiert - auf Treppen, auf Fenster oder was auch immer. Dafür ist er mit seiner Ausbildung nicht qualifizert genug. So bekommt er drei Jahre lang keine Chance seine Lehre in einem "echten" Betrieb fertig zu machen. Der Tag der Lehrabschlussprüfung ist sein letzter Tag. Dann ist er arbeitslos. Da er das Bundesheer absolvieren muss, findet er vorher keine Anstellung. Abgeleisteter Wehrdienst ist Voraussetzung. Nach dem Heer geht die Suche weiter. Tischler werden kaum gebraucht. Hin und wieder bekommt er einen Job über eine Leihfirma. Da er sich in Wien gut auskennt, ist er oft mehr mit dem Firmenwagen zum Liefern unterwegs, als dass er Erfahrung als Tischler sammelt. Mensch C ist ein stiller, sensibler, künstlerisch veranlagter Charakter und es belastet ihn immer mehr.

Dann trennt sich seine Freundin von ihm. Zwei Wochen später teilt sie ihm mit, dass sie schwanger ist. Die Beziehung ist nicht zu reparieren. Mensch C bemüht sich, zumindest in der Schwangerschaft für die Mutter seines Kindes dazusein. Das gelingt so lange, bis sich die Mutter wieder verliebt. Mensch C wird erst nach der Geburt verständigt, dass das Kind geboren wurde. Mensch C wird gleich nach der Geburt zu Unterhaltszahlungen verpflichtet, die danach berechnet werden, was er als Tischler verdienen könnte. Dass er - inzwischen wieder zu Hause bei den Eltern wohnhaft - gerade mal ein Einkommen von 6 Euro am Tag aufweist, ist zwar traurig, aber eben sein Pech. Die zweiwöchigen Besuche bei seinem Kind verlaufen immer gleich. Das Kind wird vorher zu Bett gebracht und Mensch C sitzt in der Küche und wird von der Mutter des Kindes angefeindet. Da die Mutter in einen anderen verliebt ist, stört Mensch C nur noch.

Mensch C wird krank. Er fühlt sich wertlos und verzweifelt am Leben. Er isst selten, will den Eltern nicht auch noch damit auf der Tasche liegen. Die Spirale dreht sich immer schneller nach unten. Dann bekommt er die Chance über eine Stiftung einen Zweitberuf zu erlernen. Er scheitert an den körperlichen Anforderungen, die "Kollegen" mobben ihn und nennen ihn "Scheißerle". Der Arbeitgeber ist erst verständnisvoll, aber dann legt er Mensch C nahe, sich einen anderen Job zu suchen. Er wäre eben hierfür ungeeignet. Mensch C sieht sich als Versager. Irgendwann schafft er es morgens nicht aus dem Bett. Hin und wieder hat er einen guten Tag. Dann isst er und dann spricht er auch. Die Tage sind selten. Die Eltern versuchen zu helfen, sehen aber sehr wohl die eigenen Grenzen. Hilfe von außen gibt es kaum. Das AMS macht Druck, wenn er wieder arbeitssuchend ist, die Krankenkasse macht Druck, wenn er seine schlechten Phasen hat. Er soll sich zusammenreissen. Einmal bekommt Mensch C vom AMS einen Stelle zugewiesen, für die er bereits abends losfahren müsste um rechtzeitig am Morgen seinen Dienst antreten zu können. Mensch C schildert das Problem und das Arbeitsamt sieht bestätigt, dass Mensch C arbeitsscheu wäre.

Inzwischen wird Mensch C von der Arbeitsassistenz betreut und rutscht langsam aber sicher auf die Schiene der Menschen ab, die - wenn überhaupt - dann nur noch auf dem zweiten Arbeitsmarkt Fuß fassen können.

Mensch D (weiblich) 24

Seit Jahren ist Mensch D krank. Sie ist bipolar. Sie hat eine Essbrechsucht, eine Sozialphobie und eine generalisierte Angststörung. Die Lehre hat sie abgebrochen. Damit im Leben nicht alles stehen bleibt, bringt man sie in einer Einrichtung unter, die ihr helfen soll, dass sie in der Arbeitswelt Fuß fassen kann. Da sie handwerklich geschickt ist, darf sie in der Gärtnerei arbeiten. Dort sind unter anderem Schizoprene, Drogensüchtige, Alkoholiker, Menschen mit Aggressionsproblemen, Depressive oder Menschen die Traumata verarbeiten müssen. Betreut werden sie von einem Fachausbildner für die Gärtnerei und einer Psychologin.

Nach ein paar Monaten kommt es zu unschönen, sexuell gefärbten Übergriffen gegen Mensch D. Mensch D ist keine 1,60 Meter groß, gegen den fast 1,85 Meter großen Mann ist sie machtlos. Die Betreuer werden umgehend informiert, und glauben das Problem durch ein klärendes Gespräch mit dem Mann aus der Welt schaffen zu können. Das ist ein Irrglaube und es kommt zu weiteren Übergriffen. Erst ein Eingreifen durch die Eltern von Mensch D verhindert Schlimmeres.

Mensch D hat Angst zur Arbeit zu gehen, aber noch mehr Angst hat sie, zu versagen. Arbeitsfähig ist sie bis heute nicht. (Auch kein einziger der damaligen dort betreuten Menschen hat einen Arbeitsplatz gefunden). Einmal im Jahr bekommt Mensch D vom Sozialversicherungsträger Post, damit sie einen aktuellen Befund ihres Gesundheitszustandes vorlegt. Da sie mit dem Leben sowieso überfordert ist, kann sie Wochen vorher nicht schlafen. Essen und Kotzen gehen immer. Das ist die einzige Kontrolle, die Mensch D über ihr Leben noch hat.

Zwischenzeitlich hat sie zumindest eine Gesprächstherapie wahrgenommen. Sich die Sorgen von der Seele reden hilft zumindest, um Mensch D am Leben zu halten. Aber jetzt verlässt ihre Psychologin das Team und Mensch D steht ohne Betreuung da.

Mensch E (weiblich) 58

Mensch E ist im Pflegeberuf tätig. Oder besser gesagt, sie war es. Seit 14 Monaten ist Mensch E krank geschrieben. Sie hat Zysten an der Wirbelsäule, die - je nachdem wer sie begutachtet, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen verursachen oder eben auch nicht. Mensch E kann ein Lied davon singen, welche Einschränkungen sie hat. Sie kann kaum noch schlafen und braucht Schmerzmittel ohne Ende. Einen Befund, der ihr Schmerzfreiheit bescheinigt, kann sie nicht nachvollziehen. Ein Antrag auf vorzeitige Pension wird abgelehnt, aber sie bekommt immerhin eine Bescheinigung, dass sie zu 50 % invalid ist. Anfangen kann sie mit der Bescheinigung wenig.

Seit über einem Jahr wird Mensch E von einem Arzt zum anderen geschickt, muss eine "Begutachtung" nach der anderen über sich ergehen lassen und die Tage, an denen sie es nicht mehr schafft, aufzustehen, werden immer mehr. Irgendwann erkrankt Mensch E in dieser Zeit an einer Lungenentzündung, die trotz der vielen Arztbesuche nicht diagnostiziert wird. Die Medikamente, die sie bekommt, helfen nicht, da wie gesagt die Ursache ja nicht erkannt wurde. Unterwegs zu einem weiteren Arzttermin fällt Mensch E mitten auf der Straße um und muss mit der Rettung ins Krankenhaus gebracht werden.

Nach einem Tag wird sie wieder entlassen. Trotz der schweren Lungenentzündung. Sie muss eben Antibiotika nehmen. Die Schmerzen an der Wirbelsäule werden nicht berücksichtigt. Das ist eine andere Baustelle.

Dann wird Mensch E zur Kur geschickt. Wenn nichts mehr geht, vielleicht hilft dann ja eine Kur. Aufgrund der inzwischen angespannten finanziellen Lage kann die Kur nur mehr ambulant in Anspruch genommen werden. Sich in Ruhe auskurieren ist nicht drin. Die Chancen stehen schlecht, dass die Schmerzen an der Wirbelsäule nachlassen. Mensch E wird inzwischen von chronischen Schmerzen geplagt. Manchmal sagt Mensch E, dass es besser wäre, von dieser Welt einfach abzutreten.

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