Dass AfD‑Größen wie Tino Chrupalla und Ulrich Siegmund in Dessau‑Roßlau die DDR‑Nationalhymne mitsingen, ist kein harmloser Ausrutscher. Es ist ein politisches Signal. Ein Versuch, ein autoritäres System als nostalgisches Heimatgefühl zu verkleiden.
Nein, AfD – die DDR war kein besseres Deutschland.
Viele haben die DDR erlebt. Nicht als romantisches Jugendfoto, sondern als Gefängnis mit Betriebskindergarten. Ein Staat, der Wärme im Alltag den Menschen überließ – und die Angst für sich behielt. Wer heute auf einer Wahlkampfbühne „Auferstanden aus Ruinen“ anstimmt, muss erklären, welchen Teil dieses Staates er eigentlich verehrenswert findet. Die Zellen in Bautzen? Die Verhöre in Hohenschönhausen? Die Schüsse an der Mauer? Die Zersetzung von Freundschaften durch die Stasi?
Die DDR bot soziale Sicherheiten – niedrige Mieten, Krippenplätze, stabile Arbeitsverhältnisse. Aber soziale Leistungen ersetzen keine Freiheit. Eine billige Wohnung öffnet keine Gefängnistür. Ein Kindergartenplatz ersetzt keine freien Wahlen. Ein Arbeitsplatz ersetzt nicht das Recht, Kritik zu äußern oder das Land zu verlassen. Wer das verschweigt, betreibt Geschichtskosmetik.
Rund 250.000 politische Häftlinge, ein Geheimdienst mit 91.000 Mitarbeitern, ein Grenzregime mit Hunderten Toten – das ist die Realität hinter der Melodie. Der sogenannte Arbeiterstaat ließ 1953 Panzer gegen Arbeiter rollen. Ein System, das Menschen wegen eines Witzes, eines Flugblatts oder eines Ausreiseantrags kriminalisierte, war keine Alternative zum heutigen Deutschland. Es war eine Diktatur.
Auch ökonomisch war die DDR kein Vorbild: vergiftete Flüsse, marode Industrie, verschlissene Menschen. Die SED hielt Umweltdaten geheim, weil Wahrheit nicht in ihre Propaganda passte.
Dass nun ausgerechnet die AfD diese Hymne instrumentalisiert, ist politischer Kostümverleih. Man nimmt ein bisschen Ost‑Gefühl, ein bisschen Trotz, ein bisschen Kindheit – und schiebt die Opfer aus dem Bild. Besonders grotesk: Die DDR selbst sang den Text ab den 1970ern nicht mehr, weil er politisch nicht passte.
Die Erinnerung an die DDR gehört nicht der AfD. Sie gehört den Menschen, die darin lebten, litten und 1989 mutig die Angst überwanden. Wer heute die Hymne singt, muss auch über die Zellen, die Verhöre und die Toten sprechen. Wer das nicht tut, ist nicht heimatverbunden, sondern geschichtsvergessen.