Hier, wie letzte Woche angekündigt, der zweite Teil meiner Schlachteindrücke. Wieder bin ich sowohl bei einer Hofschlachtung fragender Beobachter als auch bei zwei modernen Schlachthöfen. Letztere unterscheiden sich untereinander vor allem hinsichtlich der Art der jeweils zur Anwendung kommenden Betäubung, weshalb ich diesmal gesondert und detailliert darauf eingehe.

Die Betäubung und das Entbluten

Am Hof

Das Tier steht im Schlachtraum und sein Kopf wird vom Helfer mit Hilfe des Halfters fixiert. Wobei das Schwein nach meinem Eindruck ohnehin sehr ruhig da steht. Der Bauer setzt den Schussapparat etwas oberhalb der Augen fest auf die Stirn und drückt ab. Das Schwein bricht augenblicklich zusammen und wird sofort „gestochen“. Das heißt die Halsschlagader wird mit einem einzigen Stich eines scharfen Messers durchtrennt. Ein Blutschwall strömt aus dem Körper des Schweins. Der Bauer fängt das erste Blut mit einem Kübel auf, für die Blutwurst. Der überwiegende Teil des Blutes geht aber in die Tierkörperverwertung, wie mir der Bauer erklärt und wird dort zu einem hochwertigen Dünger verarbeitet.

Der Bolzenschuss dringt durch die Schädeldecke und zerstört Teile des Gehirns. Später am Schlachtkörper kann man das genau nachvollziehen. Ein wenig komme ich mir vor wie ein Gerichtsmediziner. Das Tier spürt ab diesem Zeitpunkt bei fachgerechter Ausführung nichts mehr, aber sein massiger Körper bewegt sich noch verstörend lange zuckend in Krämpfen. Dies ist ein dramatisches Bild. Und ich denke mir, wer es sieht, wird sehr leicht den Eindruck haben, dass das Tier in einem heftigen, womöglich qualvollen Todeskampf liegt. Ich muss zugeben, dass auch mich dieser Gedanke beunruhigt. Die ballistische Rekonstruktion dann sozusagen am halbierten Schlachtkörper zeigt aber deutlich, dass mit dem Hirn das Tier augenblicklich nach dem Bolzenschuss tot gewesen sein muss. Zumindest nach der auch für den Menschen längst üblichen Definition des Hirntodes. Das Schwein ist zu diesem Zeitpunkt „schmerzbefreit“. Die heftigen krampfartigen Zuckungen während des Entblutens möchte ich demnach als rein optisches Problem bezeichnen.

Mein Eindruck

Ich denke, dass hier im Sinne des Tierschutzgesetzes alles in Ordnung ist, welches die Tötung eines Tieres nur bei vollständiger Betäubung erlaubt. Ein korrekt gesetzter Bolzenschuss ist vermutlich sogar die allersicherste Betäubung. Ich weiß aber, dass ein Bolzenschuss auch einmal sein Ziel verfehlen kann. Vor allem dann, wenn das Tier unruhig ist und nicht sichergestellt wird, dass es nicht im letzten Augenblick den Kopf verdreht. In solchen Fällen kann der Schuss schon mal sein Ziel, das Gehirn, verfehlen und ein unzureichend betäubtes Tier geschlachtet werden. Hier ist das bei allen sechs Schweinen definitiv nicht der Fall und nach meinem Empfinden ist ausreichend vorgesorgt, dass dem nicht so ist. Der Bauer, sein Vater und der Helfer agieren ruhig, konzentriert und schnell. Ein Tierarzt, der etwa die korrekte Betäubung feststellen würde, ist nicht anwesend. Das würde ökonomisch jede Form der Hofschlachtung unmöglich machen.

Am Schlachthof

Betäubung mit CO2 im „Paternostersystem“

Hier werden jeweils drei Schweine aus dem „Warteabteil“ unter Zuhilfenahme einer pneumatischen Treibhilfe in eine Art Aufzug getrieben. Das heißt, die Tiere werden durch eine von hinten langsam auf sie zukommende "Wand" in die gewünschte Richtung gelenkt. Dies passiert unter Aufsicht eines Mitarbeiters, der die Vorrichtung jederzeit anhalten kann, falls sich ein Tier beispielsweise verkeilen sollte. Die Tiere werden also nicht automatisch in den Aufzug geschoben. Dieser Vorgang dauert dadurch nicht bei jeder Gruppe gleich lang. Sind alle drei Schweine im Aufzug, fährt dieser in einen mehrere Meter tiefen Schacht, wo hoch konzentriertes CO2 die Tiere vollständig betäubt. Sodass nach 180 Sekunden in aller Regel völlig erschlaffte, leblos wirkende Schweine ausgeworfen werden. Hier inspiziert eine Tierärztin jedes Schwein auf ausreichende Betäubung, indem sie den Lidreflex überprüft. Danach werden die Schweine an einem Bein in die Schlachtkette gehängt, wo sofort der Entblutungsschnitt erfolgt. Der dafür zuständige Mann hat nach meinem Erachten ausreichend Zeit, um diesen so entscheidenden Schnitt durchzuführen. Er wirkt auf mich nicht gehetzt. Sollte ein Tier zum jetzigen Zeitpunkt nicht oder nicht mehr vollständig betäubt sein, wird es vom „Tierschutzbeauftragten“ (einem eigens geschulten Schlachthofmitarbeiter) mit der Elektrozange nachbetäubt. Die vollständige Betäubung wird auch von diesem noch einmal bei jedem Tier mittels Augenreflexkontrolle überprüft. Während ich dieser Szene beiwohne, werde ich Zeuge einer solcher Nachbetäubung. Es wird so sichergestellt, dass jedes Schwein bei vollständiger Betäubung entblutet.

Mein Eindruck

Wichtig erscheint mir zunächst, dass hier - anders als in vollautomatischen Schlachthöfen - ein Mensch den Vorgang des maschinell unterstützten Treibens in die „Gondel“ kontrolliert und im Fall die pneumatische Treibhilfe stoppen kann. Wichtig auch, dass der Treibvorgang relativ langsam abläuft und die Tiere nicht mit hoher Geschwindigkeit geschoben werden, wie ich es auch schon auf diversen Videos gesehen habe.

Als ebenso wichtig erachte ich die Betäubungs- bzw. Tötungsfrequenz im Verhältnis zum dafür zur Verfügung stehenden Personal. Wenn man weiß, dass in manchen Schlachthöfen der „Stecher“ im Schnitt gerade mal zwei Sekunden pro Schwein zur Verfügung hat, kann man sich leicht vorstellen, wie stressig das sein muss. Stress am absolut falschen Ort. Denn ein nicht ordentlich gestochenes Schwein könnte aus der nicht irreversiblen CO2 Betäubung erwachen und im schlimmsten Fall einen qualvollen Verbrühungstod in der Entborstungsanlage erleiden. Dass dies leider kein theoretisches Szenario ist, belegen einschlägige Statistiken. Nicht so hier. Eine Tierärztin, ein – wie ich sehe – nicht gestresster Stecher, der statt zwei Sekunden ein Mehrfaches davon zur Verfügung hat und ein Tierschutzbeauftragter verhindern dies.

Der Vorteil der Gasbetäubung gegenüber jener mithilfe einer Elektrozange, die ich weiter unten beschreiben werde, besteht darin, dass das Tier bis zum Schluss nicht vereinzelt werden muss und sicher auch darin, dass die nach der Betäubung völlig erschlafften Tiere im weiteren Schlachtvorgang für das Personal leichter zu handeln sind.

Nachbetrachtung oder: „Auch Spaß muss sein“

Beim Ausdruck „Gondel“ muss ich schmunzeln. Dass die Tiere mit dem „Paternoster“ in den „See“ hinunterfahren, erscheint mir wie eine schräge Mixtur aus begrifflichen Euphemismen und schwarzem Humor. Assoziationen an Viscontis Verfilmung von „Tod in Venedig“ und die zarten Harfenklänge aus Mahlers Fünfter, das musikalische Leitmotiv im Film, kommen mir für kurze Zeit in den Sinn. Ebenso wie der in der Vorbesprechung gefallene Ausspruch „auch Spaß muss sein!“, der freilich nicht auf die Szene gemünzt war, die sich gerade vor mir abspielt. Nun mag einer, egal in welchem Kontext dieses Motto ausgegeben wurde, es als makabre Geschmacklosigkeit bekritteln. Schließlich sind wir ja in einem Schlachthof! Ich empfinde es als das genaue Gegenteil davon. Recht so, denke ich mir immer mehr, je länger ich hier bin. Damit ist ja nicht gemeint, dass jemand es an sich spaßig findet Tiere zu schlachten. Aber weder den Tieren noch den hier nun mal arbeitenden Personen ist irgendwie geholfen, wenn man angesichts des Ortes in Depression oder miese Stimmung verfällt. Diese nehme ich denn auch nicht wahr. Eine entspannte Haltung seinem eigenen Tun gegenüber, die für die selbst in Schlachthöfen sich ergebende Situationskomik empfänglich bleibt, wird als Grundstimmung für diesen Job allemal besser sein und das heißt: es auch für die betroffenen Schweine besser machen. Besser als eine von inneren Zweifeln und schlechtem Gewissen geplagte Grundstimmung, die mit versteinerter Miene sich und anderen das Arbeiten vermiest. Also selbst in Schlachthöfen: „Auch Spaß muss sein!“

Jeder Spaß und jede schöne Assoziation zur „Gondel“ hört sich freilich augenblicklich auf, wenn ich mir jenes vor Augen und Ohren führe im Geist, was ich hier, während der Paternoster Schweine in den CO2-See transportiert, NICHT höre und sehe. Ich rede von jenen von der Wissenschaft inzwischen längst als Problem erkannten 15 Sekunden, während derer das Schwein mit dem plötzlich wahrgenommenen Betäubungsgas in einem heftigen und dramatischen Abwehrkampf liegt, bis es sich in die Bewusstlosigkeit ergibt. Diese 15 Sekunden muss ich verdrängen. Und diese 15 Sekunden verdrängt, so meine ich, die schall- und blickdichte Gondel. In dieser „Blackbox“ erfahren Schweine überall auf der Welt Leid. In welchem Ausmaß, das kann ich nicht ermessen.

An Alternativen hierzu wird viel geforscht. Andere Gase bzw. Gasmischungen werden getestet. Mit zum Teil erfolgversprechenden Resultaten. Der Teufel liegt wie immer im Detail – und wohl auch, so meine ich, an den damit verbundenen Kosten. Ich kann nur hoffen, dass sich hier in nicht allzu ferner Zukunft eine umsetzbare Lösung ergibt. Und die Frage bleibt für mich, wer hier aller gefordert ist.

Betäubung mit Elektrozange

Hier wird auf den letzten Metern jeweils ein Schwein aus einer kleinen Gruppe abgesondert und einzeln durch einen engen, blickdichten Gang in eine Fangbox getrieben, wo es fixiert und händisch von einem Mitarbeiter mit einer Elektrozange betäubt wird. Das Vereinzeln des Schweines ist ein heikler Moment, weil – wie schon im ersten Teil ausgeführt – Vereinzelung für Tiere mit Stress verbunden sein kann. So manches Schwein lässt sich das denn auch nur ungern gefallen und verweigert das Weitergehen. In diesen Fällen wird von den Treibern sanfte Gewalt angewendet, indem sie mit einer Art flachen Paddel hinter dem Schwein auf den Boden oder diesem direkt leicht auf den Rücken klatschen. Ersichtlich ohne Wucht. Ein Treiber pfeift dabei, fällt mir auf und es fällt mir ein, dass ich beim Treiben von Kälbern oder Jungtieren auf der Alm selbst manchmal gepfiffen habe. Immer dann, wenn es „eng wurde“, also wenn die Tiere nicht recht wussten, ob sie meiner Aufforderung da oder dorthin zu gehen, Folge leisten sollen. Ich habe nie über den Sinn dieses Pfeifens nachgedacht. Möglicherweise soll es ruhige Entspanntheit signalisieren oder direkt beruhigend wirken? Vielleicht mehr für einen selbst als für das Tier? Ich habe vergessen, den Treiber danach zu fragen, warum er pfeift. Die letzten Zentimeter in die Betäubungsvorrichtung muss ab und zu ein Schwein geschoben werden. Die meisten aber gehen oder laufen widerstandslos hinein. Sobald ein Tier in dieser Vorrichtung fixiert ist, wird Strom durch sein Gehirn geschickt, was, wie mir die Tierärztin erklärt, zunächst augenblicklich eine Art epileptischen Anfall auslöst, der schmerzunempfindlich macht, unmittelbar gefolgt von einem weiteren Stromstoß ins Herz, der das Tier irreversibel betäubt. Danach erfolgt sofort der Entblutungsschnitt. Auch hier krampft manches Tier während es im Liegen entblutet. Allerdings ungleich weniger heftig als nach einem Bolzenschuss.

Mein Eindruck

Der aus meiner Sicht potentiell kritischste Zeitpunkt ist jener der Vereinzelung auf den letzten Metern bzw. Zentimetern in die Betäubungsbox. Ich sehe, dass es dabei sehr auf das Gespür des oder der Treiber ankommt. Hier kann ich ein Tier gewiss in Panik versetzen, wenn ich mir absolut keine Zeit nehme und ein verunsichertes, ein leicht bockiges Tier mit roher Gewalt vorwärts treibe. Zum Beispiel unter „Zuhilfenahme“ von elektrischen Treibhilfen. Hier passiert das nicht. Die Treiber verlieren nicht die Nerven, wenn einzelne Tiere den reibungslosen Ablauf ein wenig verzögern. Die meisten Schweine laufen ohnehin von selbst in die Falle. Natürlich wird im gegenteiligen Fall nachgeholfen, um die Zeitverzögerung in Grenzen zu halten. Effizienz ist wie immer in der industriellen Produktion geboten. Und genau darin sehe ich die allergrößte Herausforderung, Gefahr, aber auch das Potential zur Verbesserung. In einer bestmöglichen technischen Ausgestaltung des Schlachtprozesses, die vorhersehbare Stresssituationen für die Tiere UND das Personal von vorneherein entschärfen helfen. Und wichtiger noch, in der laufenden Schulung und Betreuung des Personals, welches an den neuralgischen Punkten innerhalb des Schlachtprozesses arbeitet. In einem abschließenden Interview mit dem Schlachthofbetreiber werde ich auf meine entsprechende Frage hin von diesem in meiner Vermutung bestätigt. Weil das so ist, hält dieser Schlachthof regelmäßige Schulungen und Workshops für genau diese Mitarbeiter ab.

In diesem Schlachthof, der zu den größeren in Österreich zählt, sind übrigens alle am Schlachtprozess Beteiligten ganzjährig angestellt. Warum ich das erwähne? Ich denke, dass es vorhersehbar problematisch ist, wenn beispielsweise Niedriglohnarbeiter auf Werkvertragsbasis diese hoch verantwortungsvolle Arbeit machen, wie in manch ungleich größeren Schlachthöfen Deutschlands.

Vom Lebewesen zum Lebensmittel...

Mit dem Entbluten tritt der Tod des Tieres ein. Ab da wird das Lebewesen Schwein zum Lebensmittel Schweinefleisch, wenn man so will. Hier muss nach wie vor mit höchster Präzision und unter Wahrung penibelster Hygienevorschriften gearbeitet werden. Das mehrstufige Verfahren des Entborstens, die Entnahme der Eingeweide, die Zweiteilung des Schlachtkörpers, die Fleisch- und Organbeschau durch Tierärzte, die Klassifizierung nach dem Fettgehalt, die Grob- und Feinzerlegung, die Beantwortung der Frage, was alles vom Schwein letztlich wofür verwertet wird und wie dieses lokal vom Bauern bzw. global vom Schlachthof aus seine Abnehmer findet, sprich: All die vielen Arbeitsschritte, die jetzt noch nötig sind, bevor Schweinefleisch im Supermarkt und schließlich am Grill, als Schnitzel im Gasthaus, aber auch in Pharmaprodukten, Zigaretten oder Düngemitteln landet, werden wir im Herbst auf unserer Webseite zeigen.

Zum Schluss

„Alle mögen Fleisch. Keiner mag den Schlachter!“ sagt ein sympathischer junger Metzgergeselle in einer NDR Doku, die ich vor kurzem auf Youtube gesehen habe. Eine Lehrerin in der Berufsschule, so der junge Mann im Gespräch mit der Dokumentarfilmerin weiter, habe ihm das einmal so erklärt: In vergangenen Jahrhunderten wurde, sobald ein Mord geschehen war, im Dorfmetzger schnell der Schuldige vermutet. Dieser konnte schließlich jederzeit mit einem blutigen Messer angetroffen werden. Das offensichtlich Irrationale an dieser Beschuldigung scheint damals die Menschen so wenig gestört zu haben wie heute, wenn es um die (Vor)Verurteilung jener geht, deren Beruf es ist Tiere für den menschlichen Konsum zu töten.

Mit meinen vorläufigen Eindrücken wollte ich nicht zuletzt dieser Irrationalität mit faktenbasierter Beobachtung und dem einen oder anderen weiterführenden Gedanken entgegentreten.

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