Ein Drittel wird weg geworfen. Lebensmittel. Wir haben schon davon gehört. Wir regen uns auf. Das kann doch nicht sein, Sauerei! Der böse Handel, die bösere Gastronomie!? Die Bösesten? Das sind wir selbst. Wir Konsumenten, ich und du. Die Zahlen sind eindeutig und sie sprechen eine klare Sprache. Der größte Anteil – nämlich fast die Hälfte – des vermeidbaren Lebensmittelabfalls landet in der privaten Mülltonne.

Kurz zu den Dimensionen: Weil es nur Schätzwerte gibt, variieren die Zahlen relativ stark je nach Quelle. Einig sind sich alle über das gigantische Ausmaß und die damit verbundenen Auswirkungen: vom Welthunger, der locker mit den weggeworfenen Lebensmitteln auf einen Schlag gestillt werden könnte, über die ungeheuerliche Verschleuderung von Energie, Vernichtung von Ressourcen, irreparable Umweltschäden.

Alle Hungernden und noch eine achte Milliarde zusätzlich könnten von dem leben, was wir in der ersten Welt wegwerfen

Es werden eindrückliche Zahlenspielereien angestellt. So stecke mehr Energie in Lebensmitteln, welche nur produziert werden, um in der Mülltonne zu landen, als alle Atommeiler des Planeten zusammen erzeugen! Nicht nur die hunderten Millionen jetzt noch Hungernden könnten damit ernährt werden, was in der ersten Welt ohne Not weg geworfen wird, nein, so sagen die Berechnungen, noch eine achte Milliarde Menschen darüber hinaus!

Undsoweiterundsofort. Ungeheuerliche Zahlen. Skandalöse Zahlen. Man kennt sie längst, keiner zieht sie in Zweifel.

Zur Rolle des Handels...

Diese ist keine rühmliche, da gibt es nichts schön zu reden, auch wenn der direkt auf den Handel zurück zu führende Anteil an der gesamten Lebensmittelverschwendung mit vergleichsweise niedrigen 5 Prozent beziffert wird. Sicher, immer noch Millionen von Tonnen. Freilich ist der Handel auch mit dafür verantwortlich, dass ein Gutteil der produzierten Lebensmittel gar nicht erst den Weg in den Supermarkt findet, in der Regel aus kosmetischen Gründen: Zu groß, zu klein, zu krumm, zu schrumplig – was dem Schönheitsideal nicht entspricht, bleibt beim Erzeuger und oft direkt auf dessen Feld. In Worten: Ein Drittel ihrer Felder, Plantagen und Gärten bewirtschaften unsere Bauern mehr oder weniger umsonst.

Zu groß, zu klein, zu krumm, nicht schön genug für'n Supermarkt?

Aber er, der Handel, bewegt sich – zumindest in Frankreich...

2015 machte eine französische Initiative von sich reden. Per Gesetz ist es seitdem verboten, Lebensmittel wegzuwerfen, etwa wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) kurz bevor steht. Stattdessen müssen die Betreiber Verträge mit Hilfsorganisationen abschließen, denen sie dieses Essen überlassen. Leider fand dieses Beispiel bis dato noch keine Nachahmer innerhalb der EU. Warum eigentlich nicht?

Das genannte MHD spielt übrigens eine leidige Rolle im Zusammenhang mit unnötigem Lebensmittelabfall. Das MHD wird nach wie vor von den meisten mit einem „Ablaufdatum“ verwechselt. Das ist es aber nicht. Die gesetzlich vorgeschriebene Angabe eines MHD bedeutet nur, dass der Hersteller (die Industrie, die Verarbeitung) garantiert, dass das Lebensmittel bis zu diesem Datum genussfähig ist. Jener geht hier natürlich auf Nummer sicher.

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist KEIN Ablaufdatum. Lebensmittel bleiben (beinah immer und teilweise lange Zeit) darüberhinaus genießbar

Alle, selbst hochverderbliche Produkte wie etwa solche aus Milch, können – bei richtiger Lagerung und ununterbrochener Kühlkette – oft weit über das MHD hinaus problemlos konsumiert werden. Geruch, Optik und Geschmack geben hier sofort Auskunft darüber. Nur, wer tut sich das schon an? Ist ja nur ein Lebensmittel und hat fast nichts gekostet...

Und damit wäre ich beim größten Verschwender angekommen: bei mir und dir, beim „Endverbraucher“

Warum werfen wir Lebensmittel weg? Einfache Antwort: Weil wir sie nicht wertschätzen. Weil es uns bequem gemacht wird, weil wir es uns viel zu bequem machen. Egal jetzt ob ich Lebensmittel als zu teuer, zu billig, oder gerade recht bepreist empfinde – der Bezug zum eigentlichen Wert, der fehlt.

Warum werfen wir weg? Weil wir nicht wertschätzen!

Andernfalls würden wir sie ja wohl nicht wegwerfen, nicht wahr? Wer wirft achtlos weg, was ihm auch nur irgendwie wertvoll ist, egal wie billig oder teuer es war? Mit Lebensmitteln machen wir das aber. Tag für Tag.

Was uns fehlt? Die „Almerfahrung“

Sommer 2013. Auf einer Alm in 2500 Metern Höhe im französischsprachigen Teil des Wallis. Jeden Montag bestelle ich per SMS bei meinem Bauern Antoine meinen Essensbedarf für die ganze Woche. Meinem nicht vorhandenen Französisch muss das Wörterbuch nachhelfen. Wo ich glaube von meinem rudimentär vorhandenen Italienisch aufs Französische schließen zu können, passieren witzige Hoppalas. So bestelle ich einmal einen Adler (aigle fr./aquila it.), wo mir doch nur der Knoblauch (ail fr./aglio it.) ausgegangen war. Den Adler hab ich leider nicht bekommen, obwohl er oft genug bei mir vorbei gesegelt ist.

Das Essen aber bekomme ich. Pünktlich. Immer ein wenig mit dem Überraschungseffekt, welches „légumes“ (Gemüse) grad im Dörfchen unten beim Kreisler zu haben ist. „Viande“ steht nicht jede Woche auf dem Zettel. Wer schon mal Schweizer Fleisch in der Schweiz gekauft hat, weiß warum. Mein Budget ist limitiert. Kartoffeln, Nudeln, Reis, Milch und Milchprodukte (obwohl auch der Käse für unsere Begriffe sauteuer ist) zusammen mit dem Gemüse bilden die Basis. Und aus diesem Mix lasse ich mir jeden Tag neue Rezepte einfallen. Wegwerfen? Ja ganz bestimmt nicht! Eintönig? Ja ganz bestimmt nicht. Jeden Tag kochen – zumindest jeden zweiten und dann am nächsten Tag aufwärmen – ja ganz bestimmt! So lebt sich’s auf der Alm. Null Lebensmittelabfall.

Damit wären zwei wesentliche Erfahrungen und Praktiken angesprochen,...

welche meines Erachtens hundertmal zielführender sind als die tausendste Aufforderung doch der unmoralischen Verschwendung endlich Einhalt zu gebieten. Also alle rauf auf die Alm? Das wäre zwar schön und lehrreich für „alle“ aber tödlich für die Alm. Im Ernst: Was an meiner Almerfahrung kann ich mir ins Tal mit runter nehmen? Ganz einfach: Weniger oft und planvoll einkaufen gehen und wieder selber kochen.

Was tun? Ganz einfach: Weniger oft und planvoll einkaufen gehen und wieder selber kochen

Dazu kommt natürlich, dass ich auf der Alm per se einen ganz anderen Bezug zum Lebensmittel gewinne. Ganz allgemein und insbesondere zu den Lebensmitteln Fleisch und Milch, weil ich sie selbst produziere bzw. vor meinen Augen heranwachsen sehe – ich hatte auch eine große Mutterkuhherde mit zu betreuen. Diese Erfahrungen sind exquisit, das ist mir klar. Sie lassen sich in ihrer Qualität kaum mitteilen bzw. auf andere Orte übertragen. Und trotzdem: Wem immer es gelingt ein bisschen „näher ran“ ans Lebensmittel, seiner Produktion, dem, was alles dahinter steckt zu kommen, der wird sich ganz automatisch schwerer tun damit, sie, wie gewohnt, einfach irgendwohin zu entsorgen. Wir von Land schafft Leben wollen im Grunde nichts anderes mit all unseren Beiträgen zu und rund um (österreichische Lebensmittel), als sie dir ein wenig näher bringen.

Hier noch ein Link zu einem Beitrag zum selben Thema,...

den ich unlängst auf BIORAMA gefunden habe. Ein künstlerisch kreativer Zugang dazu, den ich sehr anschaulich im besten Sinne finde. Bilder von verderbenden Lebensmitteln mit kurzen Angaben zu deren Herkunft und Geschichte. Lebensmittelverschwendung: Die Poesie des Verderbens

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