Zwischen totalem Glück und bodenloser Verzweiflung

In meinem Inneren tobt ein Orkan der Gefühle - ein Orkan, der sich nicht so leicht in Worte fassen lässt. Und dennoch brauche ich genau das. Auf der einen Seite ist da so etwas wie eine unverschämte Vorfreude: wahre, wenn auch schwule, Liebe, körperliche Nähe, in den Arm genommen werden, nicht mehr allein sein. Und das alles umfassend: Das Wiederentdecken einer Lebensfreude, die ich seit 20 Jahren nicht gekannt habe, die ich in der Form nie erlebt habe.Wie ein Phönix, der aus der Asche seines Lebens neu entsteht. Auf der anderen Seite ist da eine alles verschlingende Angst -eine Angst, die ausgerechnet J.K. Rowling in Harry Potter so unfassbar genial beschrieben hat, eine Angst, die ich aus langen Depressionen und Panikattacken so gut kenne: Es ist diese Angst, diese Traurigkeit, die alles so erscheinen lässt, als gäbe es kein Glück mehr auf dieser Erde - nicht jetzt und nie, nie wieder. Das Glück wird durch die "Dementoren" der Angst völlig aufgesaugt. So muss sich die Ausweglosigkeit eines Selbstmörders anfühlen.

Ja, ich habe Angst, und die schüttelt mich ganz gewaltig: Dass ich erst recht keinen Mann finde, der zu mir passt, den ich wirklich lieben kann - und der diese Liebe auch wirklich erwidert. Angst, sich damit abzufinden, keine Familie gründen zu können, keine Kinder zu haben, im Alter allein zu sein… Allein sein, die größte Angst überhaupt, das Fallen in ein unendliches Loch der Einsamkeit und Verlorenheit.

Ich weiß, ich darf meine Ansprüche nicht zu hoch schrauben. Ich bin nicht attraktiv. Ich hasse mich und meinen Körper. Ich würde meine Spiegelbild am liebsten eine reinhauen. Einfach so. Mich selbst loswerden.

Und dennoch habe ich enge Freundschaften erlebt - und erlebe sie jetzt noch: Mit Männern, in die ich total verliebt war, die aber durch ihre Heterosexualität unerreichbar waren. So einen Mann will ich kennen und lieben lernen. Einen schwulen Mann.

Es ist die Liebe, die Nähe, die ich vermisse. Und wie ich mehr und mehr erkennen muss, ist sie die Wurzel allen Übels und zugleich der Schlüssel zur Heilung der Wunden meiner Seele. Ich würde alles dafür aufgeben - auch wenn mich der Verlust meiner Familie und meiner allerengsten Freunde genau so gut umbringen könnte. Ich würde den Beruf wechseln, ins Ausland auswandern, mein bisheriges Leben aufgeben. Diese Liebe, so schmerzhaft ihr Fehlen ist, würde viele Probleme lösen: Depression, Panikattacken, Kaufsucht, das späte und zu intensive Essen, das mir immense gesundheitliche Schwierigkeiten macht. Es wäre für mich das Glück, das ich immer gesucht - aber nie erkannt habe, dessen Fehler mich aber zu einer Reihe selbstzerstörerischer Ersatzhandlungen getrieben hat. Und wenn ich nicht einmal das Ziel kenne, dann brauche ich erst gar nicht anfangen, den Weg zu suchen. Jetzt kenne ich wenigstens das Ziel - doch wo ist der Weg?

Wenn Du mir dabei helfen kannst, freue ich mich wirklich sehr! Doch es wird schwierig, denn ich bin nach all den Jahrzehnten so verunsichert, dass ich es sehr behutsam angehen muss, um nicht am Leben zu scheitern, damit mir der "Dementor" nicht die Seele aussaugt, damit ich nicht die Verzweiflung eines Selbstmörders in mir zu spüren beginne, nicht für einen kurzen Moment, sondern unauslöschlich.

Nein, ich bin noch nicht so weit, zu Beratungsstellen zu gehen. Ich gehe zu allem, was betont schwul oder gar tuntig ist auf Abstand. Denn ich will als völlig normal akzeptiert werden. Warum verdammt noch mal darf ich nicht einen Mann lieben und trotzdem mein Leben leben, ohne geächtet oder bemitleidet zu werden?

Momentan bin ich am Suchen: Nach Ratgebern und Literatur: Wie sind andere Menschen damit umgegangen? Was gibt es zu bedenken? Wie gehe ich mit Schwierigkeiten bis zu Selbstmordgedanken um? Wo kann ich einfach lesen, ohne, dass jemand zurückredet, mich in eine bestimmte Richtung drängen will, mich unter Druck setzt? Ohne, dass mir jemand auf jeder zweiten Seite erklärt, wie böse Homophobie ist, wie toll es ist, schwul zu sein, wie wichtig es ist, sich zu outen und wie man am besten gleich mitten in die Szene eintaucht, statt sein Leben so leben zu können, wie ich es eben möchte?

Bitte, bitte, helft mir dabei: Ich freue mich über jeden Tipp und jede Unterstützung. Helft mir, mein eigenes Leben zu finden!

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Ich mag doch keine Fische vergeben
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Silvia Jelincic

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Maria Lodjn

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fischundfleisch

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