Diskussionskultur und Forenhygiene. Was läuft schief im Internet?

Es soll hier nicht um FischundFleisch gehen, schon gar nicht um persönliche oder aktuelle Bezüge, sondern ich versuche, mich ganz allgemein dem Thema "Umgangsformen und Streitkultur in der virtuellen Welt" zu widmen, und hoffe auf Rückmeldung aus unterschiedlichsten Lagern, auch von der F+F-Redaktion.

Actio und Reactio. Verbale Kommunikation.

Die verbale Kommunikation ist die hochentwickeltste Form der Kommunikation. Sobald sie aber, isoliert vom "biologischen Rest", im virtuellen Raum erfolgt, fehlen wesentliche Bestandteile der Kommunikation. Wir sehen nicht, wie unser Gegenüber reagiert. Wir sehen nicht seine Mimik, Gestik, Körperhaltung. Seinen Augenausdruck. Ja wir haben nicht einmal unmittelbare Antworten. Im Rahmen eines Kommentars können wir lange monologisieren und uns dabei von unserem Gegenüber, den anderen Diskutanten entfernen, ohne dies zu merken. Wir diskutieren dann nicht mehr, sondern halten Vorträge.

Lange Rede kurzer Sinn: Die verbale Diskussion, oft muss man schon sagen Kriegsführung, droht leicht zu entgleisen, sowohl thematisch, als auch in der Wortwahl, weil die unmittelbare Reaktion des Gegenübers fehlt. Deshalb ist eine besondere Sensibilität gefordert. Konkret will ich dafür ein paar (bekannte) Grundregeln aufzählen:

- Greife die Argumente deines virtuellen Gegenübers an, nicht dein Gegenüber.

- Greife die Argumente deines Gegenübers mit Argumenten an. Wenn Dir keine Argumente einfallen, dann solltest du vielleicht erst einmal nachdenken, über neue Argumente, oder über deinen eigenen Standpunkt. Man muss nicht zwanghaft irgendwas erwidern, nur weil man ja sowieso immer recht hat (zu haben glaubt).

Und um es noch einmal klarzustellen: Hinweise,

dass alles, was das Gegenüber sagte, Quatsch ist,

dass das Gegenüber dumm/ungebildet/manipuliert sei,

oder dass es aus irgendwelchen Gründen "böse" ist, bzw. einer zu diskreditierenden Minderheit angehört, und seine Meinung deshalb irrelevant wäre,

das alles sind KEINE Argumente !!!

- Halte dich an die Regeln der Verhältnismäßigkeit. Wenn Dein Gegenüber keine Wortkanonen auffährt, solltest Du das auch nicht, sonst ist Entgleisung vorprogrammiert. Und ganz konkret: Wer seinem Gegner, ohne Bezug zu konkreten Äußerungen, Nazivergleiche an den Kopf schmeißt, egal ob subtil (irgendwas mit "braun" ) oder konkret, ist selber ein „Nazi“. Er bedient sich faschistoider Methoden der Diskriminierung und Ausgrenzung.

Das gilt natürlich auch anders herum, wobei mir beim besten Willen kein vergleichbar schäbiges Schimpfwort für Linke einfällt. „Realitätsverweigerer“ ist demgegenüber doch geradezu liebevoll. Und „linksgrünversifft“ ist zwar irgendwie "schmuddelig", aber auch nicht wirklich böse, nicht klammheimlich verbrecherische Absichten unterstellend. Sollte man dennoch vermeiden, keine Frage, denn es ist sicherlich der Diskussion nicht förderlich.

Actio und Reactio. In der Physik der Zusammenhang von einwirkender Kraft und dadurch ausgelöster gleich großer Gegenkraft. In der Diskussion schlicht: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Wobei die Antwort, als chronologisch bedingt letztes Phänomen, besser im Gedächtnis bleibt und womöglich mehr Aufmerksamkeit erregt. Die Actio sollte darüber aber nicht vergessen werden.

Kommen wir nun zu einem Modewort und soziologischem Phänomen des Forenzeitalters:

Das Troll-Phänomen:

Mit diesem Begriff wird viel Missbrauch getrieben, aber es herrscht auch viel Unverständnis und Ahnungslosigkeit. Deshalb zwei schlichte Fakten gleich vorweg:

1. Jeder Mensch neigt in bestimmten Situationen zu Trollverhalten. Das ist ein psychologisches Phänomen. So, wie unangenehme Eigenschaften wie Neid, Eifersucht, Jähzorn etc. bei Menschen unterschiedlich stark ausprägt sind, so ist auch die Neigung zum Trollen unterschiedlich stark ausgeprägt. Aber niemand ist völlig frei davon.

2. Jedes Forum hat, je nach Größe, mindestens einen, meist aber mehrere Trolle. In einer Studie haben die kanadischen Psychologen Buckels, Trapnell und Paulhus im Schnitt 5,6 Prozent der regelmäßigen Forennutzer als Trolle identifiziert. Mindestens jeder 20. User ist also ein verhaltensauffälliger, permanenter Troll.

Woran erkennt man Trolle?

Trolle tragen nichts zum Thema bei, sondern diffamieren Meinungen oder Personen. Sie bringen Einwürfe wie "So ein Quatsch", verlinken auf irgendwelche lächerlich machenden Bilder oder Filme, und ergehen sich in mehr oder weniger subtilen Beleidigungen. Auch versuchen sie, durch Intrigen und Denunziation, Streit in der Community auszulösen.

Entscheidend ist, dass es dabei gar nicht um einen Sachverhalt geht, sondern einfach nur um die Diffamierung einer Person, einer Personengruppe, oder bestimmter Meinungen.

Ein wichtiger, wenn auch nicht hinreichender Indikator für Trolle ist, dass sie, von womöglich selbst geschaffenen Strumpfpuppen oder kleinen Seilschaften abgesehen, alleine dastehen, also keinen wirklichen Rückhalt in der Community haben.

Wie geht man mit Trollen um:

Im Idealfall werden sie vom Forumsadministrator erkannt und verwarnt, bei permanentem Trollen ausgeschlossen. Die Community selber bekämpft Trolle am besten durch vollständiges Ignorieren. Man reagiert nicht auf ihre provozierenden Kommentare und Beiträge, und nimmt ihnen damit ihren Hauptantrieb: Im Mittelpunkt zu stehen, großflächigen Ärger auszulösen, oder moralisch getarnte radikale Ansichten zu verbreiten.

Netzwerke, früher auch Seilschaften genannt,

sind ein soziologisches Phänomen, das man selbst bei Menschenaffen schon beobachten kann. Das ist zunächst mal nichts Gutes oder Schlechtes, so lange nicht eine zahlenmäßig eigentlich sehr kleine Seilschaft von der mangelnden Solidarität der Mehrheit profitiert. Und gerade das ist in komplexen, pluralistischen Gesellschaften und Systemen, so auch im Internet, der Fall.

Bei Facebook agieren mächtige Netzwerke, die quasi mit Flashmobs Beiträge und User melden, um diese sperren zu lassen (wobei die Menge der Melder relevant ist, nicht der tatsächliche Inhalt des Beitrags)

Jede mehr oder weniger gut organisierte Minderheiten-Ideologie kann so massiven Einfluss auf die Themen nehmen. Solche Netzwerke gibt es natürlich aus allen Richtungen. Besonders erfolgreich in ihrem Wirken sind aber jene Netzwerke, die mit moralische Empörung arbeiten können, die also gewisse Schlüsselreize bedienen, wie zB. Tierschutz (wer wollte da dagegen sein), Nazis (will keiner auf seiner Plattform), Diskriminierung (zieht immer, auch wenn es oft völlig überzogen ist) usw.

Natürlich gibt es Netzwerke aus allen politischen und ideologischen Richtungen, auch z.B. solche, die GEGEN Veganismus, gegen NGOs, gegen politische Korrektheit, gegen linke Dominierung der öffentlichen Meinung agieren. Die sind aber weniger erfolgreich, weil sie nicht die entsprechenden moralischen Schlüsselreize auszulösen vermögen. Soll heißen, selbst, wenn sie genauso massiv Beiträge melden würden, wäre ihr Unterfangen weniger erfolgreich, da die moralische Empörung, der moralische Imperativ fehlt.

Dabei darf man nicht vergessen, dass es eben auch gegen Christen (im alten Rom), gegen Hexen, Juden und andere Minderheiten „moralische“ Empörung gab. Moral ist subjektiv, zeitgeistabhängig und ein zweischneidiges Schwert. Und der „moralische Imperativ“ ist vor allem eines: Ein Imperator!

In einem Folgebeitrag werde ich noch auf die ebenfalls forenrelevanten Themen Satire (was darf Satire?), Hasskommentare (was ist damit gemeint?) und Mobbing eingehen.

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