Man muss sich das wirklich einmal in Ruhe auf der Zunge zergehen lassen:
Europa bricht im Mai alle Hitzerekorde. Nicht im Juli oder August, sondern im Mai. In Frankreich knallen über 350 Wetterstationen neue Monatsrekorde raus, Großbritannien misst seinen heißesten Mai-Tag seit Beginn der Aufzeichnungen, Spanien kratzt an Temperaturen, bei denen man früher gesagt hätte: Das ist Hochsommer, nicht Frühling. Und während der Kontinent langsam aussieht wie eine Warnkarte aus der Zukunft, macht die deutsche Bundesregierung das, was deutsche Regierungen offenbar am besten können: Sie schaut auf die brennende Wand und sagt: „Könnten wir da vielleicht noch ein bisschen Benzin steuerlich entlasten?“
Denn genau das passiert. Fliegen wird politisch entlastet. Die Luftverkehrsteuer wird gesenkt. Nicht, weil Flugzeuge plötzlich klimaneutral geworden wären. Nicht, weil Kerosin aus Feenstaub besteht. Sondern weil der Luftverkehrsstandort Deutschland wieder „wettbewerbsfähiger“ werden soll. Ein wunderschönes Wort übrigens. Wettbewerbsfähig. Klingt immer nach Zukunft, meint aber in Deutschland erstaunlich oft: alte Industrien länger päppeln, fossile Gewohnheiten schonen und Klimapolitik so lange weichkneten, bis sie niemandem mehr wehtut – außer natürlich den Menschen, die später die Rechnung bezahlen.
Gleichzeitig wird das Deutschlandticket teurer. Also genau das Ticket, das Menschen vom Auto in Bus und Bahn bringen könnte. Genau das Instrument, das Alltag klimafreundlicher, sozialer und einfacher machen könnte. Aber nein. Der öffentliche Nahverkehr darf bitte „realistisch finanziert“ werden, während beim Fliegen plötzlich die große Standortliebe ausbricht.
Und dann dieses Verbrenner-Aus. Oder besser: das deutsche Drama um den Verbrenner, diesen heiligen Auspuff der Republik. Während andere Länder längst verstanden haben, dass Zukunft nicht daraus besteht, alte Motoren mit neuen Märchen zu betanken, hängt Deutschland wieder an seiner fossilen Kuscheldecke und nennt das Technologieoffenheit. Technologieoffenheit ist in diesem Land inzwischen oft nur ein sehr teures Wort für: Wir möchten bitte noch ein paar Jahre so tun, als könne man Physik wegmoderieren.
Das Bittere ist: Die Klimakrise wartet nicht auf Koalitionsausschüsse. Sie wartet nicht auf Standortdebatten. Sie wartet nicht darauf, ob Friedrich Merz emotional bereit ist, sich von der Welt des billigen Fliegens, der Verbrennernostalgie und der Heizungsromantik zu verabschieden. Die Atmosphäre führt keine Talkshow. Klima verhandelt nicht.
Und genau deshalb ist dieser Mai 2026 so brutal. Weil er zeigt, wie groß die Lücke geworden ist zwischen Realität und Regierungshandeln. Draußen bricht der Frühling Hitzerekorde. Drinnen wird Politik gemacht, als hätten wir noch 1986, als wäre Klimaschutz eine Stilfrage und nicht die Überlebensbedingung einer halbwegs stabilen Zukunft.
Deutschland steht vor einem brennenden Haus – und die Regierung diskutiert darüber, ob der Fluchtweg nicht vielleicht zu teuer ist.