Für die unterschiedliche und sogar gegensätzliche Bewertung des gleichen Verhaltens durch unterschiedliche Menschen hatten schon die alten Römer einen schönen Spruch, natürlich in Latein*, dass nämlich, was Jupiter, längst nicht jedem Ochsen erlaubt sei. Die Spreizung der Komponenten wurde extra weit gewählt, um den Sachverhalt überdeutlich darzustellen. Viele Menschen kritisieren die Privilegien der selbst ernannten Halbgötter, treten aber auch gerne nach unten. Als Norm erscheint uns immer gern der eigene Standpunkt.

Jeder von uns hat schon mindestens einmal den Weg der Moral verlassen, den kurzfristigen Vorteil dem bewährten oder anerzogenen Verhalten vorgezogen. Jeder kennt und nutzt Notlügen, aber wie beurteilen wir den erschwindelten Vorteil, die Vorspiegelung falscher Tatsachen zum Vorteil des Täters? Wir beurteilen sie nicht nach der Tatsache, sondern nach dem Täter.

Die großen deutschen Automobilkonzerne, die nicht nur tatsächlich gute Autos bauen können, sondern auch weltweit einen sehr guten Ruf haben, bauten bekanntlich in ihre Maschinen Software ein, die die Abgaswerte manipulierte. Es wurde ein geringerer Ausstoß an schädlichen Abgasen angezeigt, wenn das Auto auf dem Prüfstand stand. Die tatsächliche Emission war weitaus höher. Damit wurden nicht nur die Kunden, also wir, getäuscht, sondern auch die Umwelt signifikant geschädigt, also wir.

Das ist alles bekannt und wird seit vielen Monaten zwar diskutiert, aber das Verhalten der Käufer weltweit ändert sich deswegen nicht. Selbst wenn Winterkorn ins Gefängnis muss, werden Volkswagen weiter rollen.

Die gleiche Tat, ausgeführt durch Romaclans zum Beispiel auf der Berliner Museumsinsel und auf dem Trierer Domplatz, lässt nicht nur die Empörung, sondern auch die Vorurteile wie Wellen des pazifischen Meers im Tsunami hochpeitschen.

Statt ihre Kinder und Jugendlichen in die Schule zu schicken und den längeren Weg über Bildung und Beruf zu wählen, um zu Geld und höherer Lebensqualität zu kommen, wählen sie den Betrug. Sie schädigen ganz offensichtlich ihre Kinder und uns, uns um bestenfalls zehn Euro. Der Betrug besteht darin, durch Sammellisten vorzutäuschen, dass man die Lage von ‚taubstummen‘ Kindern in Rumänien verbessern will. Der Begriff ‚taubstumm‘ ist bei uns nicht mehr üblich, genauso wie die Thermofaxdrucker, auf denen die Listen gedruckt sind. Das Spiel ist durchschaubar und funktioniert trotzdem, weil, wie Schopenhauer schreibt, das Mitleid die Grundlage aller Liebe ist. Das Bettelparadigma wurde geändert. Statt alte, hässliche und deformierte Typen in die Ecken vor Ruinen zu setzen, werden jetzt altruistisch wirkende schöne junge Menschen mit europäischen Sammellisten auf die Straßen und Plätze vor den Tourismusschwerpunkten geschickt.

Beide illegalen Einkommensquellen werden in Europa heftig diskutiert. Der normale Steuerzahler fragt sich, warum hier zwei Minderheiten erlaubt wird, ihn derart zu betrügen. Es ist natürlich nach wie vor niemandem erlaubt, seine Mitbürger zu betrügen oder auch nur zu betrüben. Aber angesichts der Anstrengung, die es kostet zu Wohlstand zu gelangen, überlegen sich eben viele Menschen einen möglichen kurzen und anstrengungslosen Weg.

Der Weg der Roma beharrt nur scheinbar auf dem Nomadentum. Aber inzwischen ist es unvergleichlich schwerer geworden, sesshaft zu werden. Traditionelle Wandergewerbetreibende wie Scherenschleifer und Kesselflicker sind durch die Industrialisierung genauso verschwunden wie die sesshaften Handwerker Seiler, Wagner und Küfer. Selbst vom Stellmacher hat sich nur der Name erhalten. Wenn Thomas Mann in seine Beschreibung des Bürgertums noch die schöne Formel aufnehmen konnte: Wir sind keine Zigeuner im grünen Wagen, so ist heute nicht nur dieser verschwunden, sondern auch das Bürgertum. Die Welt hat sich in den hundert Jahren seit Thomas Mann, den grünen Wagen und dem ersten Weltkrieg gewandelt. Das heißt nicht, dass alle Leerstellen ausgefüllt werden konnten. Dass jegliches nicht nur seine Zeit, sondern auch seinen Preis oder seine Würde hat, vergessen wir nicht nur seit alters her gern, sondern zunehmend. Das Fiktive, mit dem wir uns umgeben, hat eine große rationale Kraft. Durch tausend und abertausend Filme und Filmschnipsel, Bücher und endlose Erzählungen sehen wir uns getäuscht. Zudem wissen wir nicht mehr, was wir glauben sollen. Am getäuschtesten sind wohl die, die von sich voller Stolz sagen, dass sie gar nicht glauben, dass glauben nicht zu ihrem Repertoire gehöre. Alberner und infantiler kann man nicht die Zeichen der Zeit übersehen.

So wie die Christen auf dem Konzil von Nicäa und der Volkswagenkonzern in bezug auf die Umweltempfindlichkeit seiner Käufer, hat ein Clanrat großer Romaverbände die Änderung eines Paradigmas beschlossen. Dahinter steckt auch eine Botschaft: der Clanrat will uns vielleicht mitteilen, dass auch er sein Volk gern in einer neuen Zeit ankommen ließe, wenn wir nur bereit dafür wären. Wir brauchen keine neuen Tiraden von abgestandenen Ressentiments, sondern wir brauchen einfache und klare Lösungen. Wir können nicht gerade den ärmsten und instabilsten Teil des neuen Europas mit einem Problem alleine lassen, das er nicht lösen kann, wirtschaftlich nicht und vor allem nicht mental. Zu tief sitzen nationalistische Vorurteile, wenn Wohlstand und Demokratie auf sich warten lassen. Die rumänische Sozialdemokratie ändert Gesetze und Verfassung, um ungestraft korrupt sein zu dürfen, aber wir verlangen vom einfachen Rumänen, dass er seine Tür für jemanden öffnet, den zu achten er nie gelernt hat.

In der Zeit, die wir für die Empörung über freche Roma verbrauchen, sollten wir die Programme der Parteien zur Europawahl lesen. Die Emission von CO2 lässt sich nicht durch Software verringern, die Bettelei auf unseren Straßen wird sich nur durch Bildung verhindern lassen.

Mein SATZ DES FLÜCHTLINGs gilt auch für unsere Schwestern und Brüder vom Volk der Roma: Wenn sich jeder Alteingesessene um einen Flüchtling und/oder einen Bettler kümmert, gibt es keine mehr.

In der Brückenstraße in Trier, vor der Nummer 10, verteilen zwei sehr kleine Romajungen Zettel mit einem Bild von Winterkorn und der folgenden Aufschrift und halten die Hand auf:

Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit, wie mein Bauch vor der Leere. Für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß, für 300 Prozent existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens.

Karl Marx, MEW, Band 23, Seite 788

[Dieses Blatt kostet einen Euro.]

*quod licet iovi, non licet bovi

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