Sowjet-Apologeten kennt man schon aus dem Internet: Verschrobene Autoritäre und "Tankies", denen der T-54 über Menschenleben geht. Nun zeigen sie sich im neuen Gewand und wollen uns den alten Wein des Sozialismus in neuen Schläuchen verkaufen. Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Auf zur nächsten Iteration.
Die ursprüngliche Dolchstoßlegende
Nach dem Ersten Weltkrieg verbreitete sich in Deutschland eine wirkungsvolle Legende: Das deutsche Heer sei "im Felde unbesiegt" geblieben und nur durch Verrat an der "Heimatfront" - durch Sozialisten, Liberale und Juden - zu Fall gebracht worden. Diese Dolchstoßlegende erfüllte eine wichtige psychologische Funktion: Sie externalisierte die Schuld. Nicht eigenes Versagen, sondern finstere Mächte von außen hätten den Untergang herbeigeführt. Historisch war sie natürlich unhaltbar, aber das Muster war perfide: Im großen Ganzen nebensächliche Dinge werden überhöht, während der Elefant im Raum - Hunger und offensichtliche militärische Niederlage - ignoriert wird.
Die neue Dolchstoßlegende
Wie retten nun die Linken ihre Utopie? Schuld am Niedergang sei - natürlich - der CIA, der über den "Kongress für kulturelle Freiheit" linke französische Intellektuelle mit Nietzsche verführte, wodurch sie sich vom "wahren Sozialismus" abwendeten. Der wahre historische Krümel ist da und wird zum Berg aufgeblasen. Ausgeblendet wird der sowjetische Repressionsapparat, der sich zugleich vor den Augen der Welt offenbarte. Der Archipel Gulag wurde veröffentlicht, die Panzer fuhren in Budapest und Prag auf, an der deutschen Grenze wurde scharf geschossen.
Die Sowjetunion brauchte für ihren Untergang weder CIA, Foucault noch Nietzsche. Das schaffte sie ganz alleine. Als die radikale Linke ihr Projekt trotz extremer Gewaltanwendung kolossal scheitern sah, blieb nur eine widersprüchliche Farce, um neue revolutionäre Subjekte zu ködern. In dieser Farce stecken sie noch heute - und im Schlepptau die Sozialdemokratie.
Eine Ausblendung dieser materiellen Realität ist schlicht eine neue Dolchstoßlegende.
"Wenn man die Verbrechen außen vorlässt..."
Die neue Geschichtsklitterung funktioniert durch gezieltes Wegschauen. Sie reden einfach nicht über die Mauer, Gulags und die Mangelwirtschaft. Ein prominentes Beispiel ist Hauke Ritz, der behauptet: „Letztlich war es die psychologische und kulturelle Anziehungskraft des Westens, also letztlich Rockmusik, Jeans und westliche Filme, die die Mauer zum Einsturz brachten.“
Das ist eine doppelte Beleidigung der Geschichte. Erstens: eine furchtbare Infantilisierung der DDR-Bürger von 1989. Diese Menschen demonstrierten nicht für die Beatles, sondern für freie Wahlen und das Ende der Stasi-Willkür. Zweitens sind die "Jeans" kein bloßes Kultursymbol, sondern das materielle Zeugnis eines gescheiterten Wirtschaftssystems, das nicht einmal Grundbedürfnisse adäquat befriedigen konnte.
Die Schein-Differenzierung: Sklavenmoral vs. Übermensch
Die moderne Linke mit ihren Opfermythen, Gender Studies und Safe Spaces hat offensichtlich keine Substanz und ist selbst vielen Linken peinlich. Sie ist dem Untergang geweiht. Wie verkaufen sie uns dieses neue Desaster? Mit dem ältesten Trick: Es war nicht der wahre Sozialismus. Diesmal heißt der Schuldige Nietzsche. Er wurde zwar von der postmodernen Linken rezipiert und methodisch angewandt, aber Nietzsches „Übermensch“ ist das exakte Gegenteil der heutigen Linken. Ihr Programm – die Institutionalisierung des Mitleids und die Heroisierung des Schwachen – ist das, was Nietzsche als "Sklavenmoral" in Reinform bekämpfte. Die wahren Wurzeln der heutigen Identitätspolitik liegen nicht bei Nietzsche, sondern in der totalitären Tradition des Ostens. Der „neue Mensch" war schon immer ein Projekt zur Zerstörung gewachsener Werte. Und der Lyssenkoismus - die Unterordnung der Biologie unter die Ideologie - feiert heute bizarre Urständ. Nur trägt er jetzt das Gewand progressiver Identitätspolitik statt sowjetischer Parteibeschlüsse.
Anmerkung: Dieser Text entstand nach einer Diskussion, in der der Autor für die hier dargelegten Argumente gesperrt wurde. Die Methode, Kritiker als "Sockenpuppen" und "Trolle" zu delegitimieren, anstatt ihre Argumente zu widerlegen, ist dem Autor aus der Geschichte durchaus bekannt.