Achter Beitrag zu einer Theorie des Instabilbaukastens

Auszuwandern ist ein solch tiefgreifender Entschluss wie Suizid. Auszuwandern ist ein fast irreversibler Entschluss, theoretisch kann man zwar zurück, aber praktisch macht es keiner.

Vor mehr als 150 Jahren gingen hier aus dieser Gegend, in der ich heute schreibe, zwei ganze Dörfer geschlossen nach Amerika. Es gibt für diesen Entschluss nicht nur einen Grund, aber der Hauptgrund war ganz sicher die erwartete wirtschaftliche Verbesserung des Lebens. Der Hauptgrund war die zeitweilige Überbevölkerung Europas. Ideologisch darüber gesetzt war hier eine heute kaum nachzuvollziehende religiöse Frage. Der preußische König wollte die beiden protestantischen Konfessionen, lutherisch und reformiert, vereinigen, und dagegen setzte sich ein Teil der Lutheraner zur Wehr. Aber sie hatten zwei Möglichkeiten: sie gründeten ihre alte Kirche neu, es entstanden die Altlutheraner, oder sie konnten sich der ebenfalls halb organisierten Auswanderung anschließen. Der Staat versuchte, diese Auswanderung durch Verweigerung von Reisepässen oder schikanöse Aufenthalte zu verhindern. Auch die Wehrpflicht wurde dazu missbraucht. Trotz dieser Behinderungen wanderten im neunzehnten Jahrhundert fast vier Millionen Menschen aus allen deutschen Ländern nach Amerika aus.

In einem der beiden Dörfer gab es eine unschlüssige Bäuerin. Einerseits liebte sie ihren Mann, was damals auch nicht unbedingt die Regel war, und konnte seine Gründe zur geplanten Auswanderung gut verstehen. Andererseits konnte sie sich nicht von ihrer Heimat, von ihrem Dorf, von ihrem Hof, von ihren Tieren, von ihrem Hausrat und von allem, was ihr bisher wichtig war, trennen. Insofern ist die Auswanderung tatsächlich unumkehrbar, denn selbst wenn man zurückkäme, wäre nichts mehr so, wie es einmal war. Hinzu kommt die empfundene oder tatsächliche Schande, dass man es nicht geschafft hat, sozusagen hier und dort in der anderen Welt nicht geschafft hat. Die Bäuerin blieb also hier und trennte sich lieber von dem einen geliebten Mann als von den tausend geliebten Gewohnheiten und Gegenständen. Der Mann ging nach Amerika und war auch erfolgreich, konnte es aber auf Dauer ohne seine Frau nicht aushalten. Eines nachts klopfte er an ihre Tür, die auch einstmals seine Tür gewesen war. Nun aber konnte es die Frau nicht aushalten, ihren geliebten Mann durch eben diese Liebe gehindert zu haben, seine Lebensplane zu verwirklichen. Nach wieder einer Bedenkzeit gingen nun beide nach Amerika und wir wollen hoffen, dass der Mann seinen erfolgreichen Beginn dort hatte sichern können, so dass sie daran anknüpfen konnten. Dieser Teil der Geschichte ist nicht überliefert. Sie zeigt, dass die Probleme der Auswanderung den Menschen bis zur Zerrissenheit belasten können. In jeder Auswanderung liegt der Keim des Todes, des Scheiterns, der Spaltung, des Wahnsinns. Der Erfolg bleibt so lange bloße Hoffnung am Horizont, bis er tatsächlich eintritt. Aber es gibt keine Statistik. Das ist der Grund, warum man früher an ein Jüngstes Gericht geglaubt hat: die Erfolgreichen wollen sich verewigt sehen, und wer in der Fremde erfolgreich war, will, dass es die Heimat weiß.

Man kann Migration also nicht nur von den eventuellen Problemen des Ziellandes her betrachten. Weder kennt jemand alle Ursachen, noch kann man die Folgen auch nur erahnen. Die Vereinigten Staaten schienen lange Zeit englisch geprägt zu sein, in Kanada gab es auch einen bedeutenden französischen Einfluss, auch die Niederlande und Deutschland, Schweden, Irland und Italien haben wichtige Spuren hinterlassen, in jüngster Zeit sind es vor allem Puertorikaner und andere Latinos, die prägend wirken. Aber die bedeutendsten und berühmtesten Amerikaner waren und sind Juden und Afroamerikaner.

Die gesamte heutige Popkultur, die Allgegenwart von Musik und Entertainment, geht auf einen kleinen schwererziehbaren Jungen zurück, der im Waisenhaus von New Orleans ein verbeultes Kornett in die Hand gedrückt bekam, um auf Beerdigungen zu spielen. Diese tieftraurige Musik war schon eine Mischung aus dem Rhythmus und der tiefen Frömmigkeit der Baumwollplantagen, dem europäischen, von Bach polyphon gedachten und gemachten Choral und dem türkischen Militärinstrumentarium. Auch die Übermacht der Gitarre in der Popkultur ist nur mit ihrer Migration zu erklären. Ihr Ursprung ist der nahe Osten vorislamischer Zeit. Die andere Seite der heutigen Kultur, die ebenfalls allgegenwärtigen Filme und Geschichten, gehen auf drei jüdische Handschuhmacher aus Warschau zurück. Die Schallplatte als Urmuster der Aufzeichnung stammt von Emil Berliner aus Hannover, aber auch aus Amerika. All diese Folgen konnte niemand vorhersehen.

Die Entwicklung der eigenen Kinder, die man sich früher als Kopien dachte, liegt in demselben Nebel der Zukunft wie die des Migranten aus dem benachbarten Asylbewerberheim. Natürlich haben wir Einfluss auf die Bedingungen, unter denen sich unsere Kinder entwickeln. Betrachten wir aber die Masse der neuesten Immigranten, dann sehen wir deutlich, dass deren Eltern ganz ähnlich gedacht haben wie wir, bis zu dem Zeitpunkt, als die Familie die Flucht beschloss und finanziell unterfütterte. Viele haben aber auch in den Zwischenländern gearbeitet und so das Geld für die Schlepper verdient. Wir können unseren Kindern, und die fernen Eltern ihren Kindern, gute Fähigkeiten zu vermitteln versuchen, wir können sie zu Beharrlichkeit ermuntern, vielleicht sogar befähigen, aber all die Außenbedingungen, all die unwägbaren Ereignisse auf jedem Lebensweg, die nennen wir weiter Glück oder eben Pech. Der Fleiß und das angenehme Wesen jeder Glücksmarie sollte uns beflügeln, wie uns die Faulheit und das abstoßende Wesen der Pechmarie warnen kann, aber ganz frei von beiden werden wir nie sein können. Der Trost ist nur die Sinustheorie: nach einem Tief kommt mit großer Wahrscheinlichkeit, jedenfalls statistisch gesehen, auch wieder ein Hoch. Niemals kann der Trost sein, dass senile Minister uns versprechen: morgen wird alles besser, wenn wir heute alles verbieten.

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