"Addio" Zygmunt Bauman. Und "Ciao" auch, latin lover...

Zygmunt Bauman (2013)

Photo von: Forumlitfest - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31233528

Zygmunt Bauman ist tot.

Zygmunt w e r ?

Nur die Wenigsten von uns kennen seinen Namen, aber fast alle benutzen wir und -- noch wichtiger -- leben wir in den Konzepten, die er vor Jahrzehnten schon entwickelt und vorhergesagt hatte.

Er war fast ikonischer Vertreter einer ganzen Generation von Intellektuellen: Gerade die Hell- und Weitsicht war es, die den polnisch-englischen Soziologen und Philosophen auszeichnete, eine Gabe, die von seiner jüdischen Herkunft nur schwer zu trennen ist: Es war die zweifache Erfahrung von Verfolgung und Vertreibung -- einmal durch die Nazis, dann durch die Stalinisten, beide Male wegen seines Jüdisch-Seins -- welche sein/e Wahrnehmung und Verständnis von dem schärfte und prägte, was sich "Macht" nennt. Nachdem diese in ihrer "festen" soliden Form -- als solche offensichtlich, sichtbar und brutal -- auf dem Rückzug war (ein Vorgang, der am Beispiel des Falls der Berliner Mauer evident wurde), erfand sie sich als liqide, "flüssige" Variante neu: Abseits des bisherigen Verständnisses von festen Grenzen, Kategorieren und Formen, befördert durch die technologischen digitalen Entwicklungen. Weniger sichtbar, aber umso wirkmächtiger.

Bauman hatte zur Beschreibung dieses Wandels den Begriff "Postmodernität" verwendet.

Aha, spätestens jetzt kennen wir ihn, Zygmunt Bauman (wieder).

Aber das "Addio" für einen klugen Kopf sollte mehr sein als eine Lobrede: Es sollte Anlass sein zum Nachdenken, ob es sich bei all dem (nur) um schöne Worte handelt, die dieser uns hinterlassen hat.

Also noch ein Satz von Bauman: "Der öffentliche Raum wird virtuell."

Genauso luzide(weil vor langer Zeit schon so vorhergesehen) wie banal(wo wir doch dies doch längst als völlig selbstverständlich (er)leben).

Wirklich nur schöne Worte? Oder ein Beispiel gefällig?

Der berühmte "Latin lover". Was wird aus ihm in diesen "neuen Zeiten"?

Der pysische, haptisch zu erfahrende öffentliche Raum, vormals Bühne für (Selbst)Darstellung und (mögliche)Begegnung, ist längst verkommen zur "runway" für Leute, die eilig unterwegs sind zwischen zuhause, Konsumtempel und Arbeitsstätte. (Fast) alle mit Stöpsel im/auf dem Ohr, den Blick auf den Bildschirm des Smartphones geheftet. Ein jeder (freiwillig, daher die oben beschriebene "Wirkmächtigkeit"...) eingeschlossen in seine (vermeintlich) selbstgezimmerte Realität.

Ein Unterwegs, in dem "Der Andere" bestenfalls noch als Störfaktor, der einem im Wege steht, vorkommt. Im schlimmeren Falle hat man Angst vor ihm. Dem "Fremden". Oder dem "Vergewaltiger".

Wir wollen (auch im Weiteren) nicht übertreiben und noch weniger idealisieren, aber es war der "Latin lover" mit seiner Kunst des Flirts, die sich auszeichnete durch die Fähigkeit, jederzeit die Balance zu halten zwischen dem Ausdruck der Botschaft "Du interessierst mich" und der Möglichkeit, das Angebot zurückzuweisen oder sich von ihm zurückzuziehen. Immer, und darin besteht die Kunst, ohne das Gesicht zu verlieren. Womit beide gemeint sind, die da im (sprichwörtlichen) "Spiel" sind.

So stieg die Ragazza, soweit sie nicht wirklich sehr hässlich war, aus dem Zug aus unter der Mitnahme von (wenigstens) einigen Komplimenten.

Mitunter mit bestimmt ein paar zuviel davon, aber immer(hin) mit dem Gefühl, wahrgenommen worden zu sein.

Dieselbe Ragazza trifft heute im gleichen Zug auf durchaus vorzeigbare Ragazzi, die allesamt beschäftigt sind, mit einer lässigen Handbewegung die neuesten Offerten von tinder von ihren Bildschirmen zu wischen. Wozu "wirkliche" Begegnungen riskieren, wo man sich doch prächtig im virtuellen "öffentlichen" Raum tummeln kann, zumal dieser immer mehr als viel "wirklicher" empfunden wird als die "alte Wirklichkeit"?

Später, am Ende eines so verlaufenen Tages, wird sich die Ragazza, allein, beim letzten Blick in den Spiegel vor dem Schlafengehen fragen, ob sie denn tatsächlich so "irreal" sei...

"Ciao, Latin lover".

Und "Danke, Zygmunt Bauman", dass Du uns diese neue "Realität" beizeiten angekündigt hast: die so strahlend scheint, aber so trist sein kann.

Als wahrscheinliche Perspektive wurde letztens auf einem Kongress, der sich mit "Zukunft" * befasste, als Aussicht benannt, dass im Jahre 2050 über die Hälfte der Menschen im reicheren Teil der Welt Sex mit Maschinen haben werden...freundlichen, servilen Robotern, genau konfiguriert, um uns "Beziehungen" nach den jeweiligen Präferenzen zu bieten.

Bei gleichzeitiger Vermeidung von unsre sonstige Funktionalität beeinträchtigenden Energieverlusten in Form vom "Stress" sentimentaler Konfrontation...

Nun kommt die Zukunft zwar (auch)immer anders als vorhergesehen -- Menschen haben aber (auch)immer das gemacht, was technologisch machbar war.

Woher also den Optimismus nehmen, dass es tatsächlich so anders werden wird?

Es sind Momente wie dieser, wo man sich fragt, ob man tatsächlich so alt werden will wie Zygmunt Bauman, der gerade mit 92 Jahren gestorben ist...

* btw: Wie schnell "heute" "gestern" werden kann, und wie rasch "morgen" zu "heute"...und wie wenig wir diese Übergänge spüren. Dazu die Preisfrage: Welches war die beliebteste app im Jahre 2006, beim sog. "Sommermärchen"? Die Antwort ganz unten...

PS: Es sind Stimmen wie die von Carlo Strenger(Prof. für Psychologie und Philosophie, Tel Aviv), die einem doch "Mut" machen: Mit spätestens Mitte 30 sei diese Perzeption der "Welt" durch, dann käme der Zusammenbruch...was seiner Zunft der Psychoanalytiker eine Menge Arbeit bescheren werde...

PPS: Reden wir in der Ich-Form.

-- Die og. Beschreibung der bedauernswerten Ragazza habe ich diese Woche 2 durchaus präsentablen Mitarbeiterinnen unsrer Praxis, beide Mitte 20, präsentiert: Die mussten schon ziemlich schlucken...

-- "Was willst Du?" Im Zuge einer GottseiDank sehr blande verlaufenen Pubertät warf mir vor noch nicht langem meine Tochter, genervt von meinem ewigen Lästern über das immerrappelnde Smartphone in Realisierung von immerwährender Kommunikation 3 Worte an den Kopf, die ich so schnell nicht vergessen werde:

"Du bist tot."

Aus ihrer (damaligen)Sicht hat sie Recht...denn da, in dieser "Realität", komme ich so gar nicht vor.

PPPS: Die richtige Antwort: keine.

Die ersten mobilen apps erschienen 2008.

Wer sich hier vertan hat, nicht traurig sein. Er ist in bester Gesellschaft: Wenn meine Erinnerung nicht trügt, war es ein Steve Jobs, der noch Mitte/Ende der 90er meinte, das Internet werde unser Leben zwar sicher bunter machen, aber nicht fundamental verändern...

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