Natürlich dachte ich, ich hätte keine Vorstellungen, ich würde ganz unvoreingenommen nach Traiskirchen fahren und mit Renate Silva Hornstein und ein paar Freunden ganz relaxed ein paar gesammelte Sachen vorbei bringen. Einfach mal selber schauen, was sich da tut. Ist das wirklich so überfüllt? Sind die Menschen wirklich so im Stich gelassen? Aber ganz schnell stellt sich heraus: da sind eine Menge Vorstellungen.

Als erst meine Vorstellung - oder mein Anspruch an mich - den Menschen einfach von "Mensch zu Mensch" auf Augenhöhe zu begegnen. Aber was tut man, wenn da erst mal keine Augen, sondern nur Hände sind. Vorsichtige, ängstliche, verlangende, bittenden Hände. "Towels? Jacket? Shoes please?" Und dann stehe ich zusammen mit meinem Mann Oliver beim offenen Kofferraum und krame rum, und immer mehr Menschen drängen sich heran. Soviele Hände, wie soll man da in Augen sehen? und wenn es dann ein bißchen ruhiger wird, oder wenn ich dann doch mal den Kopf heben kann, sehe ich da hinten jemanden, ganz verschämt, ganz vorsichtig. Und später frage ich mich dann, ob die, die jetzt so verlangend sind, wohl schon wochenlang verschämt und vorsichtig ganz hinten standen und erst zum Auto kamen, wenn die Antwort wie auch heute lauter: Sorry, no more Shoes. - Da ganz bei mir bleiben - ehrlich, ohne die Präsenz der anderen, das gegenseitige unterstützen hätte ich das wohl nicht geschafft. Und ohne die Hilfe der Menschen, die unsere Hilfe benötigen. Denn, ja, es gibt Stress, es gibt auch Konflikte - auch wenn die allermeisten versuchen, so gut es geht damit umzugehen, wenn sie den letzten Kinderwagen nicht bekommen, sondern die anderen. Oder die letzte große Reisetasche. Oder den letzten Ball. Aber auf meine Bitte:Please help us to help! gehen sie alle ein Stück zurück und lassen wieder Platz.

Und dann die Begegnung mit den Anrainern in Traiskirchen. Die Vorstellung, ihnen zu sagen: Ihr werdet total im Stich gelassen. Es ist unerträglich, dass ihr Traiskirchner das alleine tragen sollt, nur, weil die verantwortlichen es nicht schaffen oder wollen, die paar Tausend Leute ordentlich zu versorgen und aufzuteilen. Und die Erwartung, als Antwort darauf Freude über das Verständnis zu bekommen. - Wie naiv. Es läuft natürlich ganz anders. Interessanterweise sind es zwei Damen  mit ausländischem Akzent, die sich besonders echauffieren über den Müll, den alle Flüchtlinge hinterlassen, und dass die doch so undankbar sind, und überhaupt. Ich verstehe, dass die Menschen verärgert sind. 1500 Leute auf der Straße - da fällt Müll an. Und ja, die schmeißen auch mal was weg, weil sie es nicht kennen. Das mag keiner. Aber muss ich auch verstehen, dass die Traiskirchner ihren Unmut gegen die Flüchtlinge richten undnicht gegen jene, die wirklich dafür verantwortlich sind?

Und dann natürlich die Vorstellung, was es heißt, zu helfen. Mein Respekt vor den Organisationen und Menschen, die das regelmäßig tun, ist heute gewaltig gestiegen. Da steckt eine Menge Logistik dahinter. Wie sortiere ich was, damit es greifbar ist. Wie gehe ich auf die Menschen zu, damit sie sich gegenseitig helfen und nicht das Gefühl haben, um wenige Resourcen kämpfen zu müssen. Wie gehe ich mit meinen eigenen Resourcen um, um am nächsten Tag nicht völlig aufgelöst im Leid der anderen zu sein?

Ich habe Glück - nach etwa 6 Stunden unterwegs sein für die Flüchtlinge in Traiskirchen kann ich nach Hause kommen, mit dem jüngsten Sohn  Palatschinken backen fürs Abendessen und dann noch eine erfrischende Runde Spazieren gehen und den Regenbogen genießen. Für dieses Leben bin ich heute nach diesem Erlebnis dankbarer als zuvor. Zwar gehe ich jetzt Schlafen mit dem Bild eines älteren Mannes, der mir seine zerrissenen Schuhe zeigt und ich kann ihm nur sagen: Sorry, no more Shoes - aber er lächelt mir verständnisvoll und dankbar zu. Ein Mensch mit seiner ganzen Weisheit und Würde. Vielleicht bekommt er seine Schuhe morgen.

Noch ein großes Dankeschön an meine heutigen Schicksalsgefährten: Oliver, Renate, Gregor, Andrea, Jenny, Tamara, Christiane. - und an jene, die uns mit ihren Spenden unterstützt haben. Mag sein, es ist nur ein Tropfen - aber wo wäre das Meer ohne Tropfen.

Oder frei nach Albert Schweitzer: ein erfülltes Leben ist wohl eines, das dem Glück der anderen mit Glück und dem Leid der anderen mit Hilfe begegnet.

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Stefan Schett

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