Seltsames geschieht. Wirklichkeit ist ja bekanntlich das, was wirkt. Welche Wirklichkeit haben wir hier geschaffen? Schaffen wir jeden Tag neu?

Das erste, dass mich heute in eine interessante Falle tappen hat lassen, war Facebook. Aus irgend einem Grund bekam ich einen Arikel vorgeschlagen, in dem der Tod von Donna Summer bedauert wurde. Mein Gott, wieder eine der ganz Großen - die Band da oben ist zwar ziemlich geil mittlerweil, aber wie schade - war mein Gedanke. Ein paar Stunden später und ein paar lustige Postings später die Erinnerung: ui, die starb ja scho 2012. Naja, für mich halt unsterblich. Es wirkt. Neue Wirklichkeit: Ich verzeihe mir großzügig.

Dann Besuch im Fitnesscenter meiner Wahl. Ich betrete fröhlich und von meiner in ähm Abständen auftauchenden eisernen Disziplin beeindruckt das Center, checke ein, fang an zu trainieren. Bemerke eine Trainerin dort, die ich besonders schätze. Sehr kompetent, freundlich, sympathisch. Und bemerke außerdem am Rande, dass ich diesmal kein freundliches Lächeln bekommen. Tue es noch ab als: ist ja gerade mit einem Kunden beschäftigt. Aber beim Auschecken dann kein Blick. Auf mein: "Dankeschön" für meine Karte keine Reaktion. Auf mein "Auf Wiedersehen" keine Reaktion, nur stures an mir Vorbeischauen. Aua - denke ich. Hab ich ihr was getan? Unbeabsichtigt blöd gewesen? Keine Idee. Betrifft garnicht mich - ist sauer auf irgend was anderes? Keine Ahnung, aber es wirkt. Ich fühle mich komisch. Neue Wirklichkeit: Nachdenklich. Was ist los?

Drittes Erlebnis: ich betrete "meinen" Bioladen - Hirse ist aus. Bei der Fleischvitrine lautes (sehr unüblich, normalerweise hier meditative Stille) Gespräch. Darüber, das sie (die Verkäuferin) gehört hat, dass eine Freundin gehört hat, dass das jetzt mit den Asylanten überhaupt nicht mehr geht, weil da müssen zwei Beamte stundenlang einen renitenten Typen betreuen und überhaupt. Heute bin ich eindeutig zu dünnhäutig um nachzufragen, ob sie persönlich schon Kontakt hatte? Was sie persönlich denn in diesem Zusammenhang tut, um die Situation erträglich zu machen. Ich schnappe mir meine Hirse und verschwinde. Es wirkt. Neue Wirklichkeit: Traurigkeit. Schuldgefühle.

Und dann noch die Teenagernachbarin. Die vorgestern zu Hause vor dem Ball ein bisschen vorgeglüht hat. Mit Freunden, Alkohol und Disco im Wohnzimmer bis 23.00.Ich hab mich ja gefragt, ob denen nicht leid um die Eröffnung ist - naja, Generationenfrage. Und bis 22.00 war mir das Gehämmer auch wurscht. Aber 6 Stunden Musikmachen von der Vornacht steckte doch noch in den Knochen und Schlaf wäre schon sehr schön gewesen. Leider nicht möglich, anzurufen, weil Festnetz abgesteckt und Mama nicht zu Hause. Und die Türklingel hat sie zur Sicherheit auch ausgeschaltet. Jugend will ja nicht gestört werden beim Feiern. Eh. Aber Dienstag Abend. Nagut, wird über 3 Ecken mit Mama dann doch geklärt, um 23.00 ist der Spuk vorbei - bis heute morgen. Da finde ich vor unseren Haustür einen Sack mit Clever-Billigst-Energydrinks und Tschickstummeln. Letztes Mal nach so einer Teenagerparty und Bitte um 1.00 früh jetzt bitte Musik zurückzudrehen hat mein Blumensstock vor der Tür dran glauben müssen. Keine Möglichkeit, zu kommunizieren. Es wirkt. Neue Wirklichkeit: Grant. Unsicherheit. Will ich das?

Es wirkt. Was immer es gerade ist, es wirkt. Leute sind unhöflich zueinander, unterstellen sich böse Absichten, kommunizieren nicht direkt - schaffen Wirklichkeiten. Ich will das nicht. Diese Schatten an der Wand, die so bedrohlich sich ausbreiten. Diese verletzlich sein, weil ich doch so gerne in Kontakt bleiben möchte.

Mein Sohn fragt mich immer wieder mal: Mami, wenn du eine Superkraft haben könntest, für welche würdest du dich entscheiden? Ich weiß schon, welche ich gerne hätte: ich würde sogerne die Menschen daran erinnern, wie großartig sie sind.

Weil: Menschen die wissen, dass sie selber großartig sind, obwohl sie auch mal schlechte Tage haben, obwohl sie auch mal ungerecht und blöd sind, solche Menschen verzeihen vielleicht dem anderen auch mal sein ungerecht-sein, sein blöd-sein, seinen schlechten Tag.

In diesem Sinne: Liebe Trainerin, liebe Verkäuferin, liebe Teenagernachbarin, liebes Facebook: ihr seid großartig. Danke, dass es euch in meinem Leben gibt und ich jeden Tag wieder von euch lernen darf.

Herzlichst

PS: und es wirkt: nach diesem Text gehts mir gut :)

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Maria Lodjn

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