Coronamärchen Nr.3: "Selbstmordwellen wegen der Lockdowns!"

Ich zähle schon gar nicht mehr, wie oft in Blogs oder Kommentaren hier auf FuF von steigenden Selbstmordzahlen wegen der Corona-Lockdowns usw. geschrieben wird.

Heute habe ich mal ergebnis-offen im Internet nach Infos gesucht. Das Resultat in Zitaten:

Bayerns Behörden haben bislang keine Hinweise auf erhöhte Suizidraten in der Corona-Krise. Nach Angaben des Landeskriminalamtes sind die Zahlen sogar etwas niedriger als im vergangenen Jahr um diese Zeit. Zwischen Anfang März und dem 25. Mai nahmen sich 388 Menschen in Bayern das Leben. Im gleichen Zeitraum 2019 waren es 399. Auch die Zahl der Suizidversuche blieb in etwa konstant. In den genannten knapp drei Monaten versuchten in diesem Jahr 461 Menschen, sich das Leben zu nehmen. 2019 waren es 457. Quelle

Eine Krise wie die augenblickliche Corona-Pandemie birgt immer auch Gefahren für die mentale Gesundheit. Unsicherheit, Angst und soziale Isolation können schnell zu psychischen Erkrankungen, wie etwa Depressionen, führen. Konkrete Zahlen zu diesen Auswirkungen sind jedoch nur schwer zu ermitteln. Zumindest bei der Zahl an Suiziden kann das Gesundheitsministerium bisher jedoch Entwarnung geben. Wie Gesundheitsministerin Paulette Lenert in ihrer Antwort auf eine gemeinsame parlamentarische Frage der Abgeordneten Marc Hansen und Josée Lorsché erklärt, sei bisher keine höhere Anzahl an Suiziden zu erkennen. Die Anzahl der Selbsttötungen sei seit Beginn der Pandemie vergleichbar mit dem Jahresmittel aus der Referenzperiode zwischen 2015 und 2019. . . . Auch bei der Telefonseelsorge des Centre d'Information et de Prévention (CIP) sei kein Anstieg der Hilfegesuche wegen Suizidalität zu verzeichnen gewesen. Im Gegenteil, laut der Antwort der Gesundheitsministerin, sei die Zahl der Anrufe, die bei der Hotline eingegangen sind, während des Lockdowns sogar gesunken. Aus Luxemburg vom 10.11.2020, Quelle

Die von Luthe angefragten Einsatzcodes der Rettungskräfte in Berlin zeigen: Nicht die Suizidrate in Berlin ist seit Beginn des „Lockdowns“ Mitte März um 300 Prozent gestiegen, sondern die Häufigkeit eines einzelnen Einsatzcodes: 17D01J. Er steht für Personen, die mit unterstellter Suizidabsicht aus mehr als zehn Metern Höhe springen. Dieser Einsatzcode wurde im Februar 2020 dreimal vergeben, im März gar nicht und im April viermal. Quelle

Doch Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe mit Sitz in Leipzig, kennt keine Statistik von Polizei oder Pathologie, die einen Hinweis auf erhöhte Suizidzahlen gäbe. . . Im Diskussionsforum Depression, das Niedermeier online moderiert, beobachtete er einen großen Bedarf der Teilnehmer, sich auszutauschen, aber nicht mehr Suizidankündigungen als sonst. . . Schneider, die auch Vorsitzende des Nationalen Suizidpräventionsprogramms für Deutschland ist, betont, dass keine validen Daten zu Suiziden in der Pandemie vorliegen. . . Und auch der Gießener Rechtsmediziner Reinhard Dettmeyer, der Präsident des Berufsverbands Deutscher Rechtsmediziner, stellt fest, dass ihm für die Kreise Gießen, Marburg, Kassel, Fulda und Limburg keine gesteigerte Suizidrate aufgefallen ist. Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin in der vergangenen Woche sei natürlich viel über die Pandemie gesprochen worden, aber auch dort habe er aus dem Kreis der Kollegen keinen Hinweis auf mehr Suizide vernommen. Vom 09.09.2020, Quelle

„In den Monaten Januar bis Juli 2020 gab es in Frankfurt im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen Rückgang der absoluten Zahl der Suizide um 30 Prozent“, heißt es in einem Bericht des „Frankfurter Projekt zur Prävention von Suiziden mittels Evidenz-basierter Maßnahmen“ . . . Für die möglicherweise gesunkene Suizidrate seien mehrere Gründe denkbar, sagte Schlang. „Die wahrscheinlichste Erklärung“ ist für die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, dass sich in der Zeit, als das öffentliche Leben massiv eingeschränkt war, weniger Menschen in der Stadt aufhielten. Unter den Suizidopfern in Frankfurt seien nicht nur Ortsansässige, sondern zum Beispiel auch Pendler, Reisende oder Wohnsitzlose. Dazu komme, dass während des allgemeinen Stillstands auch weniger „Suizidmittel“ zur Verfügung gestanden hätten. Zum Beispiel seien weniger Züge gefahren und öffentliche Gebäude seien geschlossen gewesen. Denkbar sei auch, dass mehr Menschen von ihrem Vorhaben abließen, weil die „Interventionen“ des Hilfsnetzwerks sich als wirkungsvoll erwiesen. Quelle

Für Österreich fand ich eine Antwort auf eine Anfrage im Nationalrat zu Polizeieinsätzen in den einzelnen Bundsländern wegen Selbstmord und -versuchen bis zum Mai 2020. Daher macht ein Vergleich auch nur für Januar bis Mai der Vergleichsjahre Sinn. Die Daten habe ich in einer eigenen Tabelle aufbereitet und auf das Wesentliche reduziert:

eigene Auswertung

Von Januar bis Mai 2020 lagen die Selbstmorde in ganz Österreich um 19% und die Selbstmordversuche um 18% unter den Durchschnittsdaten von 2017 bis 2019.

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