auch hier: https://angenehmwiderwaertigzugleich.home.blog/2026/09/03/hier-irrte-arno-schmidt/

In seinem erstmals 1956, erst postum aber unzensiert erschienenen Roman „Das steinerne Herz“ lässt Arno Schmidt seinen Helden Walter Eggers eine Reise von der einen (Lüneburger Heide) in die andere Hälfte (Ost-Berlin) des geteilten Deutschlands unternehmen. Dabei stellt Eggers Spekulationen darüber an, warum „die Bundesrepublik so auffällig kampflos den ganzen Osten der Sowjetisierung“ überlasse. Bundeskanzler Adenauer, so Eggers, empfange „seine Direktiven noch stärker vom Vatikanrom als von Washington“, der „evangelisch-klare Osten“ sei für Adenauer „Ketzerzone“, weswegen er „völlig mit Recht! - für seine allerchristlichste parlamentarische Mehrheit fürchten“ müsse, werfe doch die DDR bei einer Wiedervereinigung „10 Millionen, jetzt sogar sauber=atheistisch geschulter Stimmen“ bei Wahlen in die Waagschale, was seinen „aus Kanonen und Kruzifixen gebastelten Thron“ gefährde.

Einerseits hatte Schmidt, der 1979 starb, Recht: In Sachsen-Anhalt, wo nur noch 10,6% der Einwohner der evangelischen und 3,2% der katholischen Kirche angehören (wodurch das Bistum Magdeburg auf dem besten Wege zum Titularbistum ist), ist Adenauers Partei, die CDU, längst nicht mehr die stärkste Partei, musste andererseits aber diesen Rang an die AfD übergeben, die in ihrem „Wahlprogramm“ nur scheinbar kirchenkritische Forderungen erhebt, wie die, 70000 € Förderung für die „Evangelische Akademie“ des Landes zu streichen. Das aber wird nicht mit deren christlicher Ausrichtung begründet, sondern mit der „politischen Agitation“ für „Klimadoktrin, Genderismus und Regenbogenkult“ zu tun hat. Was soll man aber von Menschen halten, die zwar nicht an einen irgendwie gearteten Gott, aber daran glauben, es werde von dunklen Mächten ein „Regenbogenkult“ betrieben, nur weil LGBTQ* auf die Straße gehen und darauf hinweisen, dass es sie gibt? Und wie abergläubisch und wissenschaftsfeindlich muss man sein, um einen „Genderismus“ zu halluzinieren, ohne zu begreifen, dass Aufklärung über geschlechtliche Vielfalt, gendergerechte Sprache oder Forschungen zum Geschlechterverhältnis völlig unterschiedliche Phänomene, aber nicht Bestandteile einer einheitlichen Ideologie sind? Und warum begreifen sie nicht, dass der Schlagersänger Wendler, der beim Wahlkampfauftakt der AfD aus seinem Fluchtdomizil zugeschaltet wurde, ein Scharlatan und Schwätzer ist, der die Coronamaßnahmen mit dem mörderischen Antisemitismus der Nazis in eins setzte? (Und schweigen möchte ich über den albernen Personenkult um den Strahlemann Siegmund, der auf Mopedtouren für seine verfassungs- wie menschenfeindliche Politik der „Remigration“ wirbt – eine zynische Reinkarnation des vermeintlich freundlichen Faschisten.)

Schmidt, leider, hat sich geirrt: Die „Ketzerzone“ gibt es nicht, sondern eine intellektuelle Wüste, die konformistische Rebellen bevölkern. Das Christentum hat nicht den Weg frei gemacht für etwas Besseres, Vernünftigeres, sondern für eine ebenso triste wie aggressive Volksgemeinschaft, die, fragte man sie nach ihrem Wunschstaat, einer Mischung aus der westlichen Restauration der 1950er Jahre und einer DDR ohne Antifaschismus bedenkenlos zustimmen würde.

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