auch hier:https://angenehmwiderwaertigzugleich.home.blog/2026/07/06/uber-eine-fusnote-von-bernd-rauschenbach/

„Mir ist die Schiefheit dieses Wortes durchaus bewußt, aber es mag nun einmal stehen bleiben für etwas, das mangels Existenz nie eine passende Bezeichnung erhalten hat.“ Diese Anmerkung findet sich auf Seite 16 des ersten „Heftes zur Forschung“ der Arno Schmidt-Stiftung, das 1992 unter dem Titel „Vielleicht sind noch andere Wege“ erschien. In dem Aufsatz „I would‘nt have it as a gift“ setzt sich Rauschenbach mit Schmidts Goethepreisrede von 1973 und dem dort propagierten Arbeitsbegriff auseinander. Gegen die 40-Stunden-Woche setzt Schmidt die eigene „100-Stunden-Woche“ und bezeichnet Arbeit als das „einzige Panacee (…) gegen alles.“ Da ich den Inhalt der Rede als bekannt voraussetze, möchte ich lieber das Augenmerk auf Rauschenbachs Fußnote setzen, denn das schiefe Wort für etwas, das nie existiert hat, ist „Vergangenheitsbewältigung“.

Die aber konnte nicht dadurch gelingen, dass man sich lediglich mit dem „Beiseiteräumen der Ruinen“ befasste, jeden aber, der an die deutschen Verbrechen erinnerte, als Störenfried empfand. Schmidt, der in der Trilogie „Nobodaddys Kinder“ NS-Zeit, Nachkrieg und – in „Schwarze Spiegel“ – die Zeit nach einem Atomkrieg aus der Perspektive der Einzelgänger und Außenseiter beschreibt, taugte als Störenfried hervorragend, was zu Schikanen bis hin zu juristischen Verfolgungen führte. Dass er dabei das versuchte, was nicht erwünscht war, eine „geistige Vergangenheitsbewältigung“, konnte nur gelingen, indem er die Sprachnormen seiner immer noch nazifizierten Gegenwart überwand und an die literarischen Neuerungen anknüpfte, die durch den deutschen Faschismus unterdrückt worden waren. Die Moderne war woanders weitergegangen und die deutsche Sprache verkommen zum Organ von Heeresbericht und KZ-Befehlen, einer "Sprache, die ausschließlich geschaffen schien, gebrüllt zu werden" (Claude Simon). Nur, wenn aus dieser Sprache wieder eine der Menschenliebe und des Witzes, der Klarheit wie der weltläufigen Weite wird (und ja, das ist ein Votum gegen all die „Sprachschützer“ mit ihrem Hass auf Gendern, Anglizismen oder Kiezdeutsch) kann das, was nie existiert hat, vielleicht doch noch gelingen.

Am 2.7.2026 ist der Autor und Rezitator Bernd Rauschenbach, der die Arno Schmidt-Stiftung von 2001 bis 2018 als geschäftsführender Vorstand leitete, in Celle gestorben. In Celle ereignete sich am 8.4.1945 ein Massaker an KZ-Häftlingen, die einen Bombenangriff auf den Bahnhof genutzt hatten, um zu fliehen. An der zynisch als „Celler Hasenjagd“ bezeichneten Menschenjagd beteiligten sich nicht nur Wehrmachtssoldaten und Polizisten, sondern auch Zivilisten, man geht von mindestens 170 Opfern aus. 14 Beteiligte wurden 1947 von den Briten angeklagt, 3 von ihnen wurden zum Tode verurteilt, 4 zu Haftstrafen. Keines der Todesurteile wurde vollstreckt, 1952 waren alle Verurteilten bereits wieder aus der Haft entlassen. Erst 1992 errichtete die Stadt ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer.

Vergangenheitsbewältigung? „Etwas, das mangels Existenz nie eine passende Bezeichnung erhalten hat.“

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