Jürgen Stark: „Die geldpolitische Geisterfahrt der EZB“

Jürgen Stark war von 2006 bis 2012 Chefvolkswirt und Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB). Wie es so schön heißt, ist er „aus persönlichen Gründen“ zurückgetreten. Heute veröffentlicht er in einem Gastkommentar – sozusagen auf neutralem Boden in der NZZ - einige seiner „persönlichen Gründe“. Hier im Wortlaut:

„Als erste grosse Zentralbank beschloss sie [die EZB] 2014 einen negativen Einlagenzins. Selbst die Federal Reserve und die Bank of England hatten diesen Schritt gescheut. Und sie hat seit 2015 durch ihr Anleihen-Ankaufprogramm («quantitative easing») die Bilanz des Euro-Systems aufgebläht und zusätzliche Liquidität von über 2,6 Billionen Euro geschaffen. Damit ist die derzeitige EZB-Politik seit langem viel aggressiver, als sie es je während der Finanzkrise 2008/09 und der nachfolgenden Staatsschuldenkrise im Euro-Raum war. Sie war auch angesichts des mehrjährigen wirtschaftlichen Booms, der jetzt zu Ende zu gehen scheint, nicht zu rechtfertigen. … Entgegen allen Beteuerungen hat eine reale Deflationsgefahr im Euro-Raum nie bestanden.“

„Die ökonomische Wirkung des Ankaufs von Staatsanleihen wird eindeutig in der Absenkung der staatlichen Refinanzierungskosten sichtbar. Das ist monetäre Staatsfinanzierung, die nach den Europäischen Verträgen und dem Statut der EZB verboten ist. … die EZB wird noch lange durch die Reinvestition fällig werdender Papiere in den Märkten präsent sein. Je nach Reinvestitionsstrategie können dies bis zu fünf Jahre sein, ohne dass die Bilanz abgeschmolzen wird. Im Gegenteil: Es stehen neue langfristige Operationen zur Diskussion, um einer partiellen Liquiditätsverknappung entgegenzuwirken.“

„Negativzinsen und «quantitative easing» sind die gravierendsten Fehlentscheidungen in der 20-jährigen Geschichte der EZB."

„Wer auch immer Mario Draghi am 1. November 2019 nachfolgen wird, seine Politik wirkt infolge des Paradigmenwechsels lange über seine Amtszeit hinaus. Die geldpolitische Geisterfahrt wird mit seinem Ausscheiden nicht enden.“

Ernst Zdrahal www.ethos.at

Alle Zitate aus NZZ.ch vom 28.1.2019

Ergänzung 29.1.2019 um 17:17 - Passend dazu die Schlagzeile im heutigen Kurier: "Andreas Treichl sieht "keine freudige Entwicklung auf der Zinsseite“. Und der unbedeutende Leiter einer unbedeutenden österreichschen Sparkassa kann dagegen natürlich absolut gar nix tun, z.B "eigenmächtig" gegen den Trend den Sparzins auf sagen wir mal horrende 0,5 Prozent anzuheben. Das wäre ja Wettbewerb. Aber wir haben ja Kapitalismus, und der hat die immanente Neigung zur Kartell- und Monopolbildung. Schlag nach bei Charly Marx.

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Scherzkeks

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Dieter Knoflach

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