„Sie schlief schlecht in dieser Nacht und so kam es ihr am nächsten Morgen vor, als wäre sie erst kurz vor dem Morgengrauen in den Schlaf gesunken. Sie fühlte sich müde und erschöpft. Ihr Gewissen war schneller wach geworden als sie selbst und mahnte sofort den heutigen Tag unbedingt der Beschäftigung mit den vorliegenden Problemen zu widmen und diesmal keinen Aufschub zu dulden.“

„Sie“ - die Frau, von der Hubert Herzog in seinem Debüt-Roman erzählt, hat offenbar einiges zu erledigen und noch mehr zu bewältigen. Bei der Reise in die Tiefen ihres Ich begegnet ihr eine Frau „mit großen, etwas müde wirkenden Augen, in denen ein Feuer zu erkennen war“. Diese Frau „um die 30 Jahre alt“ setzt sich im Cafe an den Tisch zu ihr und eröffnete das Gespräch mit der ungewöhnlichen Frage: „Kennen Sie Proust?“

Mit dieser Steilvorlage beginnt ein Roman, der schon im gleichnamigen Titel verrät, dass der Autor ambitioniert ist und keinen Vergleich scheut. In dieser Erzählung finden sich keine Hinweise auf die Schnelllebigkeit unserer Zeit und die sensationslüsternen täglichen Nachrichten, die verraten würden, in welchem Jahr wir uns befinden, sondern nur Eindrücke und Erlebnisse aus jener Welt, die seit Sigmund Freud dem Revier der Tiefenpsychologie zugeordnet werden: Enttäuschungen, Hoffnungen, Selbstzweifel, Erwartungen, Vertrauen, Misstrauen, Trauer und fallweise sogar Freude.

Der ganz normale Alltag beherrscht diese Welt, doch Sie, die Hauptfigur des Romans, will sich nicht mit der Oberflächlichkeit der Alltagsnormalität abfinden: „Smalltalk – die grausamste Form der Kommunikation. Erzwungene Freundlichkeit und vorgegaukeltes Interesse an Themen und Personen, die den Tiefgang einer Regenlache kurz vor dem Verdunsten haben.“ (S. 14)

Sie und ihre neue Freundin verbringen viele Stunden gemeinsam auf Spaziergängen und in Gesprächen versunken. Und sollten sich doch später wieder aus den Augen verlieren, mehr noch: verlieren. Dies ist der rote Faden eines Buches, das Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ für die Internet-Generation wieder entdeckt hat, „Proust 2.0“ sozusagen.

Im Gegensatz zu Prousts 7-teiligen Epos mit 5.300 Seiten (Taschenbuchausgabe Suhrkamp) findet die Erzählung von Herzog auf 100 Seiten Platz. Damit ist dem Autor etwas ungewöhnliches gelungen: Formal bewegt er sich auf den Spuren von Marcel Proust und motiviert den Leser – wie beste Sekundärliteratur – einmal im Original zu schmökern. Inhaltlich erzählt Hubert Herzog eine eigenständige Geschichte – somit authentische Literatur - nicht bloß Hommage oder Montage, nicht fixiert auf Proust sondern fokussiert auf eine Person unserer Zeit: Sie. Oder Er? Jedenfalls eine Figur, die Platz für unsere Projektionen und Reflexionen bietet – für sie und ihn, für dich und mich.

Hubert Herzog http://www.hubertherzog.at/

Das Buch von Hubert Herzog, "Kennen Sie Proust?", ISBN: 978-3-96443-108-0 ist im Karina Verlag erschienen. Der Autor lädt zur Buchpräsentation am Montag, 19. November 2018 um 18:30 im Kunstraum der Ringstrassen Galerien.

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Scherzkeks

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berridraun

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