Es ist ja eine Binsenweisheit des modernen Spießertums: Die Ehe ist kein Sprint, sondern ein Marathon durch das Jammertal der eigenen Lebensentscheidungen. Nach sieben Jahren wildem, harten Inzest-Adoptionsspiel mit dem eigenen Schwager – man bleibt schließlich im ökologischen Kreislauf der Kernfamilie und spart sich das mühsame Kennenlernen inklusive langweiliger Biografien – schlug das moralische Pendel zurück. Als fundamentale Christin, die die Heiligkeit des Bundes hochhält, war mir immer klar: Ich gehe niemals fremd. Ich blieb standhaft im Schafstall der Blutsverwandtschaft. Außergewöhnlich treu war ich! Dem gesamten Genpool stand ich zur Seite, bis mir das ewige Gewinsel dieser empfindsamen Testosteron-Bande endgültig auf den Geist ging. Einer musste gehen. Also ging meiner.
Man steht also nach vollbrachter Tat im Hausflur, beseelt von der reinen Luft der Problemlösung, und trifft direkt auf das personifizierte Elend: die Nachbarin.
Ich: „Ich habe jemanden umgebracht.“
Sie (mit der Empathie einer Toastbrotscheibe): „Das würde ich auch gerne.“
Nicht einmal den elementarsten Respekt vor einer ordentlichen Bluttat kriegt man heutzutage noch geboten. Bevor ich überhaupt den Hammer ablegen konnte, laberte die Alte ungefragt über das Schnarchen ihres eigenen Erfüllungsgehilfen. Da stehst du nun mit frischem Leichengeruch im Tweed-Mantel und darfst dir anhören, dass ihr Gatte angeblich exakt dann kackt, wenn sie baden will. Prioritäten im deutschen Vorortkaff sehen wahrlich anders aus. Meiner machte wenigstens dezent gar nichts mehr.
Ein Anruf bei Muttern brachte ebenfalls keine kathartische Erlösung:
„Weißt du, deinen Vater wollte ich auch immer umbringen, aber der war ständig in der Kneipe.“
Ach, Mama. Danke für die lebenslange Psychose als Grundausstattung.
Der Therapeut, von dem man ja immer eingetrichtert bekommt, man solle seine Impulse sublimieren, riet mir nach kurzer Schrecksekunde allen Ernstes zur Kollaboration mit der Staatsgewalt: „Rufen Sie die Polizei.“ Gesagt, getan. Doch dort erwartete mich der typische deutsche Behördenwahnsinn. Die wollten nicht nur Name, Adresse und Schuhgröße, sondern auch noch den Tathergang. Als ob ich die Zeit hätte, Amtspersonen dreimal dieselbe Story zu diktieren, während mir daheim die wertvolle Raumluft von einem veritablen Kadaver blockiert wird! Man ist schließlich Gastgeberin und lässt Gäste – auch die final ausgeatmeten – nicht im Flur verfaulen.
Also direkt weiter zur besten Freundin. Ein kurzes „Ich hab ihn umgebracht“ auf dem Kurznahmer. Statt Entsetzen kam prompt die Neidkassette:
Sie: „Wenn du schon dabei bist, kannst du meinen auch gleich nehmen?“
Ich: „Ja, klar. Aber zuerst muss der hier weg.“
Wer schon mal versucht hat, in einer deutschen Mietwohnung mit perfidem Laminat und maximal drei Quadratmetern Flur einen sperrigen Ehemann artgerecht zu entsorgen, der weiß: Die Entsorgung ist logistisch anspruchsvoller als jede Restmülltrennung. Die Sperrmülltermine passen nie, und für den gelben Sack ist er zu schwer.
Also ab ins Krankenhaus. Zwei Stunden Wartezimmer zwischen Schnupfen-Terroristen, Hexenschuss-Opfern und psychosomatischen Jammerlappen. Endlich im Behandlungszimmer:
Ärztin: „Was hat er?“
Ich: „Keine Ahnung.“
Ärztin (zu ihm): „Wir würden gern allein mit ihm sprechen.“
Ich: „Der spricht nicht mehr.“
Ärztin: „Lassen Sie uns das bitte selbst beurteilen.“
Bitte sehr. Freiheit für die Wissenschaft! Ich setzte mich wieder zu den Rotzlöffeln ins Wartezimmer. Nach einer Ewigkeit die erlösende Visite der Oberschwester: „Wir haben Ihren Mann auf Station XY verlegt. Machen Sie sich keine Sorgen.“
Hä? Der war mausetot! Da half kein Pusten mehr. Ich fuhr nach Hause, öffnete eine Flasche Barolo, setzte mich aufs Sofa und – pure Ekstase: Stille. Kein Bruder, kein Ehemann, kein psychotisches „Wir müssen reden“. Nur ich, der Wein und die absolute, sakrale Leere. So schmeckt das Paradies.
Am nächsten Tag aus reiner Neugier zurück auf die Intensivstation. Kabel, Schläuche, piepende Monitore, pseudowissenschaftlicher Budenzauber. Der Chefarzt blickt mich ernst an: „Vielleicht wacht er in einem Jahr wieder auf, vielleicht in zwei. Das können wir nicht sagen. Besuchen Sie ihn regelmäßig.“
Ich sah den Mann an. Der sah für jeden neutralen Betrachter immer noch aus wie ein trockenes Schnitzel im Kühlhaus.
Ich: „Der sieht aber wirklich tot aus.“
Arzt: „Wir kümmern uns um ihn.“
Da dachte ich mir im Angesicht der deutschen Zwei-Klassen-Medizin nur eines: Privat versichert müsste man sein. Da kriegst du selbst im fortgeschrittenen Stadium der Verwesung noch Wellness-Behandlungen auf Staatskosten.
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