Eine übliche Kritik an Autokraten oder Diktatoren europäischer und asiatischer Länder ist es, sie würden eine rückständige Gesellschaftsauffassung verbreiten. Umgekehrt betrachtet aber, wenn man selber ein solcher Autokrat wäre, würde man, vom Wohlstand abgesehen, dem westlichen Gesellschaftsideal nacheifern wollen, der Infragestellung der Kernfamilie, der Gender-Ideologie und Identitätspolitik, der ethnischen und kulturellen Diversität welche die Homogenität und damit die aristotelische Philia untergräbt? Man könnte sagen, dass das Bewirken traditioneller Auffassungen die „diversen“ Menschen unterdrückt, es ihnen nicht erlaubt ihre Identität frei auszuleben, usw., gleichzeitig haben jedoch diese Phänomene auch den Zusammenhalt der Gesellschaft in eine Apathie verwandelt, und die Apathie zu einer Grabenpolitik und damit zu einer politischen Kopflosigkeit geführt. Während die einen sich an die Strasse kleben um gegen die Verwendung von Erdöl zu protestieren, zerschneiden andere Lastwagenreifen um gegen Milchprodukte zu protestieren, wieder Andere bangen darum, im Winter heizen oder gar die Stromrechnung bezahlen zu können und erwägen deshalb Protest, der wiederum von der Regierung selbst im Voraus schon als illegitim oder rechtsradikal diffamiert wird, während zugleich eine immer grössere Masse an Einwanderern Parallelgesellschaften bildet, am Tropf des Sozialstaates hängt und zur Brutstätte für Gewalt und Verbrechen wird. Dass die Vertrauenskultur, beginnend in den Städten, ausgehebelt wird, ist inzwischen eine unbestreitbare Tatsache.

Die Behauptung ist zumal naheliegend, Autokraten ginge es nur darum, ihre Macht zu erhalten, und dass sie diese hauptsächlich interessiert, weil sie sich an ihrem Amt bereichern. C. S. Lewis schrieb allerdings einmal „Die unerträglichste aller Tyranneien ist wahrscheinlich die, die aufrichtig nur das beste für ihre ‚Opfer‘ will. Es ist vermutlich immer noch besser, unter skrupellosen Räuberbaronen zu leben als unter Weltverbesserern, die die Moral für sich gepachtet haben. Die Grausamkeit des Räuberbarons kann zeitweise schlummern, seine Begehrlichkeit an einen Puntk der Sättigung kommen; diejenigen aber, die uns zu unserem eigenen Besten quälen, tun dies, ohne müde zu werden, denn ihr Gewissen bestärkt sie noch darin.“ Ist es wirklich glaubhaft zu denken, Menschen wie Putin, Erdogan oder Xi Jinping würden nur des Geldes wegen die besten Jahrzehnte ihres Lebens dafür verwenden, die Leiter des politischen Establishments emporzusteigen, um dann mit aller Kraft ein Gleichgewicht im ewigen Machtkampf zu bewahren, welches sie an der Macht hält? Oder dass sie einfach nur geisteskranke Psychopathen sind, welche irgendwelchen wirren Grossmachtphantasien nachgehen, und trotzdem fähig sind, sich gegen alle anderen Mächte in ihrem jeweiligen Land zu behaupten? Oder ist es nicht wahrscheinlicher, dass sie aus der, womöglich messianischen, Überzeugung handeln, dass sie wie ein Hirte über ihre Schafe wachen müssen, weil sonst alles den Bach hinunter geht? (Zu betonen ist, dass dies, dem Zitat folgend, nicht an sich positiv zu deuten ist, obgleich die heutige Volksverdummung gute Absichten mit positiver Handlung und Auswirkung gleichsetzt.)

Wenn also solche Gesellschaften generell die Gemeinsamkeit haben, traditionalistische Ideale zu hegen, so ist zu vermuten, dass deren autokratisches Establishment dies als bestmögliche gesellschaftliche Ordnung empfindet. Eigentlich sollte dies weniger verwunderlich sein, als es ist, da solche Ordnung eigentlich bis vor ca. hundert Jahren in der ganzen zivilisierten Welt Gang und Gebe war, und erst vor sehr kurzer Zeit begann, die bekannte Form anzunehmen. Mit all ihren Verfehlungen, hat die traditionelle Ordnung eigentlich dazu geführt, dass die Gesellschaft funktioniert hat. Sie hat vielleicht nicht immer zur Zufriedenheit aller funktioniert, aber sie hat funktioniert. Die westliche, sog. progressive Ordnung, stellt im Grunde in Frage, was es bedeutet, dass eine Gesellschaft „funktioniert“, weshalb auch in der Spanne von kaum zwei bis drei Generationen, ein grosser Teil der einstigen Regeln und Vorgaben aus der Welt geschaffen wurden. Die Autokratischen Gesellschaften mit ihrer traditionalistischen Ordnung haben die Möglichkeit dies zu betrachten, und könnten meinen, es sei doch eine bessere Art, dass die Gesellschaft „funktioniert“, sie tun es aber nicht. Die Folgerung ist unweigerlich, dass eine andere Auffassung darüber zu Grunde liegt, was es heisst, dass eine Gesellschaft „funktioniert“.

Die traditionalistische Auffassung, mit der Kernfamilie als eines der höchsten Güter, und folglich mit ihren relativ starren Geschlechterrollen, orientiert sich nach der traditionellen Ordnung, welche wiederum durch wesentliche Überlebensinstinkte hervorging, indem Gesellschaften, die gewisse Verhaltensvorgaben umsetzten, erfolgreicher in ihrer Entwicklung waren als andere. (Zum Beispiel entwickelten sich monogame Gesellschaften besser, weil Männer, die sich nicht fortpflanzen konnten, unproduktiv wurden, und die mehr oder weniger gleichmässige Verteilung der Frauen für die Partnerschaft zu einer viel grösseren Menge an produktiven Männern führte, als in polygamen Gesellschaften.) Es ist also logisch, dass autokratische Regime, welche sich als „Weltverbesserer“ (Lewis dixit) sehen, Konzepte die grundsätzlich dem Erhalt und Überleben der Gesellschaft dienen sollen, höher werten, als z.B. dem progressiven Ideal, dass Minderheiten eine sichtbare Präsenz hätten. Die progressiven Gesellschaften hingegen erteilen z.B. Individualismus und sozialer Gerechtigkeit einen höheren Stellenwert, als gesellschaftlichen Überlebensinstinkten. Man sieht diese stattdessen als nicht mehr erforderlich, als überwunden durch den Fortschritt und den Progressivismus.

Der grundlegende Unterschied in der Betrachtung ist also darin zu finden, was die zentralen und obersten Werte der Gesellschaft sind, und folglich die Frage, was der Sinn der Existenz der Gesellschaft und damit auch was der Sinn des Lebens ist. Die traditionalistische Auffassung sucht die Antwort dieser Frage in der Gesellschaft und dem Leben selbst: Der Sinn des Lebens ist das Leben, somit muss das Leben erhalten und fortgeführt werden. Somit sind Randgruppen von weniger Bedeutung, als der zentrale Erhalt der Gesellschaft durch die von ethnisch homogenen Heterosexuellen gebildeten Kernfamilien. Bei der progressiven Auffassung ist es nicht so, dass kein Ansatz einer Antwort auf diese Frage unterbreitet wird, sondern dass gar keine solche Antwort gesucht wird. Aus existenzieller Sicht ist die progressivistische Ordnung durch und durch nihilistisch: Das Leben hat keinen Sinn, wozu Kinder bekommen wenn die Welt sowieso zum Teufel geht, es gibt kein Leben nach dem Tod also sollten wir hedonistisch sein, höhere Ideale sind nur Selbsttäuschung und Ursprung von Hass und Unterdrückung, usw., usf.. Was oftmals als Ideal präsentiert wird, wie z.B. soziale Gerechtigkeit, zeichnet im Grunde kein Ideal auf, sondern die Abwesenheit davon, eine Situation in welcher alle Menschen gleichwertig bedeutungslos sind. Man soll frei sein, seinen Idealen nachzugehen, aber da es keine geteilten Ideale gibt, ist jeder folglich auch seine eigene Gesellschaft, jeder konzipiert seine eigenen Ideale, und jeder baut seine eigene Utopie. Das soziale Wesen des Menschen, die Philia die Aristoteles als eine Art Brüderlichkeit beschrieb, wird durch die apathische Toleranz ersetzt, worin jeder dem Nächsten egal ist.

Diese nihilistische Auffassung wird zum Ursprung von Dekadenz, indem das Fehlen von Idealen, von einem Sinn des (gesellschaftlichen) Lebens, von einer erstrebenswerten Utopie schliesslich auch zum Zerfall von Zusammenhalt, Gemeinschaft und letztendlich Gesellschaft wird, und all dies, was zumindest teilweise die menschliche Existenz erfüllen konnte, stattdessen von kurzfristigem Pläsier, von Konsumkultur, von Narzissmus, von Habsucht, von Materialismus, von Selbstsucht, u.v.m. Ersetzt wird, also von einem seelischen und geistigen Saccharin, welches zwar aufs erste den Geschmack von Erfüllung gibt, aber schlussendlich leer und sinnlos ist.

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