#MeFirst! Wie Handy und ein Stick den Blick auf die Welt verändern

#Hashtag #Instagram #Fotografien

„Die Fotografie hilft den Menschen, zu sehen“ sagt die US Star-Fotografin Bernice Abbott, die mit ihren schwarzweiß-Fotos berührende Geschichten über das Leben in New York erzählte. Fotos schaffen neue Perspektiven – auf Licht und Schatten, auf Menschen und Schicksale, auf die Welt in der wir leben. Und jedes gute Foto erzählt Bände über den Menschen, der abgedrückt hat. Aber was erzählt uns die überhandnehmende Selfie-„Kultur“ darüber, wie sich der Blick auf die Welt verändert?

Reisen erweitert den Horizont – oder? So haben wir das alle gelernt, und so hat es natürlich auch seine volle Richtigkeit. Allerdings: Nicht erst bei meiner langen Reise durch Asien – aber bei dieser mit aller Vehemenz – stelle ich fest, dass der Blick der Reisenden, Beobachtenden und Dokumentierenden sich auf eine mitunter reichlich irritierende Art und Weise verändert hat: #MeFirst! lautet die Devise. Die Neugier auf das Neue, Ungewohnte und Bewundernswerte in fremden Ländern ist dem Drang gewichen, sich selber vor dem bereisten Hintergrund in Szene zu setzen.

So wandeln ganze Reisegruppen durch die überwältigenden Tempelanlagen von Angkor Wat – den Blick gebannt aufs Handy gerichtet, das via Selfie-Stick den eigenen Weg durch den Tempelbezirk festhält. Vor den jahrhundertealten Bauten wird gegrinst, Grimassen geschnitten, mit Pirouetten ins Bild gesprungen, auf sich selbst gezeigt – die Selbstinszenierung, in der Regel im Handumdrehen aufs Social Media-Profil hochgeladen, hat den Blick auf die Welt die uns umgibt, den Rang abgelaufen.

Ohne Selfie kein Profil?

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Mehr als eine Million Selfies werden Tag für Tag hochgeladen; speziell bei den 18-24 Jährigen stellen mittlerweile rund 30% der Fotos die eigene Person in den Vordergrund. Bei manchen Models sowie C- bis E-Promis sind gezielt und nur allzu oft anrüchig inszenierte Selfies unverzichtbarer Teil der Eigen-PR. Kein Reisebericht kommt ohne Selbstdarstellung an den wichtigsten Destinationen aus.

Blick auf die Welt – durch die Brille der Egomanie gefiltert?

#MeFirst! – also genau genommen: mich selber wo immer ich gerade bin, unter Freunden, unterwegs, beim Sport oder bei mitunter auch nur scheinbar bemerkenswerten Tätigkeiten, in den Vordergrund zu stellen – sagt viel über den dramatischen Wandel aus, der sich damit in der Wahrnehmung unserer Umwelt ergibt: Nicht die Neugier über Fremdes, der Blick auf die Feinheiten historischer Prachtbauten oder die zum Bild gewordene Kraft der Natur stehen im Mittelpunkt. Die Eigendarstellung nimmt in rasantem Tempo überhand. Schüren Handy und Selfie-Stick also den Trend, den Blick auf die Welt über die Inszenierung des Eigenbilds zu filtern? Steht das „Ich“ nicht nur im fotografischen Vordergrund, sondern auch beim Bemühen, das Andere und Fremde und Neuartige zu erfassen, zu durchschauen und zu verstehen? Ist die bildgewordene Egomanie der Spiegel unseres Weltbilds geworden?

Die „Selfie-Mania“ ist wohl nicht zurückzudrehen – für mich selber halte ich mich aber dann doch lieber an den guten alten Foto-Meister Robert Bresson: „Mach sichtbar, was vielleicht ohne dich nie wahrgenommen worden wäre.“

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invalidenturm

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Inglorius Raurackl

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