Sicher werden jetzt wieder viele Beobachter und Interessierte vorgeben, das Ergebnis des ersten Durchgangs zur Wahl eines neuen Bundespräsidenten erwartet zu haben – und zwar so und nicht anders. Und es wird noch mehr geben, die nun wissen, dass der zweite Wahlkampf eine schrille Auseinandersetzung zweier Lager werden wird.

Doch beides ist am Tag danach unerheblich. Zählt man die Stimmen für Norbert Hofer (35,3 % FPÖ), Alexander Van der Bellen (21,3 % Grüne), Irmgard Griss (19 %) und Richard Lugner (2,3 %) zusammen, so haben knapp 78 Prozent der Wähler dieses Sonntags gegen SPÖ und ÖVP, gegen Koalition und Regierungsarbeit protestiert. Die Kandidaten beider Parteien brachten es gerade einmal zusammen auf 22 Prozent. Wer nun behauptet, das Ausmaß dieser Wut, dieser Ablehnung, dieser Angst, dieser Verunsicherung vorhergesehen zu haben, muss seine Hand wirklich am Puls der Bevölkerung gehabt haben. Denn diese Eruption an Zorn wurde weder von Medien, noch der Meinungsforschung, noch den Apparaten von SPÖ und ÖVP erwartet.

Es wäre ein fataler Irrtum zu glauben, die Herzen oder Stimmzettel von mehr als einem Drittel der Wähler dieses Sonntags flogen der Person Norbert Hofers zu, weil sie den Burgenländer unbedingt in der Hofburg sehen wollen. Die Wahrheit scheint vielmehr, dass die Führung und die Funktionäre von SPÖ und ÖVP seit langem zielstrebig an der Entfremdung von ihren Wählern gearbeitet haben.

Zwei Tage vor der Wahl noch hat die SPÖ ihr Armutszeugnis abgeliefert als sie die Schlussveranstaltung für Rudolf Hundstorfer in der Hofburg abhielt. Auf diese Idee muss man als sozialdemokratische Partei, der spätestens seit der Wiener Gemeinderatswahl 2015 – aber wirklich spätestens! – klar gewesen sein muss, dass sie die Arbeitschicht verloren hat, erst kommen! Mehr Abschottung von der eigenen Klientel geht nicht. Ein stärkeres Signal, dass man sich vor den Wählern fürchtet, auch nicht. Einen größeren Beweis, dass die Mobilisierungskraft ausgegangen ist, erst recht nicht. Eine vitale Partei zieht sich nicht in einen Trakt der Hofburg zurück.

Weil die ÖVP aber in Sachen Selbstbeschädigung traditionell immer besser ist als die SPÖ, hat sie die Verzichtserklärung für die Wahl ihres Kandidaten Andreas Khol gleich zwei Wochen früher abgegeben. Auf diese Idee muss man auch erst einmal kommen: Eine Regierungsumbildung, noch dazu eine nach der Art des Hauses Pröll, mitten in einem Wahlkampf ist politik- und kommunikationstechnisch ein „No go“ (© Heidi Glück, Ex-Mitarbeiterin von Wolfgang Schüssel). Mehr Schmecks-Taktik einer Partei ihren potenziellen Sympathisanten gegenüber geht nicht. Ein stärkeres Signal, dass man den eigenen Kandidaten nicht ernst nimmt, auch nicht. Einen größeren Beweis für die Funktionäre, dass sich erst gar nicht um Mobilisierung bemühen müssen, erst recht nicht.

Beiden Parteien und der Regierungsspitze musste spätestens seit der taktisch verhunzten Steuerreform im Frühjahr 2015 klar gewesen sein, dass sie ein veritables Problem mit ihrem Arbeitsstil und ihrer Glaubwürdigkeit haben. Doch Konsequenzen würden daraus keine gezogen. Im Gegenteil. Streit und Hader fanden ihre Fortsetzung bei der Bildungsreform im November 2015, bei der Pensionsreform, bei den Grenzzäunen oder Zäunen mit Seitentüren, bei der Obergrenze für Asylanträge oder Richtwerten. Eigentlich bei jedem Projekt. Nach jedem öffentlich ausgetragenen Konflikt, begleitet von überlauten Beschwörungen des Bundeskanzlers und gleichzeitig zynischem Lächeln des Vizekanzlers, wurde dann Gemeinsamkeit beschworen. Immer wieder. Bis zum nächsten Zwist. Und dann wieder. Irgendwie erinnerte ihr Verhalten an jenes von Süchtigen, die nach jedem Rückfall Besserung versprechen – bis zum nächsten. Solch innere Ratlosigkeit lässt sich vor den Wählern nicht verbergen.

Insofern haben SPÖ und ÖVP die Rechnung, die ihnen die Wähler am Sonntag präsentiert haben (ganz ohne Registrierkasse), sogar in dieser Höhe verdient. Das Absurde daran ist nur, dass die beiden systemtragenden Parteien, jetzt dieses im Großen und Ganzen seit 1945 erfolgreiche System, selbst zerstört haben. Sie haben das Kapital verspielt, mit dem sie die Rechnung begleichen könnten.

Und das ist ein weitaus bedeutenderes Ergebnis als der Erfolg Norbert Hofers.

shutterstock/Muellek Josef

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