Der sterbende Mann und die Scheuklappen der anderen

Momentan erregt eine Begebenheit die Gemüter, die wir uns vermutlich alle nicht so recht vorstellen können: In einer Essener Bankfiliale ist in einem Vorraum mit Geldautomaten ein Mann zusammengebrochen und vier andere Kunden und Kundinnen sind über ihn hinweg gestiegen oder drum herumgegangen, ohne Hilfe zu rufen. Erst der Fünfte hat einen Krankenwagen gerufen, da war es schon zu spät, der Mann ist gestorben. 

Wir sollten hier nicht einfach nur beim Entsetzen stehen bleiben. Wenn vier von fünf Menschen auf eine bestimmte Weise handeln, und zwar unabhängig voneinander, dann haben wir es nicht mit einzelnen Fällen von individuellem Fehlverhalten zu tun, sondern mit einer kulturellen Gewohnheit. Und die Gewohnheit heißt in diesem Fall: Scheuklappen runter in der Öffentlichkeit! Sei nur aufmerksam für Dinge, die dich betreffen!

Diese Scheuklappen kenne ich selbst auch sehr gut. Ich setze sie selber auf, sobald ich das Haus verlasse. Denn wir werden heutzutage im öffentlichen Raum mit einer solchen Flut an Informationen und Signalen belästigt, die unsere Aufmerksamkeit auf irgendwas lenken wollen, dass ich mich mit Stöpsel im Ohr, Blick aufs Handydisplay davon abschotte. Rein aus Selbstschutz. Ich kann und will nicht alles aufnehmen, was mich anbrüllt und was von mir will.

Ich glaube zwar schon, dass ich dem auf dem Boden liegenden Mann geholfen hätte, wäre ich in die Bankfiliale gekommen, zumindest möchte ich das gerne glauben. Aber ich finde es unbefriedigend, hier einfach bei moralischem Entsetzen über diese bösen Leute, die nicht geholfen haben, stehen zu bleiben.

Momentan läuft eine fieberhafte Suche nach den vier Kunden und Kundinnen, die keine Hilfe geholt haben. Sie werden voraussichlich wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt, denn was sie getan haben, ist strafbar. Aber wie zufrieden können wir sein, wenn wir sie vor Gericht gestellt haben?

Nein, hier müssen wir uns alle an die Nase fassen. Eine Kultur, die ihre Mitglieder mit unwichtigem Kram überflutet, die ihren öffentlichen Raum so gestaltet, dass kein Fitzelchen Fläche mehr ohne kreischende Werbung ist, in der dir neun von zehn Menschen, die dich ansprechen, was verkaufen wollen, die muss sich nicht wundern, wenn Wahrnehmungsfähigkeit und Empathie abnehmen.

Hoffentlich dient dieser schreckliche Vorfall in Essen dazu, dass wir mal wieder aufwachen, dass wir uns klar machen, dass um uns herum wirklich noch andere Menschen aus Fleisch und Blut sind, und dass es unsere Aufgabe ist, uns umeinander zu kümmern - auch um Fremde, die es brauchen, auch in solchen Fällen, in denen wir persönlich eigentlich nicht "zuständig" sind. Aber das ist eben eine kulturelle, zivilisatorische Aufgabe unserer Gesellschaft. Der Fall von Essen zeigt, dass man Empathie und Beziehungswahrnehmung von Menschen untereinander pflegen und kultivieren muss, dass sie nicht "einfach so" da ist.

Genau diese Chance wäre verspielt, wenn wir uns darauf beschränken, uns über vier einzelne Menschen aufzuregen.

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G. Szekatsch

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