Die Tragödie der Gemeingüter - warum Maßnahmen gegen den Klimawandel so schwer umzusetzen sind.

Warum fällt es so schwer Maßnahmen gegen Klimawandel, Plastikmüll im Meer oder den Verlust der Biodiversität zu ergreifen? Das zugrundeliegende Problem ist altbekannt und wird in der Literatur als „Tragödie der Gemeingüter“ beschrieben: gemeinsam genutzte Ressourcen werden oft bis zur Erschöpfung übernutzt. Die einzelnen Nutzer haben Anreize mehr davon in Anspruch zu nehmen, als es eine effiziente und nachhaltige Nutzung erlaubt.

Die Erschöpfung von Gemeingütern lässt sich nur mit einer Beschränkung der Nutzung verhindern. Im besten Fall durch Regeln, die (1) den Erhalt der Ressource sicherstellen und (2) eine effiziente Nutzung ermöglichen. Die Herausforderung im Umgang mit unseren Ökosystemen bestehen darin, solche Regeln zu finden und zu etablieren.

Was sind Gemeingüter?

Gemeingüter sind begrenzte Ressourcen, von deren Nutzung andere Menschen nicht ausgeschlossen werden. Ein wichtiges Beispiel für ein Gemeingut ist der öffentlicher Raum. Dieser wird für Mobilität, Freizeitaktivitäten und Erholung genutzt. Ökosysteme und die Nuzung von sogenannten Ökosystemdiesnstleistungen sind ebenfalls Gemeingüter. Darunter fallen Gewässer, welche als Trinkwasser, zur Bewässerung, für Fischfang und auch zur Abwasser- und Müllentsorgung genutzt werden. Die Atmosphäre ist ebenfalls ein Gemeingut. Neben ihrer offensichtlich wichtigen Rolle bei der Bereitstellung unserer Atemluft wird sie zur Abgas- und CO2 Entsorgung genutzt.

Das Problem mit Gemeingütern ist, dass der Nutzen durch die Inanspruchnahme der gemeinsamen Ressourcen dem Einzelnen zufällt, während die Kosten von allen getragen werden. Zum Beispiel hat ein Reisender durch eine Flugreise einen großen Nutzen, während die Kosten durch den zusätzlichen CO2 Ausstoß so gut verteilt werden, dass sie für den Reisenden selbst gar nicht sichtbar sind. Dieser hat keinerlei Anreiz mit der Ressource Atmosphäre sorgsamer umzugehen und das Verhalten zu ändern.

Viele unserer gemeinsam genutzten Ressourcen werden daher so stark übernutzt, dass sie ihre Funktionen nur noch eingeschränkt erfüllen können. Im öffentlichen Raum kommt es mit steigender Anzahl und Größe der motorisierten Fahrzeuge zu vermehrter Staubildung, zur Verdrängung anderer Formen der Mobilität, und einer Reduktion des Freizeit- und Erholungswertes. Böden und Meere, die zur Entsorgung von Plastikabfall genutzt werden, sind in deren Nutzung zur Lebensmittelproduktion und in deren Funktion als Lebensraum für Pflanzen und Tiere eingeschränkt. Die Nutzung der Atmosphäre als Lager für CO2 beinträchtig ihre Funktion bei der Regulierung der Temperatur und des Klimas.

Die Herausforderung: Nutzungsregeln für Gemeingüter

Die meisten Gemeingüter wurden erst mit steigender Bevölkerung und mit der wirtschaftlichen Entwicklung zu einer knappen Ressource. Garett Hardin beschreibt in einem vielbeachteten Artikel „The tragedy of the commons“ die Herausforderung, wenn die Nutzung einer zuerst unbegrenzt genutzten Ressource eingeschränkt werden muss: Zuerst haben wir die Nutzung der Gemeingüter in der Lebensmittelproduktion beschränkt. Weiden wurden zu Privateigentum, Jagd und Fischerei reguliert. Später wurde die Nutzung der Natur zur Müllentsorgung eingeschränkt. Diese Einschränkungen werden in der westlichen Welt auch weithin akzeptiert. Wir kämpfen noch mit der Verschmutzung unserer Gemeingüter durch Autos und Industrie, den Auswirkungen von Insektiziden und Düngern, sowie mit Atomkraftwerken und deren Abfall.

Einschränkungen, welche bereits in der Vergangenheit etabliert wurden, werden akzeptiert, da sie nicht als Verlust wahrgenommen werden. Doch neue Einschränkungen und Regeln werden vehement bekämpft, als inakzeptablen Eingriff in Recht und Freiheit.

Regeln zur Nutzung von Gemeingütern müssen sich an geänderte Bedingungen anpassen, bzw. in manchen Bereichen müssen solche Regeln überhaupt erst etabliert werden. Diese Situation ist keinesfalls neu, nur haben sich die Herausforderungen mit der wirtschaftlichen Entwicklung von lokaler Ebene (gemeinsam genutzte Weiden, Wasserversorgung, Fischgründe) auf globale Ebene (Atmosphäre, Nutzung der Ozeane) verschoben.

Globale Regeln zu finden ist äußerst schwierig. Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom beschreibt in ihrem Buch „Governing the commons“ Bespiele für die Organisation gemeinsam genutzter Ressourcen auf lokaler Ebene. Die Etablierung von Regeln wird schwieriger je mehr Beteiligte, je ungleicher die Interessen, und je ungleicher die Verteilung der Kosten. Genau diese Faktoren beschreiben das Problem mit Klimawandel, Plastikmüll in Meeren und Böden und den Verlust der Biodiversität.

Wird uns die Tragödie der Gemeingüter zum Verhängnis?

Globale Regeln zu etablieren wird unter Umständen nicht gelingen. Weder Klimawandel, Plastikmüll oder Verlust der Biodiversität haben eine technische Lösung. Das heißt nicht, dass Technologie nicht helfen kann die Probleme zu mildern. Aber solange die Ressourcen kostenfrei und weitgehend ungeregelt genutzt werden können, fehlt der Anreiz effiziente technische Lösungen zu finden.

Mit freiwilligen Verzicht lässt sich das Problem nicht lösen: Gordon (1954) hat das so formuliert: Niemand misst einem Besitz, der allen zur freien Verfügung steht, einen Wert bei, weil jeder, der so tollkühn ist zu warten, bis er an die Reihe kommt, schließlich feststellt, dass ein anderer seinen Teil bereits weggenommen hat. Das ist auch beim Klimawandel nicht auszuschließen: eine überraschende Reduktion des CO2 Ausstoßes könnten viel zum Anlass nehmen ihren eigenen Ausstoß wieder zu erhöhen und ihre Bemühungen zu reduzieren.

Sind wir nun der Tragödie der Gemeingüter hilflos ausgeliefert? Es gibt durchaus erfolgsversprechende Strategien, um sinnvolle und effiziente Nutzungsregeln für globale Gemeingüter zu schaffen. Dazu gehört die Beendigung staatlicher Förderung der Übernutzung von Ressourcen und Maßnahmen auf lokaler Ebene.

Staatliche Förderung für die (Über-) Nutzung von Gemeingütern beenden

Der IMF schätzt in einem kürzlich veröffentlichtem Working Paper, dass die weltweiten Subventionen für Energieproduktion und Verbrauch im Jahr 2013 ca. 5 Trillionen Dollar entsprachen, ca. 5.5 Prozent des globalen BIP. Die Autoren des Papers argumentieren, dass die Reduktion dieser Subventionen eine 20-prozentige Reduktion des CO2 Ausstoßes bring und durch eine Reduktion von Verzerrungen und Ineffizienzen eine Steigerung des Wohlstandes.

Kontraproduktiv im Sinne einer effizienten und nachhaltigen Nutzung von Gemeingütern sind die vom Staat etablierten Nutzungsregeln für den öffentlichen Raum. Vor allem innerstädtischer öffentlicher Raum wird zum großen Teil exklusiv dem motorisierten Verkehr zur Verfügung gestellt. Das verursacht hohe Kosten durch Lärm, Abgase, Flächenverbrauch und Flächenversiegelung. Es macht es auch für die Bevölkerung schwieriger, kostengünstigere und attraktive Alternativen zur Verbrennungsmotor-basierten Mobilität zu finden.

In Österreich und Europa gibt es eine Vielzahl an Regelungen die ressourcenschonendes Verhalten gezielt benachteiligen. Ein Beispiel ist die steuerliche Bevorteilung von Flugreisen gegenüber Bahn und Bus. So zahlen Fluggesellschaften keine Mineralölsteuer und grenzüberschreitende Flüge sind, im Gegensatz zu Bahn und Bus, mehrwertsteuerfrei. Viele weitere Regulierungen erschweren eine effizientere Nutzung unserer Gemeingüter. Zusätzlich verhindern bürokratische Hürden den öffentlichen Verkehr durch Fernbusse. Damit wird kostengünstige und ressourcenschonende Mobilität behindert.

Maßnahmen auf lokaler Ebene

Ein weiterer Ansatz Maßnahmen auf lokaler Ebene. Das kann funktionieren, weil Strategien, um das globale Problem zu bekämpfen, auch eine geeignete Antwort auf lokale Herausforderungen sind. Zum Beispiel sind Maßnahmen den Klimawandel zu bekämpfen oft auch geeignet die Folgen des Klimawandels abzuschwächen.

Der Umstieg auf effizientere Verkehrsmittel würde es ermöglichen mehr Grünflächen zu schaffen, damit Lebensqualität erhöhen, und die extreme Aufheizung im Sommer verhindern. Humusaufbau in landwirtschaftliche Böden bindet nicht nur CO2, es verbessert auch die Wasseraufnahmen und dessen Speicherung. Relativ kostenarme Änderungen der Düngetechnik ermöglichen es auch den Ausstoß von Methan und Lachgas als Klimagase zu reduzieren. Plastikmüll ist nicht nur ein Problem für die Meere, sondern zunehmend auch für landwirtschaftliche Böden. Vermeidung, Recycling und saubere Entsorgung von Plastikabfall verringert nicht nur Plastikmüll in den Weltmeeren, sondern auch in unserer eigenen Umgebung.

Fazit

Der globale Character ökologischer Herausforderungen, wie Klimawandel und Plastikmüll in den Ozeanen, erschwert es, dafür Lösungen finden. Das würde uns aber nicht daran hindern für diese Herausforderungen auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene Lösungen zu suchen. Es sind keinesfalls alle Maßnahmen zum Schutz von Gemeingütern sind kostspielig. Bei einer klugen Gestaltung, wie dem Abbau von schädlichen Subventionen, bekommen wir sogar eine Erhöhung der Lebensqualität dazu.

Der Grund für unsere weitgehende Inaktivität dürfte eher in der Abneigung von Veränderungen liegen, vor allem da Verhalten mit hohem ökologischen Fußabdruck einen hohen Stellenwert hat, z.B. große Autos oder Flugreisen. Nicht förderlich ist auch, dass jene Maße, mit denen wir den Erfolg von Politik messen (z.B. das BIP), Ökosysteme als Kapitalgut und Ökosystemdienstleistungen als wichtigen Output völlig ignorieren.

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