Vier Spinner auf dem Weg nach Wien

Vier Spinner auf dem Weg nach Wien oder: Der Sonne entgegen

Von Bregenz nach Wien sind schon viele Leute mit dem Rad gefahren. Aber die 700 Kilometer und 4000 Höhenmeter hat wohl noch niemand mit dem dafür denkbar ungeeignetesten Rad in Angriff genommen: Mit dem 25 Kilo schweren ViennaCitybike.

Als mir Stefan Hagmair das erste Mal von seinem Projekt erzählte, dachte ich: „Die Typen sind vermutlich verrückt.“ Aber da Christoph Wiesmeyr, Markus und Martin Stadlbauer und Stefan Hagmair sich von derlei Unterstellungen von aussen nicht irritieren lassen, sind sie am 13. Juni losgefahren. Genau wie geplant: Von Bregenz nach Wien. Mit dem Fahrrad. Seither weiß ich: Die vier Wiener sind nicht nur vermutlich, sondern tatsächlich verrückt. Und zwar auf eine Art, die ich schätze.

Die vier Spinner (ich bleibe jetzt der Einfachheit halber bei dieser Terminologie) wollen ihre Österreich-Durchquerung der Sonne entgegen binnen einer Woche nämlich nicht mit Rädern machen, die dafür schon zigtausende andere Rad-Freaks verwendet haben. Also weder mit Renn- noch mit Tourenrädern. Auch nicht mit Mountainbikes. Wiesmeyr, die Stadlbauers und Hagmair haben sich für die 700 Kilo- und 4000 Höhenmeter zwischen Bodensee und Stephansplatz nämlich das denkbar ungeeignetstes Rad ausgesucht: Vienna Citybikes.

Für alle, die diese in Wien an 120 Stationen gratis entlehnbaren Bikes nicht kennen: Die Citybikes sind massive, solide Kurzstreckenfahrzeuge. Sie wiegen - pro Stück - knapp 25 Kilo, haben einen Innen-Dreigangschaltung, einen breiten Universalsattel - und vorne einen Einkaufskorb. Wenn man mit ihnen über einen oder mehrere Randsteine fährt oder sich eine Kopfsteinpflaster-Session gibt, kann es schon vorkommen, dass das Gepäck aus dem Korb hüpft. Aber dem Rad passiert nix. Nie. Theoretisch könnte man mit den Citybikes vermutlich sogar durch einen Berg Glasscherben fahren: Die mit irgendeinem Schaum gefüllten Reifen können keinen Patschen kriegen.

Genau ist das Konzept: Nur ein de facto unkaputtbares Bike eignet sich für ein Gratis-Stadtrad-Leihsystem. Das System basiert darauf, dass die Räder möglichst rasch und möglichst oft eingesetzt werden - daher ist die freie Benutzung auf eine vergleichsweise kurze Zeitspanne eingeschränkt. In Wien ist das eine Stunde. Anderswo meist nur eine halbe: Wien war der „große“ Testlauf des Betreiber des mittlerweile weltweit erfolgreichsten Gratis-Leihradsystems - und da die Durchschnittsnutzungszeit angeblich um die 27 Minuten liegt, adaptierte man die Ausleihzeit in den meisten Folgestädten …

Egal. Worauf es hier und jetzt ankommt: Die Räder sind nicht für lange Reisen oder Bergtouren gemacht. Und auch wenn ein paar (andere) Irre damit schon die - schon mit Renn- undBergrädern wirklich nicht einfach zu fahrende - „Eiserne Hand“, also die Quasi-Diritissima von der Donau hinauf auf den Kahlenberg, geschafft haben: Quer durch Österreich mit diesen Rädern zu fahren ist definitiv noch ein bisserl freakiger.

Aber es geht. Und zwar bei jedem Wetter. Denn wenn Sie diesen Text lesen, sind die vier Verrückten vermutlich schon knapp vor Wien oder sogar schon wieder daheim. Doch während ich ihn schreibe, gurken sie noch in Tirol herum. Und kämpfen weniger mit dem Gerät als dem Element: Das Wetter ist denkbar schlecht. Sonne? Von wegen! Kalt, nass, windig. Aber das, schreiben die Vier in ihrem Blog - und sieht man dort auch in den Bildern - , ficht sie kaum an. Im Gegenteil, es beflügelt sie nur noch: Je härter die Bedingung, umso grandioser der Triumph.

Deshalb staunt der Westen Österreichs gerade über vier Herren, die mit seltsamen Rädern mit einem Affenzahn (das Durchschnittstempo der vier auf den schwerfälligen Pummelchen kriegen andere Leute oft nicht einmal als Höchstgeschwindigkeit hin) über die Landstraßen gen Osten düsen. ber die Landstraßen gen Osten düsen.

Und auf die Frage nach dem „Warum“ erschreckend klare Antworten haben: Weil es geht. Weil es Spaß macht. Und weil sie damit etwas beweisen. Und zwar all jenen, die beharrlich behaupten, dass das Fahrrad schon für alltägliche Wege ungeeignet sei. Doch um diesen Beweis auch in der Praxis zu erbringen, sollte man tunlichst eines sein: Verrückt. Zumindest ein bisserl.

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