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Es muss wohl Anfang der 90er des vorigen Jahrtausends gewesen sein. Zu dieser Zeit gab es in unserem Haushalt lediglich einen Fernsehapparat. Und der stand im Wohnzimmer. Folglich kam es auch oft vor, dass ich mir Nachmittag das komplette Kinderprogramm gemeinsam mit meinem Sohn ansah. In die unterschiedlichsten Zeichentrickserien wurde ich von meinem Filius bis ins letzte Detail eingeweiht. Unter der Woche gab es für ihn eine fixe Bettgehzeit. Das Kind und auch die Mutter brauchen ja ausreichend Schlaf. Immerhin mussten wir täglich um 6 Uhr früh aufstehen.

Am Wochenende war ich da nicht so streng. Meist war der Junge ohnehin so ausgepowert, dass er ganz von alleine und freiwillig schlafen ging. Er war einer dieser Buben, die permanent mit seinen Freunden draußen im Hof unterwegs war. Ein absolutes sportliches Energiebündel. Stillsitzen fiel ihm ziemlich schwer. Heute würde man das schon fast als ADHS bezeichnen. Für mich war er eben nur ein kleiner Bub mit verdammt viel Energie und Neugierde.

Es war ein Samstagabend. Im Fernsehen gab es abends eine Aufzeichnung aus den Kammerspielen aus dem Jahre 1978.

Pension Schöller ist ein Lustspiel von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs aus dem Jahre1890. Die Uraufführung fand am 7. Oktober 1890 in Berlin statt.

Natürlich ließ ich mir das nicht entgehen und platzierte mich vor dem TV-Gerät.

Dieses Theaterstück mit legendären Schauspielern wie Max Böhm, Marianne, Schönauer, Bert Fortell, Alfred Böhm, Hugo Wiener und vielen anderen österreichischen Bühnengrößen ist wunderbar unterhaltsam.

Kurze Inhaltsangabe: Ladislaus Robitschek (Max Böhm) wird ein Opfer eines jugendlichen Scherzes: Er bekommt den Hinweis, dass die „Familienpension Schöller“ keine Pensionsgäste beherbergt, sondern eine Irrenanstalt ist. Den vermeintlichen Irren gegenüber nimmt sich Robitschek so einiges heraus und merkt nicht, dass er selbst der Angeführte ist. „Pension Schöller“ handelt letztlich davon, wie leicht Menschen voneinander glauben, dass sie spinnen. Und bringt zum Beweis zahlreiche, liebenswerte Sonderlinge auf die Bühne. Zum Beispiel den Mann, der kein „L“ aussprechen kann, der immerzu nur ein „N“ herausbringt, den es aber dennoch drängt, Schauspieler zu werden. Alfred Bähm gab diesen Schauspielanwärter mit Handicap zum Gaudium des Publikums. Die hemmungslose Blödelei in der Regie von Heinz Marecek amüsierte das Publikum über alle Maßen.

So auch mich. Ich zerkugelte mich vor Lachen. Mein lautes überhörbares Gekicher, lockte meinen Sohn aus seinem Zimmer. Barfuß kam er angerannt und guckte fragend durch die Wohnzimmertüre. „Mama, wieso lachst Du so laut.“ Da musste ich gleich noch mehr lachen. „Darf ich auch zusehen?“, fragte er. Ich nickte nur kurz mit dem Kopf. Er kuschelte sich neben mich auf das Sofa. Gemeinsam haben wir uns die Komödie angesehen.

Nach meiner Erinnerung nach, war er damals etwa 7 Jahre alt. Ich sah keinerlei Anlass, dass sich der kleine Mann mit mir das Stück nicht ansehen sollte.

Eine Szene aus diesem Stück gibt es, die uns für alle Zeiten in besonderer Erinnerung bleiben wird.

„Wally Staudinger“ (Cissy Kraner) – „Ich bin eine Dirne!“

Dieses zauberhaft vorgetragene Couplet, hatte meinem Sohn besonders gut gefallen. Die nächsten Tage mimte er die Sängerin aus dem Stück immer wieder nach. Das aberwitzige daran war, dass er anstatt: „Ich bin eine Dirne“ immer„Ich bin eine Birne“, sang. Natürlich gab das nun dieser Szene aus dem Boulevardstück eine spezielle Note. Ob nun Dirne oder Birne, es war gleichermaßen einfach köstlich. Ich sah nicht wirklich einen Anlass, meinem 7 jährigen Sohn auf seine Buchstabenverwechslung aufmerksam zu machen. Zumal es dann auch Erklärungsbedarf geben müsste.

Jahre später, spielte es diese Komödie wieder im Fernsehen. Mein Sohn erinnerte sich noch ziemlich genau an den damaligen Abend.  Mit dem Unterschied, dass nun aus der „Birne“ tatsächlich eine „Dirne“ wurde. Mag sein, dass die Aufklärung darüber relativ locker über die Bühne ging, weil eben diese witzige Verwechslungsgeschichte dahinter steht.

Doch es gab viele Dinge in der Kindererziehung, die ich eher gelassen anging. An den genauen Wortlaut des Gespräches erinnere ich mich nicht mehr genau, aber es war sicherlich seinem Alter und seinem Wortschatz angepasst. Wenn ich mir die heutigen Umstände, und den problematischen Umgang mit den Medien hinsichtlich Kinder beobachte, ist das sicherlich nicht mehr vergleichbar. Dazwischen liegen mehr als zwanzig Jahre. Ich kann auch nicht sicher sagen, wie ich jetzt damit umgehen würde.

Doch ich denke, offene und unverkrampfte Gespräche mit den Kindern sind sehr wichtig. Keine oder unzureichende Informationen über scheinbar heiklere Lebensbereiche sind keine Lösung. Vertrauen, damit meine ich auf beiden Seiten vorhandenes Vertrauen, schafft eine gute Basis. Das Kind wird dann mit seinen Fragen und Sorgen gerne zu mir kommen, um Antworten zu finden. Selbstverständlich wird es auch das eine oder andere von Freunden, in der Schule usw. erfahren.

Das Internet ist ohnehin ein ganz eigenes Thema, doch ich denke auch hier gibt es wohl Möglichkeiten. Wichtig erscheint mir, einen sinnvollen Umgang mit der virtuellen Welt (vor) zu leben. Vor allem klar den Unterschied zur realen Welt aufzeigen.

Ich beobachte das z.B. bewundernd bei meiner Allerliebsten. Ihre Kinder 16 (Tochter) und 10 (Sohn) Jahre alt. Diese Familie hat in jeglicher Hinsicht, einen sehr ausgewogenen Umgang mit Fernsehen, Internet und Handy gefunden. Die Priorität des Zusammenlebens war all die Jahre, Kommunikation und Gemeinsames Tun. Ein gemeinsames Abendessen und Gespräche haben immer Vorrang. Das ist die Hausregel. Ohne Zwang und ohne erhobenen Zeigerfinger. Für mich ein gutes Beispiel, dass auch in der heutigen Zeit – Familie funktioniert.

Manches Mal habe ich heute schon sehr den Eindruck, dass Kinder viel zu früh auf sich alleine gestellt sind. Mit sich und all ihren Problemen alleine gelassen. Auch wenn wir den Eindruck haben, die Kinder sind frühreif – das täuscht, denke ich. Scheinbar wissen heute viele Kinder über alles Bescheid. Nachfragen, was sie tatsächlich verstehen, ist eine gute Möglichkeit.

Die Zeitung in der U-Bahn ist für mich persönlich nicht unbedingt eine primäre Informationsquelle, ich lese sie nicht. Ich kann mir z.B. vorstellen, wenn mein 7 jähriges Kind mit der von aufgeworfenen Frage:

Warum muss ich meiner 7jährigen Tochter erklären, was Analsex ist?

von  Johanna V.

zu mir kommen würde, dass ich mir gemeinsam dieses Blatt ansehen würde. Vermitteln, dass dies kein Lesestoff für Kinder ist. Natürlich dies auch begründen. Wenn es nun tatsächlich um die erwähnten Anzeigen geht, gibt es auch hier sicherlich eine passende Gesprächsbasis. Ich denke, als Mutter hat man da einen ganz guten Instinkt. Es braucht natürlich Geduld, Ruhe und Einfühlungsvermögen zueinander und miteinander. Wahrscheinlich macht es auch ein wenig Unterschied ob Tochter oder Sohn. Unbefangen über Tabuthemen zu reden, fällt ja den Erwachsenen untereinander schon sehr schwer. Sonst würde sich diese Frage wohl kaum stellen, denke ich.  Jetzt unabhängig davon, dass heutzutage der Zugriff zu Material im Bereich Sex und Pornografie sehr einfach ist.

Ich weiß, es ist nicht leicht und mir ist bewusst, dass es auch nicht mehr so wie „Früher“ ist, doch es kann funktionieren.

Wenn ich an meine Kinder und Jugendzeit denke, gab es all diese Themen in meinem Umfeld überhaupt nicht. Zumindest war es mir nicht bewusst. Mit 12 habe ich das erste Mal im „Bravo“ über Sex und Liebe erfahren. Mit 13 dachte ich, ich bekomme vom Küssen ein Kind. Mit 14 hatte ich ein wenig Ahnung, woher denn die Babys kommen. (v. ?? bis etwa 15 kam es zu sexeuellen Übergriffen, seitens meines Vaters). Mit 16 hatte ich meinen ersten Freund, den ich dann auch mit 19 geheiratet habe. Mit 23 wurde ich Mutter und hatte absolut null Ahnung wie ich ein Kind groß ziehen sollte.

Seltsam. Damals wie heute, wird viel zu wenig miteinander geredet!

Dennoch habe ich es irgendwie geschafft. Obwohl ich bei meiner Erziehung nicht gerade die beste Unterstützung des Kindesvaters hatte. Überdies war meine persönlicheKindheit auch nicht gerade vorbildlich gewesen.

Keine Ahnung, wieso ich vieles einfach so machte, wie ich es bei meinem Sohn getan habe. Vielleicht war es mein Vorsatz, es besser als meine Eltern zu machen und meine Eloquenz in vielen Bereichen. Ja und sicherlich eine Menge Kreativität und Freiheit, die ich meinen Sohn und mir zugestanden habe.

Und ich denke, es ist mir ganz gut gelungen. Mein Sohn wird demnächst 30. Er studiert, arbeitet, treibt Sport, kocht zu Hause, nimmt keine Drogen und fährt nie alkoholisiert Auto. Unsere Gespräche sind bis heute sehr umfangreich und spannend.

Vor ein paar Jahren habe ich ihm eine DVD mit der Aufnahme von „Pension Schöller“ zu Weihnachten geschenkt. Somit können wir uns immer wieder gemeinsam die „Dirnenszene“ ansehen und immer wieder schallend darüber lachen.

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