Die öffentliche Hand muss nicht immer unbedingt den letzten Cent herausschlagen. Es ist für die Gemeinschaft ein geldlich nicht bezahlbarer Wert, wenn die Lebensqualität erhalten wird.
Am Beispiel Duisburg: Die Weißen Riesen in Duisburg‑Hochheide waren in den 1960er‑Jahren ein Prestigeprojekt. Gebaut als moderne Großwohnanlagen, sollten sie den Wohnraummangel der Nachkriegszeit lösen und ein neues städtisches Selbstbewusstsein ausdrücken. Die Kommune unterhielt die Gebäude zuverlässig: Hausmeisterdienste, Reparaturen, Grünpflege, soziale Betreuung – ein funktionierendes kommunales Modell. Die Hochhäuser galten als Symbol für Fortschritt und bezahlbaren Wohnraum.
Doch ab den 1990ern begann eine politische Wende: Kommunen verkauften große Wohnungsbestände, darunter auch die Weißen Riesen. Die Privatisierung wurde als „Effizienzsteigerung“ verkauft – in Wahrheit war es der Beginn eines jahrzehntelangen Verfalls. Die Gebäude wurden in Eigentumswohnungen aufgeteilt und an private Investoren, Fonds und Einzelbesitzer verkauft. Damit zerfiel die Verantwortung in dutzende kleine Teile, und niemand fühlte sich mehr zuständig.
Die Folgen sind durch zahlreiche Berichte belegt:
WELT schreibt, dass im größten Weißen Riesen 39 Wohnungen einer einzigen privaten Eigentümerin gehörten, die „bei der Stadt Duisburg und der Eigentümergemeinschaft mit Zahlungen massiv im Rückstand“ war. (Quelle: WELT, 2024)
RUHR24 berichtet, dass dieselbe Eigentümerin „erhebliche Summen schuldet“ und dadurch notwendige Sanierungen blockierte. (Quelle: RUHR24, 2024)
GEWINNERmagazin dokumentiert Schimmel, Schädlingsbefall, kaputte Bäder, fehlende Böden und Asbestverdacht – direkte Folgen ausbleibender Instandhaltung. (Quelle: Gewinnermagazin, 2024)
WDR beschreibt die Gebäude als „massiv verfallen“ und berichtet über Räumungen und Sicherheitskontrollen. (Quelle: WDR, 2025)
Unter privater Verwaltung wurden die Weißen Riesen zu einem sozialen Brennpunkt. Leerstand, Überbelegung, chaotische Bewohnerstrukturen und fehlende Kontrolle führten zu Kriminalität, Vermüllung und Verwahrlosung. Die privaten Eigentümer kassierten Mieten oder ließen Wohnungen leer stehen, investierten aber kaum. Die Eigentümergemeinschaften konnten notwendige Sanierungen nicht finanzieren, weil einzelne Eigentümer über Jahre hinweg nicht zahlten. Die Gebäude wurden buchstäblich „auf Verschleiß gefahren“.
Am Ende musste die Stadt eingreifen: Räumungen, Kontrollen, Zwangsversteigerungen – und schließlich der Abriss. Die einstige kommunale Zukunftsvision wurde durch private Renditelogik zerstört.
Die Weißen Riesen sind damit ein Paradebeispiel dafür, wie Privatisierung ohne Kontrolle öffentliche Infrastruktur ruiniert und ganze Stadtteile in den Abgrund zieht.
Wartung lässt sich nicht auf die Miete umlegen.
Zurück zu Berlin: In Deutschland stehen die Namen Vonovia und Deutsche Wohnen längst als Chiffren für ein Geschäftsmodell, das Wohnraum nicht als soziale Aufgabe, sondern als Renditequelle begreift. Die Kritik ist seit Jahren dieselbe, und sie kommt nicht aus politischen Lagern, sondern aus Mietervereinen, Gerichtsurteilen, Wirtschaftsprüfungen und öffentlich-rechtlichen Recherchen. Die Vorwürfe sind klar: unterlassene Instandhaltung, minimale Wartung, maximale Kostenoptimierung.
Mieter berichten von Schimmel, der trotz Meldung monatelang stehen bleibt; von Heizungen, die im Winter tagelang ausfallen; von Aufzügen, die in Hochhäusern wochenlang stillstehen; von undichten Dächern, die nur notdürftig geflickt werden. Der Mieterbund dokumentiert diese Fälle jedes Jahr, und die WDR‑Recherchen zu Vonovia zeigen dasselbe Muster: Reparaturen werden verzögert, verschoben oder nur kosmetisch ausgeführt. Bei Deutsche Wohnen ist es nicht anders – der rbb berichtete über Häuser, die „über Jahre hinweg sichtbar verfallen“, weil notwendige Arbeiten schlicht nicht stattfinden.
Die Logik dahinter ist brutal einfach: Instandhaltung bringt keine Rendite. Modernisierung schon.
Darum wird das eine vernachlässigt und das andere überbetont. Modernisierungen lassen sich auf die Miete umlegen, Wartung nicht. Also wird gewartet, bis ein Schaden so groß ist, dass er nicht mehr ignoriert werden kann – und dann wird „modernisiert“, oft teuer, oft mit fragwürdigen Kostenansätzen. Gerichte mussten mehrfach eingreifen, weil Betriebskosten falsch abgerechnet wurden oder Modernisierungskosten nicht nachvollziehbar waren.
So entsteht ein Geschäftsmodell, das Wohnungen auf Verschleiß fährt, während die Mieter steigende Preise zahlen. Die Gebäude altern, die Substanz bröckelt, und die Konzerne melden Rekordgewinne. Aus deiner Perspektive ist das kein Versehen, sondern System: Wohnraum wird ausgepresst wie ein Rohstoff, und die Menschen, die darin leben, zahlen den Preis – mit ihrer Lebensqualität, ihrer Gesundheit und ihrem Geld.