Ich konnte heute einfach nicht schlafen.

In meinem Bett, in meinen eigenen 4 Wänden, mitten in der mehrmals zur lebenswertesten Stadt der Welt gekrönten Insel der Seligen, fernab von Krieg und Zerstörung. In Wien.

Im wunderschönen, friedlichen Österreich.

Für viele sind schlaflose Nächte keine Seltenheit, und auch ich habe arbeitsbedingt schon so einige Stunden an Schlaf verloren.

Noch nie aber, niemals in meinem noch relativ jungen Leben aber haben mir so weitgreifende Sorgen um die Zukunft des Landes, in dem ich geboren, aufgewachsen und bislang sehr gerne wohnhaft bin den Schlaf geraubt.

Angst um den nahenden und unsicheren Ausgang einer Bundespräsidentenwahl, die in die Geschichte eingehen wird - nicht nur wegen ihres extremen Kopf-an-Kopf Charakters, sondern wegen ihrer gesamptpolitischen und richtungsweisenden Brisanz.

Wenn das Zünglein an der Waage nach rechts ausschlägt - und, wenn man den selbst ernannten Verschwörungstheoretikern unter dem Zeichen der Kornblume Glauben schenkt, dann ist das bereits geschehen - dann werden wir uns wundern, so hieß es in einem markanten Wahlversprechen.

Ich WILL mich NICHT wundern.

"Sein blaues Wunder erleben" ist ein Ausspruch dem ich bislang nie große etymologische Beachtung geschenkt hatte, und der mir jetzt permanent drohend wie ein Damoklesschwert durch die Gedanken schwingt. Ein neues Amtsverständnis will er bringen, der kunstliebende (hust), volksnahe, rasenmähende Jedermann, der von heldenhafter Standhaftigkeit ob medial vertuschter Gräueltaten am Tempelberg Kunde bringt. Der junge Heilsbringer des einfachen Volkes, dem die Schickeria nicht fremder sein könnte und der doch so freundlich und harmlos einen perfide-erfolgreichen Wahlkampf geführt hat, der ihn bis in die schwindelerregenden Höhen eines nie dagewesenen Wahlkampfes geführt hat, bis zum heutigen Tag, der das Ergebnis einer in die Verlängerung gegangenen Stichwahl mit sich bringen wird, die das Land das er zu revolutionieren droht, bereits mit einer tiefen Kluft gespalten hat.

Ich kenne solche Zustände nicht. Ich habe die ganze Nacht damit zugebracht zu versuchen zu verstehen, warum ich mich so seltsam fühle. So schrecklich seltsam, so unruhig, so innerlich aufgewühlt. Die Nacht hat keinen Schlaf, dafür aber Erkenntnis gebracht.

Und die Erkenntnis ist keine schöne.

Meine Schulzeit ist noch nicht so lange her, und ich erinnere mich, dass ein Themenkreis sich wie ein Perpetuum Mobile durch meine Geschichtsbildung gezogen hat. Geschichte war immer ein Fach, das mich sehr interessiert hat, und auch wenn ich immer der Urgeschichte und Antike am meisten zugetan war, so war es mir und selbst dem unaufmerksamsten Schüler ein Ding der Unmöglichkeit, die vergleichsweise extrem junge Aufarbeitung der Weltkriege, insbesondere des Zweiten Weltkriegs, der Österreich traf wie kaum ein anderer Krieg, zu versäumen. Immer und immer wieder las ich mit meinen Schulkollegen über die für uns so unglaublichen Gräueltaten und Schrecken eines Krieges, der dennoch so greifbar durch unsere Großeltern war und ist, die ihn großteils noch miterlebt hatten. Wir lernten über zerbombte Städte, zerrissene Familien, politische Verfolgung, Leben in Angst und Unterdrückung resultierend in Völkermord, Folter und Ausbeutung im Namen einer Gruppe die sich aus Angst und Unwissen zusammengetan hatte um ohne vorhergehenden Angriff des selbstgeschmiedeten Feindbildes zurückzuschlagen.

Ich erinnere mich noch wie surreal all dies klang, wie schockiert aber gleichzeitig fern jeglicher Vorstellungskraft ich meiner nun verstorbenen Großmutter lauschte, als sie davon erzählte wie es war, als sie sich als Kind meines damaligen Alters vor einem Bombenangriff versteckte. Wenn sie überhaupt davon sprach, mir wurde relativ wenig vom Krieg erzählt - ich war ein behütetes und geliebtes Einzelkind, dessen heile Welt erst mit den ersten Todesfällen in der engsten Familie zu bröckeln begann. Heute weiß ich nicht, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn man mir nicht noch eher davon erzählt hätte, wie es war, damals, im Krieg.

Damals, als ein charismatischer, redebegabter Österreicher die Massen verführte und ins kollektive Verderben riss.

Ob die Menschen damals auch mit den Schultern gezuckt haben, nach den ersten Wahlerfolgen seiner Partei, mit den Worten "Was soll sich denn schon groß ändern?"

Das sind nämlich die Worte die ich regelmäßig hörte in den letzten Wochen, als ich meine Ängste bezüglich der nahenden Wahlen zu äußern wagte.

Haben diese Menschen nicht (fast), zumindest in ihren Grundzügen, dieselbe Schulbildung genossen wie ich? Haben sie nichts von ihren Großeltern gehört? Wollen sie es nicht verstehen, wollen sie keine Zusammenhänge herstellen?

Was mich und mein Aufwachsen betrifft, hat man wohl angenommen, dass ich das in der Schule zur genüge hören würde, und das habe ich auch. Ich habe "Die Welle" gelesen, das zum Museum gewordene Auschwitz 2 mal besucht, ich habe einen Vater und einen Onkel die überm Frühstückstisch über Kriegsthemen sprachen. Mein verstorbener Vater war Oberst Leutnant des Generalstabs beim Bundesheer, mein Onkel ist Strafrichter in Wien. Beide sammelten Kriegsmodelle und sahen sich Filme und Dokumentationen über den zweiten Weltkrieg an. Ich konnte nicht unwissend aufwachsen, und oft war es mir schon zu viel, aber anscheinend gibt es viele, für die es nicht zu viel hätte sein können, um Verständnis zu säen. Um Obacht zu züchten, um den heutigen Tag mit seinem noch unsicheren Ausgang gar nicht erst möglich zu machen.

Sagt mir nur, dass ich übertreibe. Sagt mir, dass sich nichts ändern wird, dass der Hofer doch so harmlos ist, dass er wenigstens jung ist, nicht wie Alexander Van der Bellen, der mehr Jahre gelebt hat. Was ist daran so falsch, frage ich. Er hat Erfahrung. Ja, ihm sind vielleicht nicht die Hände am Flugzeug angefroren als er eine "Arbeit des kleinen Mannes" verrichtet hat. Ja, er redet nicht von seiner Frau, die Alte pflegt, seinem jungen Kind, erzählt nicht von seinem Mittelstandshaus am Land und seiner Wochenendbeschäftigung, dem Rasenmähen. Das hat er aber auch nicht nötig.

Er ist älter, und das sieht man ihm an. Das ist aber gut so, das ist doch legitim. Er ist lange Jahre in der Politik aktiv gewesen, er ist weit gereist und hat eine klar grüne Vergangenheit, er ist Intellektueller, er hat eine Professur. Aber er ist doch auch ein Mensch. Er ist nicht weiter entfernt vom "normalen" Volk, nur weil die "Haute Volée" ihm geschlossen den Rücken stärkt. Das macht ihn nicht weniger Mensch, nicht unnahbarer. Auch er hat Familie. Er kann sich dem "kleinen Mann" nur leider nicht so gut verkaufen.

Warum? Weil er kein Schauspieler ist, weil er authentisch ist. Er ist ein Denker, kein Verkäufer. Er sorgt sich um Österreich, um uns alle, nur eben auch über den eigenen Tellerrand hinaus - und ich bete dafür, dass ihm das nicht das Genick bricht. Denn der "kleine Mann" lebt gerne in seinem kleinen Universum, hört gerne einfache Lösungen für seine ebenso einfachen Probleme und ist sich oft selbst der nächste. Und das machen sich Politiker wie Strache und Hofer, der doch wirklich nicht viel mehr als eine clever maneuvrierte Marionette des ersteren ist, zu nutze. Denn dumm sind sie nicht, die Kornblumenträger. Harmlos sind sie auch nicht, sie locken mit den richtigen Mitteln, und die Fische beißen an.

Moderne Rattenfänger von Hameln -Nein, von Wien, aus der Landeshauptstadt und nicht im Märchen operieren sie nun.

Ein altes Märchen, das Wahrheit wird und den "kleinen Mann" mit einer alten, aber leider immer noch wirksamen, nur leicht neu interpretierten Melodie ins eigene Verderben lockt. Und die der "kleine Mann" aber eigentlich nicht interessiert, wie viele politische Entscheidungen der letzten Jahre und Jahrzehnte zeigen.

Von der "kleinen Frau" ganz zu schweigen - die interessiert sie noch viel weniger.

Aber Zeit dieser Entscheidungen waren sie noch zu klein, da waren sie keine Gefahr. Sie wurden belächelt, und das war ein Fehler, den wir nun mehr denn je spüren. Dass sie den "kleinen Mann" und die "kleine Frau" auch klein halten wollen und werden, das sieht niemand. Das will niemand sehen. Dass die Veränderung, die so sehr gefordert wird, ein Alptraum werden könnte und wohl auch wird, wenn sie ermöglicht wird, das glaubt niemand.

Denn wir sind Österreich, Insel der Seligen und Unwissenden.

Wir sind Österreich, und uns wird nichts passieren.

Wir sind Österreich, und wenn wir nicht verdammt Glück haben und heute ein Wunder geschieht, dann beginnt eine neue Ära, die mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt.

Und das, wo es jemanden gäbe, der uns so viel geben könnte. Der jemand ist, für den ich mich mehr begeistern kann als für irgend jemand anderen der bislang das Amt des Bundespräsidenten innehatte. Oh Sascha. Bitte wisse, dass es Menschen gibt, die mit dir zittern und bangen. Oh Sascha, bitte vergib den Nichtwählern, den Weiß-Wählern, den plus/minus (ich hoffe minus!) 50 Prozent, denn sie wissen nicht, was sie tun.

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G. Szekatsch

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Silvia Jelincic

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