Wie erotisch darf Narrativkritik sein?

In meinem narrativkritischen Umfeld werden hinsichtlich der Aufklärung im Wesentlichen zwei Positionen vertreten:

a) Die Kritik an gesellschaftlichen Fehlentwicklungen dürfe ausschließlich sachlich und wissenschaftlich fundiert erfolgen. b) Auch die künstlerische Bearbeitung habe einen wichtigen Stellenwert für eine gesamtgesellschaftliche Reflexion.

Im Folgenden werde ich darlegen, warum ich der zweiten Gruppe angehöre.

Das grundsätzliche Problem der rein wissenschaftlichen und sachlichen Aufklärung besteht darin, dass mit ihr nur ein relativ kleiner Teil der Gesellschaft erreicht wird. Auch wenn Literatur populärwissenschaftlich verfasst und YouTube-Beiträge didaktisch noch so sorgfältig aufgebaut sind: Viele grundsätzlich interessierte Menschen sind am Abend einfach zu müde, um sich mit komplexen wissenschaftlichen Zusammenhängen auseinanderzusetzen. In ihrer Freizeit bevorzugen sie – aus durchaus nachvollziehbaren Gründen – Tätigkeiten, die einen freudvollen Ausgleich zum Arbeitsalltag bieten.

Eine indirekte Bestätigung findet sich in der Kommunikationsstrategie von Politik und Medien. Es gibt gute Gründe dafür, dass die zentralen (Propaganda-)Botschaften nicht nur in Wissenschaftssendungen, sondern im Sinne einer Volkspädagogik auch über Filme und Unterhaltungsformate verbreitet werden. Da Emotionen unser Gehirn nachweislich stärker beeinflussen als die nüchterne Kognition, befinden sich die Vertreter der ersten Position – zumindest was die PR-Effektivität betrifft – in einer evolutionären Sackgasse.

Der konkrete Anlass, warum diese Debatte in den letzten Wochen erneut entbrannt ist, ist der narrativkritische Erotikroman „Das Gasthaus zur versohlten Hexe“¹. Hier wird mit bissiger Satire die Corona-Zeit kritisch beleuchtet; zugleich werden Klimathematik, Wokeness, Mainstream-Medien, Gehirnwäsche, Handysucht und die zunehmende Digitalisierung einer pointierten Kritik unterzogen. Der Leser wird mittels Storytelling davor gewarnt, dass die derzeitigen Entwicklungen den direkten Weg in eine digitale Diktatur ebnen können – geprägt von permanentem Impfzwang, systematischer Gehirnwäsche, Zensur, Sozialkreditsystem, Digitalwährung und Totalüberwachung.²

Genau durch diese Kombination von SM-Erotik und Gesellschaftskritik stellt sich die Frage: Kann ein Buch, das explizite erotische Szenen mit teils harten SM-Elementen enthält, gleichzeitig eine ernsthafte Kritik an gesellschaftlichen Entwicklungen üben – insbesondere an den Narrativen der Corona-Zeit und der wachsenden globalen Überwachung?

Die Frage ist legitim. Dennoch kann ich die teilweise von regelrechtem Entsetzen geprägten Reaktionen mancher meiner „Mitstreiter“ nicht nachvollziehen. Spätestens seit Fifty Shades of Grey ist das Thema SM kein Tabu mehr. Angesichts dieser Reaktionen stellt sich für mich vielmehr die Frage, inwieweit wir hier nicht (zumindest partiell) Opfer einer Inszenierung geworden sind, die uns bei bestimmten Anlässen wie CSD, Regenbogenparaden und diversen Diversity-Events durch die Fokussierung auf extrovertiert-exzessive Teilnehmer ein ganz bestimmtes Bild der BDSM-Welt vermittelt – ein Bild, das bei großen Teilen der Bevölkerung tatsächlich Abscheu hervorrufen dürfte. Sind diese transportierten Bilder vielleicht sogar so wirkmächtig, dass sie uns davon abhalten, die Frage zu stellen, inwieweit sie die Realität überhaupt widerspiegeln? Anders formuliert: Was hat diese (teilweise ausgesprochen unappetitliche) Show mit der privat gelebten Erotik zu tun, in der ein Ehepaar seine Beziehung etwa durch ein fantasievoll-romantisches Spanking-Rollenspiel bereichert? Bezeichnenderweise wird genau diese Diskrepanz im Roman durch die Protagonistin Angela auf den Punkt gebracht.

Die Stärke des Ansatzes liegt in der bewussten Kontrastierung. Die erotischen Passagen feiern Körperlichkeit, Dominanz, Hingabe und individuelle Lust – genau jene Bereiche, die in einer zunehmend regulierten und ideologisierten Gesellschaft unter Druck geraten. Gleichzeitig nutzt der Autor das Märchengerüst, um Mechanismen der Narrativkontrolle zu beleuchten: wie der Vorwurf der „Verschwörungstheorie“ abweichende Meinungen diskreditiert (davon war auch dieser Blog bereits betroffen), wie Medien und Institutionen Realitäten umdeuten und wie besonders während der Corona-Jahre Angst und Gehorsam systematisch erzeugt wurden. Die Kritik an der Umerziehung in Bildungseinrichtungen, an der Rolle der Wissenschaft als quasireligiöser Legitimationsinstanz und an der Fragmentierung natürlicher sozialer Bindungen wirkt oft treffend und nachdenklich stimmend.

Dennoch bleibt der Ansatz nicht unproblematisch. Manche Überzeichnungen in der dystopischen Zukunft wirken etwas plakativ und könnten Leser abschrecken, die differenziertere Analysen bevorzugen. Auch die Verbindung von expliziter Erotik und scharfer Gesellschaftskritik birgt Risiken: Während sie für die einen die Botschaft erst richtig zugänglich und emotional macht, könnte sie für andere die Ernsthaftigkeit der Kritik unterlaufen. Die Gefahr, dass das Buch als reines Provokationswerk abgetan wird, ist real.

Trotzdem halte ich den Versuch für gelungen. In einer Zeit, in der viele gesellschaftskritische Texte entweder trocken-akademisch oder einseitig-polemisch daherkommen, bietet der Autor eine dritte Variante: unterhaltsam, sinnlich und dennoch mit klarer Haltung. Das Buch erreicht vermutlich ein Publikum, das klassische Sachbücher zur Corona-Politik oder zum Überwachungskapitalismus nie aufschlagen würde. Gerade die erotische Ebene macht die Kritik greifbarer – sie zeigt, was verloren geht, wenn Freiheit nur noch als ideologisch genehmigte Variante existiert.

Letztlich bleibt die Frage offen, ob diese Form der Gesellschaftskritik die richtige ist; die Leserschaft wird sie unterschiedlich beantworten. Die gewählte Form ist jedoch zumindest eine mutige. Sie fordert heraus, statt zu belehren, und erinnert daran, dass Literatur nicht nur analysieren, sondern auch provozieren und berühren darf – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

¹ https://buchshop.bod.de/das-gasthaus-zur-versohlten-hexe-baron-de-fessee-9783695706655

² Siehe dazu auch die Rezension von Melanie Zauner: https://diefreiheit.info/buchbesprechung-das-gasthaus-zur-versohlten-hexe-von-baron-von-fessee/

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