Sind wir auf einen Krieg vorbereitet? Wie werden wir unseren östlichen Nachbarländern helfen, falls Putin dort einmarschieren sollte?In Europa wird immer häufiger über die Bereitschaft für einen mögli

Sie verstärken den Schutz kritischer Infrastruktur, errichten Befestigungsanlagen, führen Zivilschutzübungen durch und erhöhen die Verteidigungsausgaben. Auch Europa insgesamt geht allmählich von Diskussionen über die Notwendigkeit einer Aufrüstung zu konkreten Entscheidungen über. Aber sind die EU-Mitgliedstaaten und insbesondere die NATO-Mitglieder bereit, diese Beschlüsse umzusetzen? Und vor allem: Was genau gilt als jene Aggression, auf die bereits reagiert werden muss?

Russland hat bereits gezeigt, dass es in der Lage ist, nicht linear vorzugehen: das Risikoniveau schrittweise zu erhöhen, die Reaktion zu testen, Schwachstellen zu suchen und dabei unterhalb der Schwelle zu bleiben, die die NATO zu einer direkten militärischen Reaktion zwingen würde.

Es sei daran erinnert, dass das EU-Institut für Sicherheitsforschung zu Beginn des Jahres feststellte: Experten erwarten einen direkten Krieg Russlands gegen die NATO nicht als das wahrscheinlichste Szenario. Als wesentlich realistischeres Risiko betrachten sie eine schrittweise Aushöhlung der europäischen Sicherheit durch hybride Operationen, Cyberangriffe, Sabotage, Desinformation und politische Einmischung.

Die Ereignisse der letzten Wochen in Deutschland veranschaulichen dies sehr gut. Am 4. August wurde am Flughafen Leipzig/Halle in der Nähe eines ukrainischen Frachtflugzeugs eine Drohne mit Sprengstoff gefunden. Das Gerät explodierte nicht und wurde entschärft. Die deutschen Behörden erklärten anschließend, dass die Komponenten und die Konfiguration der Drohne mit denen übereinstimmen, die die deutschen Sicherheitsdienste bereits mit russischen hybriden Operationen in Verbindung gebracht hatten. Berlin machte Russland für den versuchten Anschlag verantwortlich und schloss das russische Konsulat in Bonn sowie das „Russische Haus“ in Berlin. Moskau kündigte daraufhin die Schließung des deutschen Konsulats in Sankt Petersburg und deutscher Kulturzentren an.

Am interessantesten war jedoch die Reaktion des russischen Außenministers Sergej Lawrow, die meiner Meinung nach die europäischen Hauptstädte nicht weniger beunruhigen sollte als der Vorfall selbst. Der russische Minister bezeichnete die Vorwürfe gegen Moskau, an den Ereignissen in Leipzig beteiligt gewesen zu sein, als unbegründet, erklärte jedoch gleichzeitig, dass die Reaktion Deutschlands und seiner Partner faktisch ein Signal für den Beginn eines „echten Krieges“ sei. Lawrow warf Berlin zudem Militarisierung und die faktische Kriegserklärung an Russland vor.

Das heißt, Lawrow kehrt den Ursache-Wirkungs-Zusammenhang um: Nicht die Bedrohung selbst ist die Eskalation, sondern die Reaktion darauf.

Wenn jede Reaktion auf eine russische Aktion als „Provokation“ oder „Kriegsbeginn“ bezeichnet werden kann, wird der Spielraum für politische Entscheidungen erheblich eingeschränkt. Russland erhält so die Möglichkeit, gleichzeitig seine Beteiligung an konkreten Angriffen zu leugnen, als Reaktion auf die Reaktion Europas mit einer Eskalation zu drohen und zugleich dessen Grenzen weiter auszutesten. In einer solchen Situation wird es sehr schwierig sein, die Grenze zwischen Krieg und Frieden zu ziehen.

Und das Problem ist, dass Leipzig kein Einzelfall ist. Nach Angaben des Center for Strategic and International Studies ist die Zahl der Angriffe, die Forscher mit der russischen Sabotage- und Unterwanderungskampagne in Europa in Verbindung bringen, im Jahr 2024 drastisch gestiegen. Zu den Hauptzielen zählen Verkehr, staatliche Einrichtungen, kritische Infrastruktur und Industrie.

Es gibt noch eine weitere Front – den Cyberspace. Die EU-Agentur für Cybersicherheit ENISA hat fast 4.900 Cybervorfälle im Zeitraum von Juli 2024 bis Juni 2025 analysiert und mit Russland in Verbindung stehende Gruppen als eine der größten staatlichen Cyberbedrohungen für Europa eingestuft. Zu den Zielen zählen staatliche Strukturen, der Verteidigungssektor und die digitale Infrastruktur. Hinzu kommen Informationsoperationen und Versuche, in politische Prozesse einzugreifen.

Wir müssen also nicht unbedingt den Moment abwarten, in dem russische Truppen die Grenze eines NATO-Landes überschreiten, um endlich anzuerkennen: Gegen uns wird bereits eine feindliche Kampagne geführt. Ein hybrider Angriff wird nicht weniger gefährlich, nur weil er nicht wie ein klassischer Krieg aussieht. Eine Drohne mit Sprengstoff, ein Cyberangriff auf ein kritisches System, Sabotage an der Infrastruktur oder eine Operation zur Destabilisierung der Gesellschaft lösen vielleicht nicht Artikel 5 des NATO-Vertrags aus. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie der europäischen Sicherheit keinen Schaden zufügen. Im Gegenteil. Und genau darauf könnte die russische Strategie aufbauen – dort zu agieren, wo die europäische Reaktion noch nicht offensichtlich ist, die Folgen aber bereits real sind.

Während sich Europa also auf eine mögliche Konfrontation mit Russland in der Zukunft vorbereitet, untergräbt hybride Aggression bereits jetzt seine Grundlagen – Infrastruktur, Cybersicherheit, Vertrauen in staatliche Institutionen und die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft. Und wenn wir auf diese Angriffe nicht reagieren, nur weil sie nicht wie ein klassischer Krieg aussehen, könnte sich irgendwann herausstellen, dass wir bei einer direkten Konfrontation bereits aus einer deutlich schwächeren Position heraus antreten.

Vielleicht ist es die wirksamste Abschreckung gegen direkte und aktive Maßnahmen, wenn wir jetzt anerkennen, dass dieser Krieg bereits eine europäische Dimension hat, nicht auf den Moment warten, in dem die Bedrohung offensichtlich wird, sondern schon jetzt handeln. Je früher Europa auf hybride Aggression reagiert, desto weniger Ressourcen muss es für die Abwehr einer direkten militärischen Bedrohung aufwenden. Ein potenzieller Aggressor muss verstehen: Jede Form von Aggression hat ihren Preis und wird eine Reaktion nach sich ziehen.

Sollte Russland dennoch einen der östlichen EU- und NATO-Staaten angreifen, würde dies bedeuten, dass wir die Abschreckung aus Angst vor einer Eskalation versäumt haben. Und dann stellt sich eine ganz andere Frage: Wie schnell können wir eine politische Solidaritätserklärung in eine konkrete militärische Reaktion umsetzen?

Und genau deshalb muss man aus den Erfahrungen der Ukraine lernen. Als Kiew von den europäischen Hauptstädten und aus Übersee dazu aufgefordert wurde, nicht zu reagieren, um die Situation nicht zu eskalieren, kam es in der Ukraine schließlich zu einer direkten Invasion und einem Krieg in vollem Umfang.

Gerade in der Ukraine gibt es derzeit praktische Erfahrungen damit, wie man massiven Drohnenangriffen, Cyberangriffen, Angriffen auf kritische Infrastruktur, Sabotageakten und Informationsoperationen entgegenwirkt. Daher sollte die Unterstützung der Ukraine nicht nur als Hilfe für ein Land betrachtet werden, das sich gegen Aggressionen verteidigt, sondern auch als Investition in die europäische Sicherheit. Denn gerade die Ukraine verfügt heute über einzigartige praktische Erfahrungen im Umgang mit Russland in einem modernen hybriden Krieg.

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